Dieses Lernmodul wurde von dem Verein EUCC - Die Küsten Union Deutschland e.V. im Rahmen eines Projekts zur „Sensibilisierung von Küstenanwohnern und Touristen für die Auswirkungen des Klimawandels“ erstellt. Weitere Informationen finden Sie hier.

2.1. 

Problem Meeresspiegelanstieg – Ursache, Prognosen, Folgen

Der Meeresspiegelanstieg ist in den Küstenregionen weltweit, aber auch besonders in Deutschland als ein zentraler Aspekt des Klimawandels zu nennen. Im Folgenden möchten wir daher auf diesen Aspekt in einem gesonderten Unterkapitel eingehen. 
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Der Meeresspiegel ist im letzten Jahrhundert im globalen Mittel bereits um 10-20 cm gestiegen. Doch der Meeresspiegel hat auch in der Vergangenheit immer wieder stark geschwankt. Worin liegt der Unterschied zwischen heute und gestern? Der Unterschied ist zum einen der, dass während des 20. Jahrhunderts der Meeresspiegel um 1- 2 mm pro Jahr angestiegen ist und damit schneller, als er im Durchschnitt der Jahrtausende davor gestiegen ist (vgl. Abb. 9).  Zum anderen sind sich die Klimaforscher weitgehend einig, dass für diesen ungewöhnlich schnellen Anstieg die gestiegenen globalen Temperaturen verantwortlich sind.

Als Hauptursache für den bereits stattfindenden Meeresspiegelanstieg wird die Erhöhung der mittleren Erdoberflächentemperatur gesehen. Infolge der Erwärmung dehnen sich die Wassermassen der Ozeane aus (= thermische Expansion). Aber auch das Abschmelzen von Eis der Gebirgsgletscher und des Inlandeises auf Grönland tragen ebenfalls zur Erhöhung des Meeresspiegels bei.

Die Projektionen bezüglich des Meeresspiegelanstiegs gehen in Abhängigkeit vom jeweils angenommen Szenario weit auseinander (vgl. Kapitel  1.3): Modellrechnungen des IPCC ergeben bis zum Jahr 2100 einen Anstieg des Meeresspiegels von minimal 9 bis maximal 88 cm im weltweiten Durchschnitt. Als Mittelwert werden 30 bis 50 cm prognostiziert.

Schmilzt das Eis der Gletscher, der Westarktis und auf Grönland so wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2300 sogar bei etwa 3- 5 m liegen, so der WBGU (2006). 

 

Was macht einen Anstieg des Meeresspiegels zur Gefahr?

Ob ein Meeresspiegelanstieg zu einer Bedrohung werden kann, ist abhängig von den Gegebenheiten, die an einer Küste vorherrschen. Entscheidend sind die natürlichen Bedingungen vor Ort, die natürlichen Möglichkeiten zur Anpassung an diesen Wandel sowie die Nutzung der Küstenzone durch den Menschen. Ganz grundsätzlich können folgende vier Bedrohungsaspekte unterschieden werden:

 

  1. Zum einen betrifft ein Anstieg des Meeresspiegels um nahezu 1 m vor allem tief gelegene Landschaften in Flussdeltas und Inseln. Gerade diese flachen Küstenregionen sind weltweit ein bevorzugtes Siedlungsgebiet, viele große Städte und Wirtschaftsregionen liegen nur einen bis wenige Meter über dem heutigen Meeresspiegel. Zu diesen bevölkerungsreichen und wirtschaftlich bedeutenden Küstenstädten gehören in Europa beispielsweise Rotterdam und Amsterdam. In den USA unter anderem Miami und New York, in Asien Bangkok, Kalkutta sowie große Teile von Bangladesch.
  2. Zum anderen betrifft ein Meeresspiegelanstieg ganze Staaten, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Beispiele hierfür wären die Seychellen, die Malediven oder die Marshall Inseln.
  3. Zum dritten sind einige der Küstenregionen Produktionsort für Reis. Diese auch als „Reiskammern“ bezeichneten Regionen produzieren Nahrung für Millionen von Menschen. Und diese Nahrungsmittelproduktion wird durch den Anstieg des Meeresspiegels massiv bedroht werden.
  4. Und schließlich gibt es in einigen Küstenregionen Ökosysteme und Naturschätze, die ebenfalls nur knapp über dem Meeresspiegel liegen. Zwar könnten sich Marschenlandschaften oder Mangrovenküsten bei einer allmählichen Veränderung des Meeresspiegels durch Sedimentation und Pflanzenwachstum an die neuen Lebensbedingungen anpassen. Doch gerade diese natürlichen Räume werden vielfach durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt – Bebauung und Infrastruktur begrenzen vielfach einen binnenwärtigen Rückzug. So können wichtige Lebensräume und Ökosysteme verloren gehen. Ein Beispiel hierfür wären die Everglades-Sümpfe in Florida. 

 

Der Meeresspiegelanstieg wird arme und reiche Küstenländer grundsätzlich zunächst gleichermaßen treffen. In den Industrieländern, wie beispielsweise den Niederlanden oder den USA, können jedoch Mittel verfügbar gemacht werden, um die Auswirkungen abzumildern. Hier sind sowohl Geld wie auch technische Mittel und das erforderliche Wissen für einen entsprechenden Küstenschutz in der Regel im notwendigen Maß vorhanden. Bevölkerungsreiche und wirtschaftlich bedeutende Küstenstädte in weniger entwickelten Ländern wie Bangkok und Kalkutta werden hingegen ganz anders von einem Meeresspiegelanstieg betroffen sein. Sie haben weniger Mittel für die erforderlichen Schutz- und Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung und stehen zugleich vor dem Problem, dass sich die großen städtischen Flächen in den Flussdeltas teilweise nur schwer und mit sehr großem Aufwand schützen lassen. Aufgrund von  Überflutungen wird es zu erheblichen Infrastrukturproblemen im Bereich Transport, Energie-, Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung kommen. Im Extremfall können sogar ganze Nationen ihre Heimat verlieren, Kulturen und Gesellschaften dadurch ggf. gänzlich zerstört werden. Für die „Reiskammern“ der Erde bedeutet ein Meeresspiegelanstieg erhebliche Einbußen in der Nahrungsmittelversorgung. So wird die Versorgung von rund 200 Millionen Menschen mit Nahrung durch den Meeresspiegelanstieg erheblich gefährdet. Für die weniger entwickelten Länder sowie diese Reiskammern kann ein Meeresspiegelanstieg zudem eine Auswanderungswelle auslösen, die sich auch auf die vergleichsweise sicheren Industrienationen auswirken wird.

 

Um die Küsten und das dahinter liegende Land zu schützen, können zahlreiche Maßnahmen wie  Deiche, Dämme, Sperrwerke oder Pumpen gebaut werden. Allerdings entstehen sowohl beim Bau wie auch beim Betrieb und der Wartung solcher Schutzbauten teils erhebliche Kosten, weshalb sie sich in der Regel auf die entwickelten Länder beschränken. Es ist fraglich, ob sich ärmere Länder wie Bangladesch oder die Malediven solche Schutzmaßnahmen leisten können. Hier kommt außerdem hinzu, dass der Anteil der Küsten an der gesamten Landesfläche größer ist als z. B. in vielen europäischen Ländern, weshalb die Belastung für die Volkswirtschaft dieser Länder umso größer wird.

 

Kosten werden in allen betroffenen Küstenregionen auch durch die Folgen von Überschwemmungen und Sturmfluten entstehen, so z. B. durch den Verlust von landwirtschaftlich genutztem Land, durch Küstenerosion und anderem mehr.