Dieses Lernmodul ist Teil der Informationsplattform Wer, Wie Watt?, die im Rahmen eines Umweltbildungsprojektes erstellt wurde. Die hier dargestellten Informationen wurden von Zivildienstleistenden aus dem Naturschutz im Rahmen ihrer Ausbildung zusammen getragen. Mehr über das Projekt Wer, Wie, Watt erfahren Sie hier.

1.2. 

Negative Folgen der Nährstoffbelastung

Die Eutrophierung des Wattenmeeres ist eine schleichende Veränderung der Umwelt, die durch allerlei Tätigkeiten von Menschen in den Ländern rund um die Nordsee beeinflusst wird. 

Die Folgen der Eutrophierung sind im Wattenmeer gravierender als in der offenen Nordsee (SRU 2004, S. 69). Einige Auswirkungen sind unmittelbar wahrnehmbar, etwa „Schwarze Flecken“ oder „Rote Tiden“. Andere sind diffus oder kaum beweisbar, wie Verschiebungen im Artengefüge des Planktons und des Wattbodens sowie eine vermutete allgemeine "Düngung" des Wattenmeer-Ökosystems. 

Da es das Hauptanliegen des Naturschutzes ist, die Natur zu bewahren bzw. wiederherzustellen, werden die zahlreichen Folgen der Eutrophierung als besorgniserregend eingestuft. Allerdings beeinflussen auch andere menschliche Einflüsse wie zum Beispiel der Klimawandel (Link zu IKZM-Modul Klimawandel) und auch natürliche Schwankungen den "Ernährungszustand" des Ökosystems Wattenmeer.

 

Schwarze Flecken auf dem Watt

Besonders im Frühsommer 1996, aber generell seit den 1990er Jahren sind auf dem Wattboden verstärkt grau-schwarze Flecken zu beobachten, wo die sauerstofffreie Reduktionsschicht des Unterbodens bis zur Oberfläche durchschlägt. Trotz des direkten Kontaktes zur Wasseroberfläche und zur Luft bleiben diese Fäulnisherde über Tage und Wochen stabil. In ihnen können sich keine sauerstoffbedürftigen Lebewesen halten, das Bodenleben stirbt also dort weitgehend ab.

Ursache des Phänomens sind hohe Mengen an organischer Substanz im Boden, meist abgestorbene Tiere oder übersandete Algen. ihre Zersetzung verbraucht sehr viel Sauerstoff.

Im Frühsommer 1996 führte eine Kombination aus vielen toten Tieren im Boden (Eiswinter), einem plötzlichen Anstieg der Temperatur und einem von Kieselalgen erzeugten Ölfilm, der den Wattboden verklebte, zu einem extrem großflächigen Auftreten derartiger Schwarzer Flecken. Natürliche Prozesse und Eutrophierungswirkungen wirken wahrscheinlich bei der Entstehung Schwarzer Flecken zusammen.

(Quellen: Delafontaine & Flemming, 1997, de Jong et al., 1999, BÖTTCHER, 2003)

Artenwandel bei den Großalgen

Im Lauf des 20. Jahrhunderts hat sich auch die Zusammensetzung der Großalgen im Wattenmeer (Grün-, Rot- und Braunalgen) deutlich verändert. Während Braun- und Grünalgen zurück gegeangen sind, haben sich Grünalgen schnell ausgebreitet. Dies führte vor allem in den Sommermonaten 1989 bis 1992 zu großflächigen Algenmatten im Wattenmeer vor der niedersächsischen Küste. Teilweise waren die Algenmatten so dick, dass sie unterseits abstarben. Durch Zersetzung verbrauchten sie viel Sauerstoff und bedeckten bei Ebbe den Wattboden mit einem dicken "Leichentuch", unter dem die Bodentiere abstarben.

(Quellen: Kolbe, 1999, Reise, 2003, Reise & Siebert, 1994)

Rückgang der Seegraswiesen


Die Überdeckung durch Grünalgenmatten, aber auch die Überwucherung ihrer Blätter durch schnell wachsende und durch Stickstoff geförderte Mikroalgen, haben zu einem Rückgang der Seegraswiesen im Wattenmeer geführt.
Zwischen Anfang der 1970er- und Mitte der 1990er-Jahre nahm die von geschlossenen Seegraswiesen bedeckte Fläche vor der niedersächsischen Küste von 35,5 km² auf 8,2 km² ab. Dies ist neben anderen Faktoren auch auf die Eutrophierung zurückzuführen. Mit dem Rückgang der Seegräser, den einzigen auf den Watttflächen außerhalb der Verlandungszone vorkommenden Blütenpflanzen, geht der Verlust eines einzigartigen Lebensraumes und Nahrungsgrundes für einige Vogelarten, etwa die Ringelgänse, einher.
(Quellen: Kastler, 1999, de Jonge and de Jong, 1992)

Schaumberge am Strand

An den Stränden der Nordseeküste kann man häufig im Sommer Berge von Schaum sehen. Sie werden von einer Phytoplanktonart gebildet, der mikroskopisch kleinen Alge Phaeocystis globosa oder einfach Schaumalge.

Diese bildet Kolonien von mehreren Hundert Zellen, die von einer klebrigen Gallerthülle umgeben und zusammengehalten werden. In den letzten Jahrzehnten kommen diese Algen, die bei uns seit dem späten 19. Jahrhundert dokumentiert sind, häufiger und in größeren Massen vor. Wenn die Algenzellen nach einigen Wochen Lebenszeit absterben, schlägt der Wind die klebrigen Schleimhüllen zu Schaum - ähnlich wie man Eiweiß zu Schaum schlagen kann. Die entstehenden Schaumberge sind zwar für den Menschen nicht gefährlich, aber die Algen riechen unangenehm, und der Schaum sieht nicht schön aus. Außerdem können die Schleimhüllen die Kiemen von Fischen, Miesmuscheln und anderen Meeresbewohnern verkleben und sie so töten.
(Quellen: Hanslik 1999, Lancelot et al., 1987)

 

Meeresleuchten und "Rote Tiden"

Einige Planktonalgen, die viel Stickstoff benötigen, können durch die Eutrophierung der Küstengewässer gefördert werden. Das massenhafte Auftreten von Mikroalgen („Algenblüte“) gehört zwar zu den natürlichen Vorgängen in der Nordsee, übermäßige Algenblüten können jedoch durch die Abgabe von Giftstoffen oder beim Absinken auf den Meeresboden schädigend wirken. (SRU 2004, S. 69)

Besonders Geißelalgen, die gegenüber den sonst häufigen Kieselalgen den Vorteil haben, dass sie neben Stickstoff kein Silikat benötigen, können zu Massenvermehrungen kommen. Wenn sich im oberflächennahen Wasser pro Liter Millionen dieser Algenzellen aufhalten, treten einige Arten als rote oder gelbliche Verfärbung in Erscheinung (Rote Tide, red tide). Neben Hörnchen-Geißelalgen der Gattung Ceratium ist es auch das lachsrosa gefärbte Meeresleuchttieren (Noctiluca scintillans), das solche Verfärbungen verursacht. Zusätzlich blitzt es bei mechanischer Reizung kurz grünlich auf, was nachts bei ruhiger See als "Meeresleuchten" sichtbar ist.

Um 1930 trat das Meeresleuchten nur manchmal im Hochsommer auf, vor allem vor der ostfriesischen Küste. Heute ist es jeden Sommer bis in den Oktober hinein zu beobachten. (GESSNER 1954, Meer und Strand)

Massenauftreten von Giftalgen sind in allen Teilen des Wattenmeeres beobachtet worden, allerdings ohne beweisbare Verknüpfung mit Nährstoffeinträgen. Die auffälligsten "Blüten" gab es 1998 und 2000 vor der dänischen Westküste durch die fischgiftige Alge Chattonella.

Langzeitstudien aus dem niederländischen Marsdiep zeigen eine allgemein abnehmende Dauer der Algenblüten, was eindeutig auf den Rückgang der Nährstofffracht aus dem Rhein zurück geführt wird.

(Quellen: CWSS 2004, SRU 2004, Hanslik, 1999)