Dieses Informationsmodul präsentiert eine Seminararbeit, die von Studenten zu den Themen Küsten im Wandel bzw. Kulturpflanze Mais im Rahmen des weiterbildenden Fernstudiengangs "Umwelt & Bildung" der Universität Rostock angefertigt wurde.

2.2. 

Sturmfluten an der Ostseeküste – eine vergessene Gefahr?

  Zum Lesen

Der Begriff „Sturmflut“ (oder Ostseehochwasser) wird wohl von den wenigsten Menschen mit Ereignissen an der Ostseeküste in Verbindung gebracht. Zu selten ist die Wetterlage so, dass orkanartige Stürme aus nordöstlichen Richtungen die See aufwühlen und ihre Wassermassen gegen die Ostseeküste fluten lassen. Im Laufe des letzten Jahrtausends mussten an der Nordseeküste etwa eine halbe Million Menschen in den Fluten ihr Leben lassen, während es an der deutschen Ostseeküste „nur“ einige Tausend waren (Schumacher 2003).

Extreme Sturmflutereignisse liegen über 100 Jahre zurück und sind in unserem Bewusstsein nicht mehr vorhanden. Der Mensch vergisst oder verdrängt Gefahren, mit denen er nur selten konfrontiert ist. Daher muss es Ziel sein, der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns die Gefahren vor Augen zu führen und die Notwendigkeit der Küstenschutzmaßnahmen ins Bewusstsein zu rücken. Die Unterschätzung des Zerstörungspotentials der meist friedlichen Ostsee kann verheerende Folgen haben.

Die Belastungen der Küsten bei Sturmfluten ergeben sich nicht allein aus dem hohen Wasserstand, sondern aus dem gleichzeitigen Auftreten von hohem Wasserstand und extremen Seegang. Für den Seegang entscheidende Faktoren sind Windgeschwindigkeit und Richtung in dem der Küste vorgelagerten Seegebiet; weiterhin die Streichlänge des Windes und im küstennahen Raum die vorhandenen Wassertiefen. Neben dem Scheitelwert spielt auch die Verweilzeit der hohen Wasserstände für den Umfang der Küstenbelastung und damit der Küstenveränderung eine große Rolle. Vergleicht man schwere Nordseesturmfluten mit denen der Ostsee, lassen sich etwa gleich große Energiemengen feststellen, die die Küste belasten. Schwere Staufluten an der Ostseeküste haben bis zu 20fach längere Verweilzeiten als an der Nordsee, z.B. im Höhenintervall von 1 m bis 1,5 m über NN (Eiben 1992). Aus diesem Grund stehen Ostseesturmfluten in ihrer Gefährlichkeit denen der Nordsee nicht nach. Sie treten zwar vergleichsweise seltener auf, dafür jedoch überraschender und wegen ihrer Entwicklung schwieriger in ihrem Verlauf einschätzbar.

Die höchste gemessene Sturmflut der letzten 130 Jahre trat 1872 mit 243 cm mittlerer Fluthöhe auf (max. 283 cm), etwa 18 Stunden verblieb der Wasserstand über der Marke von 2,00 m über NN. Insgesamt 271 Menschen kamen ums Leben, 15.160 Personen wurden hilfebedürftig, 2.850 Gebäude zerstört oder stark beschädigt (Kiecksee 1972). Bei ähnlicher Wetterlage sind solche Sturmfluten jederzeit wieder möglich. Der Küsten- und Hochwasserschutz muss somit ständig erweitert werden.

Chronisten verzeichneten neben der „Jahrtausendflut“ 1872 historische Sturmflutereignisse für die Jahre 1304, 1320, 1449, 1625, 1694, 1784, 1825, 1904, 1913 und 1954 (Weiss 1992). Über das Ausmaß der weit zurückliegenden Katastrophen ist wenig überliefert, da gesicherte Daten der Scheitelwasserstände erst seit 1872 vorliegen. Sicher ist, dass durch die Extremwasserstände seither zahlreiche Menschen ihr Leben verloren und die Bemühungen ganzer Generationen zu Nichte gemacht wurden. Auch in der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu schweren und sehr schweren Sturmfluten an der Ostsee, zuletzt am 3./4.11.1995 und am 21.2.2002.