In diesem Lernmodul stellt PD Dr. habil. Gerald Schernewski, Wissenschaftler am Institut für Ostseeforschung Warnemünde, Grundlagen des Integrierten Küstenzonenmanagements vor. Es richtet sich an Studenten und andere Interessierte.  

1.1. 

Definitionen der Küstenzone

Die Küstenzone umfasst sowohl einen wasserseitigen als auch einen landseitigen Streifen. Eine verbindliche Definition der Küstenzone fehlt. Die räumliche Breite, speziell landwärts, ist daher sehr unterschiedlich. In der Praxis wird die Küstenzone in Deutschland landwärts meist administrativ, durch die inneren Grenzen der Küstengemeinden oder auch die Raumplanungsregionen definiert. Für globale Analysen werden bisweilen aber auch bis zu 100 km landwärts als Küstenzone herangezogen.

Die Zone, die konkreten Planungen oder Schutzbestimmungen unterliegt, ist in der Praxis relativ schmal, wie die folgenden Beispiele zeigen. Lettland legt einen 5-7 km und Dänemark einen 3 km breiten landseitigen Streifen zugrunde. Estland, Finnland und Schweden weisen geschützte Küstenstreifen zwischen 50 m und 300 m aus. Mecklenburg-Vorpommern hat sich mit der Ausweisung eines 200 m breiten geschützten Küstenstreifens (100 m in Schleswig-Holstein) dieser Praxis angeschlossen.

Die seewärtige Ausdehnung der Küstenzone ist weit weniger umstritten. In der Regel wird eine Ausdehnung bis an die 12 Seemeilen-Grenze bzw. die nationale Hoheitsgrenze zugrunde gelegt. Neben dieser administrativen Definition existieren, vor allem in der Wissenschaft, auch biologische und physikalische Definitionen.

Der Begriff Küste wird aus geographischer Sicht verstanden als die Zone zwischen der äußersten landwärtigen sowie der äußersten seewärtigen direkten und indirekten Brandungswirkung. Die so entstehende Küstenzone im engeren Sinne reicht vom Dünen- bzw. Klifffuß bis einschließlich der Abrasionsschorre. Diese Definition findet in der Küstengeomorphologie und Sedimentologie Anwendung. Im Rahmen des Programms Land-Ocean Interactions in the Coastal Zone (LOICZ), einem Kernprogramm des 'International Geosphere-Biosphere Programmes (IGBP)' wird als Küstenzone der Bereich von der Küstenebene bis zur äußeren Grenze des Kontinentalschelfs bezeichnet.
In der EU-Wasserrahmenrichtlinie werden die Küstenzone und die dazugehörigen Flusseinzugsgebiete als Einheit angesehen, da die Flusseinzugsgebiete durch ihre Wasser- und Stofffrachten die Küstengewässer steuern. Dadurch wird praktisch ganz Deutschland in die Küstenzone einbezogen.
In vielen Regionen werden auch biotische Merkmale bei der Definition der Küstenzone herangezogen (Mangroven- und Korallenküsten). Ein Beispiel für die naturwissenschaftlich und naturschutz-orientierte Ausweisung von Küstenstreifen bzw. Küstenökosystemen stellen die Umsetzungsrichtlinien der Helcom-Empfehlung 15/1 dar.

In Deutschland kann von einer Küstenlänge von rd. 2400 km, die sich auf die Nordsee und Ostsee aufteilt, ausgegangen werden. Unter Berücksichtigung eines landseitigen Streifens von 200 m sowie einer seeseitigen Ausdehnung bis an die nationalen Hoheitsgrenzen ergibt sich eine Fläche von etwa 41.000 km², die als Küstenzone angesehen werden kann (Firn Crichton Roberts Ltd. et al. 2000). Die Küstengewässer dominieren also quantitativ in der Küstenzone.

Die rechtlich-administrativen und naturwissenschaftlichen Definitionen der Küstenzone berücksichtigen die anthropogenen und sozio-ökonomischen Aspekte nur unvollständig. Wir wollen die Küstenzone deshalb nicht nur räumlich sehen, sondern als System auffassen, in dem der Raum und die ablaufenden natürlichen Prozesse in Wechselwirkung mit anthropogenen Faktoren stehen.