textSturmfluten an der deutschen Ostseek├╝ste

                                               

 (Dr. Reiner Tiesel, Oktober 2003)

                 Quelle: http://www.tiesel.de/kueste1.html 

 

Fast alle schweren Sturmfluten an unserer deutschen Ostseeküste werden durch schwere Stürme oder auch Orkane verursacht, die den Seeraum der Ostsee stark beeinflussen.Betrachtet man die Höhe und damit die Stärke der schweren Sturmfluten der letzten rund 150 Jahre, so kann man keinen eindeutigen Rhythmus der Ausbildung sehr starker Sturmfluten erkennen.Die höchste Sturmflut der letzten 130 Jahre trat nach den Warnemünder Daten 1872 mit 243 cm mittlere Fluthöhe (Maximum 283 cm) auf. Die zweithöchste Sturmflut an der deutschen Ostseeküste ereignete sich 1913 mit 189 cm - und danach folgte die Sturmflut 1904 mit 188 cm mittlere Fluthöhe.

Nach dem Krieg ereigneten sich drei sehr schwere Sturmfluten - im Januar 1954 mit 173 cm , im November 1995 mit 168 cm und im Februar 2002 mit 165 cm mittlere Sturmfluthöhe über Normal Null (NN).

Ähnlich sporadisch und unberechenbar wie die schweren Sturmfluten, treten an unserer Ostseeküste auch die stärksten Orkane auf, die häufig allein nur mit ihrer enormen Windkraft kurzfristig Sturmfluten verursachen. Zur Ausbildung der Orkane mit den höchsten Böen nach dem Krieg kam es im Februar 1962, im Oktober 1967, im Januar 1968 , im November 1972 , im Oktober 1981, im November 1992 und im Januar 1995.

Wie entstehen die Ostseesturmfluten?

Jeder schwere Sturm oder Orkan in der Ostseeregion bewirkt eine starke Änderung des Wasserstandes der Ostsee. Entstehen auflandige Windfelder, drücken sie das Oberflächenwasser an die Küste. Die Folge ist ein Wasseranstau und damit eine Erhöhung des Wasserstandes an der Küste, wobei Flußmündungen besonders gefährdet sind. Somit ist der Wind, seine Richtung und Stärke - neben Füllungsgrad der Ostsee, küstennahen Strömungen und anderen - die wahre Ursache für die Entstehung der Ostseesturmfluten. Es gibt an der deutschen Ostseeküste zwei besonders markante Sturmfluttypen und damit Großwetterlagen, auf die mein Mentor Erich Kohlmetz in seiner Dissertation meteorologisch sehr detailliert und umfassend eingegangen ist. Seine umfangreiche Doktorarbeit - in der auch auf die Ostseesturmfluten der letzten 1000 Jahre eingegangen wird - ist und dürfte das Standardwerk zum Thema Ostseesturmfluten sein. Und wer sich mit Sturmfluten der Ostsee beschäftigt, kommt an dieser wissenschaftlichen Arbeit nicht vorbei, weil in ihr insbesondere die Großwetterlagen und die meteorologischen Prozesse die ein Ostseesturmflut verursachen von einem sehr erfahrenen Praxismeteorologen sehr genau analysiert wurden.

Entsprechend der Topografie der westlichen Ostsee zum einen eine Wetterlage mit starken Nordweststürmen, die zyklonale Nordwestlage (NWz), und zum anderen eine Wetterlage mit starken bis stürmischen Nordostwinden, die Nordostlage (NE) mit ihrer Untergattung der berühmten und berüchtigten Vb-Lage.Nordwest und Nordost haben deshalb die große Bedeutung für die Entstehung einer Ostseesturmflut, weil für ihre Stärke die Streichlänge des Windes über der freien Wasseroberfläche (fetch) der Ostsee entscheidend ist. Diese Ausrichtung der freien Wasserfläche von der vorgelagerten westlichen Ostsee in Richtung Nordosten ist bedeutend größer als nach Nordwesten und deshalb sind die Sturmfluten aus Nordosten in der Regel am stärksten und gefährlichsten. Allerdings treten schwere Nordostwetterlagen relativ selten auf, aber um so katastrophaler sind allgemein ihre Auswirkungen, wie zum Beispiel bei der schweren Unwetterlage im Januar 1987, wo eine durchziehende blizzardartig Ostseezyklone auch noch eine Sturmflut verursachte.

Zur Nordwestlage:

In der Regel entstehen die Sturmfluten bei Nordwestlagen, durch das Sturmwindfeld auf der Rückseite von Stürmen und Orkanen, die meist von Südskandinavien in Richtung Nordpoloen ziehen. Damit ziehen diese starken Tiefs in der vorherrschenden Höhenwestwinddrift mit ihrem Kern (Auge) nördlich der Ostseeküste vorbei. An der Vorderse dieser schwerer Tiefs wird das Ostseewasser mit meist starken bis stürmischen Südost- bis Südwestwinden auf die offene Ostsee hinaus getragen und staut sich dort auf. Das auf der West- und damit Rückseite bestehende nordwestliche Sturm- bis Orkanfeld preßt mit immensen Winddruck dieses Wasser und anderes Oberflächenwasser an die Küste zurück. Damit kommt es zu einem sehr raschen und starken Wasseranstau an der Küste und damit zur Ostseesturmflut oder - wie die Experten sagen - zu einem Ostsee-Sturmhochwasser, weil in der fast abgeschlossenen Ostsee (Intrakontinentalmeer) Ebbe und Flut nur eine untergeordnete Rolle spielen.Das war auch 3. und 4. November 1995 der Fall, als die Sturmflut eines starken Herbststurms Millionenschäden verursachte. Eine alte meteorologische Regel besagt, dass bei diesem Sturmfluttyp der Orkan und damit die Sturmflut erst nachläßt, wenn der stärkste Luftdruckanstieg durchgezogen ist. Der markante Luftdruckanstieg, den man auch gut an einem Wohnungsbarometer beobachten kann, entsteht erst nach Durchzug der Höhenkaltfront (Trog) im Bereich der herunterbrechenden Polarluftmasse. Das Absinken der Kaltluft zum Boden hinter der Unwetterfront führt häufig zum raschen Aufbau eines relativen Zwischenhochs und damit kurzzeitig zu freundlichem, manchmal wolkenlosem Wetter. Der gleichzeitig noch voll tobende Nordwestorkan, der durch den trichterförmigen Fehmarnbelt noch verstärkt wird läßt die schwere Sturmflut in der westlichen Ostsee andauern. Es bleibt ein unvergessenes Erlebnis, wenn man bei Sonnenschein dieses Orkanfeld mit Gischt und tobender Kreuzsee - oft als blanker Hans bezeichnet - und am total überfluteten Ostseestrand 'abwettert'.

Zur Nordostlage:

Die fast immer gefährlichere Nordoststurmflut entsteht vorwiegend dann, wenn über Skandinavien ein Hoch liegt und gleichzeitig aus Südosteuropa, Raum Balkan, ein starkes Mittelmeertief nach Norden bis Nordwesten zieht. Dadurch verschärft sich über der zentralen Ostsee der Windgradient und damit der Nordostwind. Dieser Prozeß kann aber wiederholt recht lange dauern und entsprechend langatmig baut sich ein gefährlich ausgereiftes Sturm- und Wellenfeld auf, dass sich nicht selten von Sankt Petersburg bis Lübeck erstereckt. Diese sogenannten Vb-Wetterlage verursacht neben Sturm und Orkan nicht nur die schwersten Sturmfluten sonder wiederholt auch Niederschlagskatastrophen.Das war zum Beispiel auch vom 12. bis 15. Januar 1987 der Fall, wo der Ostseeraum von einer der schwersten Winterkatastrophe nach dem Krieg heimgesucht wurde. Während zu Beginn - bei schwerem Nordoststurm - auch eine der stärksten Sturmfluten auftrat (zum Beispiel Wismar 173 cm über NN) versank gleichzeitig die Küstenregion unter einer über 50 cm hohen Schneedecke und nachfolgend vereiste die Ostsee. Hauptverantwortlich für diese Multikatastrophe war eine instationäre, blizzardartige Ostseezyklone.Natürlich gibt es auch andere sturmflutverursachende Großwetterlagen, wie zum Beispiel die Nordlage, aber sie kommt recht selten vor und ihre Windstreichlänge über der Ostsee und damit ihr Anstau ist relativ gering.Gefährlich sind auch starke und anhaltende ablandige Großwetterlagen. So die Südostlage, bei der mit sehr starken südöstlichen Winden das Wasser besonders der westlichen Ostsee zur Nordsee gedrückt wird und an unserer deutschen Ostseeküste eine schwere Niedrigwassersituation, ein Sturmniedrigwasser, entsteht.

Ausblick:

Eine aktuelle Statistik des Starkwindes von Warnemünde zeigt, dass die rund 70 Orkane seit 1947 - die vielfach die Ostseesturmfluten mit hervorgerufen haben - ihr Maximum zwischen 1960 und 1975 hatten. Und nach einem Minimum zwischen 1980 und 1990 zeichnet sich bei den Orkanen seit 1990 ein Sekundärmaximum ab.Inwieweit die beiden schweren Sturmfluten 1995 und 2002 damit im tieferen Zusammenhang stehen oder ob der Treibhauseffekt mit seinen vielen milden und sehr windigen Wintern dabei eine Rolle spielt, muß noch näher untersucht werden.Jede extreme Sturmflut und jeder schwere Orkan , die rund um die Uhr auftreten können, sind eine Sonderausgabe, ein Unikat, der Natur. Beide kann man langfristig nicht vorhersagen.Mittelfristig können sie von guten meteorologischen und hydrologischen Modellen global erfaßt werden. Allerdings sollte die kurzfristige Sturmflut- und Orkanvorhersage immer den praktische Meteorologen (Synoptiker) und Hydrologen mit langjähriger Schichtdiensterfahrungen vorbehalten bleiben, weil sie die bevorstehende Naturkatastrophe am besten erfassen und davor warnen.Für die gute Prognose einer Sturmflut ist und bleibt eine enge Zusammenarbeit zwischen erfahrenen Meteorologen und Hydrologen unbedingt notwendig. Mit unseren gestandenen hydrologischen Kollegen Dr. Otto Mielke und Hans-Joachim Stigge war dies bis 1995, bis zur Schließung der Seewetterdienststelle Warnemünde /des Wetteramtes Rostock , vor Ort möglich.Entsprechend der totalen Unregelmäßigkeit der Ausbildung von extremen Sturmfluten und Orkanen sprechen die wahren Fachleuten auch in ihren wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder von der Unvorhersagbarkeit dieser schweren Naturkatastrophen an unserer Küste.Selbsternannte Experten, die einen ganz anderen Beruf haben - deshalb kann man sie auch als Pseudometeorologen oder Pseudohydrologen bezeichnen - und die heute über Sturmfluten der Ostsee Vorträge halten und sogar Bücher schreiben (und aktuell ohne fundierte Begründung für 2010 eine extreme Ostseesturmflut vorhersagen) würden das wohl nie tun, wenn sie je in diesem sehr spezifischen hydrologisch-meteorologischen Fachgebiet längere Zeit im Schichtdienst gearbeitet hätten.