Dieses Lernmodul ist Teil der Informationsplattform Wer, Wie Watt?, die im Rahmen eines Umweltbildungsprojektes erstellt wurde. Die hier dargestellten Informationen wurden von Zivildienstleistenden aus dem Naturschutz im Rahmen ihrer Ausbildung zusammen getragen. Mehr über das Projekt Wer, Wie, Watt erfahren Sie hier.

2. 

Was spricht gegen Offshore-Anlagen?

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Bisher gibt es in Deutschland keine großen Offshore-Windkraftanlagen, und so sind auch die Einflüsse, die ein großer Windpark auf die Natur hat, schwer abzuschätzen. Auch die Beobachtungen an Windkraftanlagen anderer Länder (z.B. beim Windpark „Horns Rev“/Dänemark) lassen sich bisher nur schwer verallgemeinern und auf die deutschen Anlagen übertragen.

Die Langzeitstudien MINOS, MINOS+ und BEOFINO sollen versuchen, die Umweltverträglichkeit von Offshore-Windparks abzuschätzen [1]. Im Folgenden sind potentielle Gefahren, die von einem Windpark für die Natur ausgehen, zusammengefasst [2]:

 

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Vögel

Ohne Zweifel hätten riesige Windparks auf dem Meer Auswirkung auf ziehende, rastende und nahrungssuchende Vögel. Nachts können die Windräder ein gefährliches Hindernis für ziehende Vögel darstellen (Vogelschlag). So kamen beispielsweise  an einem Messturm in der Nordsee in zwei starken Zugnächten 200 Vögel ums Leben [3]. Die ersten Ergebnisse einer dänischen Studie deuten jedoch darauf hin, dass nicht sehr viele Vögel mit den Anlagen kollidieren [4]. Bei erwartetem starkem Vogelzug können die Windkraftanlagen abgeschaltet und aus dem Wind gedreht werden, um das Kollisionsrisiko zu mindern. Auch eine geeignete Beleuchtung kann das Kollisionsrisiko für Vögel vermindern.

Erwiesen ist, dass durch die Scheuchwirkung der Anlagen wichtige Nahrungs- und Rastflächen für bestimmte Arten langfristig verloren gehen [5]. Besonders die Seetaucher (Stern-, Eis-, Prachttaucher), die auf  See überwintern, halten 2 - 3 km Abstand von Bauwerken und Schiffen und verlieren in Windparks ihre Meeres-Lebensräume. Die Bauarbeiten und der damit verbundene Schiffsverkehr stellen eine massive Störung dar, allerdings eher kurzfristig.

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Meeressäuger (Schweinswale, Seehunde, Kegelrobben)

Für Meeressäuger können die über das Fundament in das Wasser gelangenden Betriebsgeräusche sowie ganz besonders die extrem lauten Geräusche beim Bau ein Problem darstellen. Die Betriebsgeräusche einer 2 MW Anlage (geplant sind 3 - 5 MW-Anlagen) beeinflussen die Hörwahrnehmung eines Schweinswals noch im Umkreis von 200 m. Die Geräuschbelästigung größerer Anlagen wurde bisher nicht getestet [6].

Möglicherweise werden Meeressäuger auch durch den Schattenwurf der Rotoren verängstigt oder gestört. Die Auswirkungen auf Orientierung und Verhalten der großen Meeresbewohner sind bisher ungeklärt.

Beim Bau werden die Fundamente der Anlagen durch Explosionsrammen im Boden verankert. Der hierdurch entstehende extreme Lärm (bis zu 250dB), der sich im Wasser wesentlich schneller und weiter verbreitet als in der Luft, kann Schweinswale stark stören. Man vermutet, dass sie die Rammarbeiten bis auf eine Distanz von 80 km hören können (die deutsche Nordsee hat gerade einmal Ausmaße von 300 km mal 200 km!), sie verringern erwiesenermaßen ihr Jagdverhalten bis zu 15 km von den Bauarbeiten entfernt. Man fürchtet, dass sich die Bauarbeiten negativ auf die Bestände auswirken könnten, da die Wale so gezwungen sind, sich in nahrungsärmere Gebiete vertreiben zu lassen.

Besonders empfindlich sind die Mutter-Kalb-Gruppen, die für den Fortbestand der Populationen außerordentlich wichtig sind. Der niederfrequente Lärm dringt besonders weit (bis zu 40 km störend) vor und stört die Kommunikation zwischen Mutter und Kalb, was schlechte Auswirkungen auf deren wichtige Bindung ist.

Derzeit ist vorgesehen, Schweinswale und andere mobile Meerestiere beim Beginn von Bauarbeiten durch langsam ansteigenden Lärm aus dem Gebiet zu verscheuchen. Der Einsatz von Luftblasenvorhängen zur Schallisolierung unter Wasser scheint im offenen Meer nicht möglich zu sein.

Forschungen bezüglich der Schweinswalpopulation haben ergeben, dass jede weitere Erhöhung der Sterblichkeit oder Verminderung ihrer Fortpflanzungschancen langfristig zum Aussterben der Art in der Nordsee führen würde[7].

Auch Seehunde könnten von dem Bau von Winparks betroffen sein. Studien ergaben, dass Seehunde zur Nahrungssuche oft 50 bis 120 Kilometer weit vor die Küste schwimmen[8]. Die geplanten Windparks lägen also zum Teil in den Nahrungsgebieten der Seehunde. Ob dies für die Seehunde ein Problem darstellt, ist bisher nicht geklärt.

Fische

Einige Fischarten, speziell Haie, Rochen und der Aal, nutzen das Magnetfeld der Erde als Orientierungshilfe. Die innerhalb der Windparks und bis zum Land verlegten Elektrokabel würden elektrische und magnetische Felder erzeugen, die möglicherweise die Wegfindung der Meeresbewohner behindern. Gleichstromkabel habe ein besonders starkes Magnetfeld. Schall und Vibrationen der Großanlagen können im Dauerbetrieb auch Fische beeinträchtigen.

Die Bauphase bietet zusätzliche erhebliche Gefahren für Fische und Bodentiere: Durch Trübung und Sedimentation wird die Nahrungssuche beeinträchtigt. Der Baulärm kann Kiemen, Schwimmblase und Gehör verletzen. Fischlaich und Beutetiere können durch aufgewirbeltes Sediment verschüttet werden.

Bodenleben

Die Grabungs- und Bauarbeiten stellen einen erheblichen Eingriff in die Unterwasserlandschaft dar. Lokale Zerstörungen der Bodenlandschaft wären genauso die Folge wie Überlagerung umliegender Bereiche durch aufgewirbeltes Sediment. Anschießend bieten die Fundamente ein dauerhaftes Siedlungssubstrat für Hartbodenbewohner (Seepocken, Algen, Krebsen, ...). Diese Lebensraumverfälschung wirkt möglicherweise positiv, da Hartsubstrate durch Steinfischer und Schleppnetze in der Vergangenheit oft zerstört wurden.

Landschaftsbild

Es wird befürchtet, dass die Windkraftanlagen auf weite Entfernung sichtbar sind und negative Effekte auf Tourismus und das Ansehen der Nationalparks an der Küste haben könnten. Nicht jeder empfindet Windräder am Horizont als schön. Allerdings hängt die Sichtbarkeit stark vom Wetter und der Küstenentfernung einer Anlage ab. Wer sich von Windrädern gestört fühlen will, tut dies mitunter sogar, wenn gar keine Windräder vorhanden sind.

Schifffahrt

Windkraftanlagen werden teilweise in geringer Entfernung zu Schifffahrtslinien geplant. Sollte ein Schiff durch technische Defekte oder menschliches Versagen vom Kurs abkommen, ließe sich aufgrund der geringen Eingreifzeit für Schlepper und Rettungsmannschaften eine Kollision mit den Anlagen kaum verhindern. Das Risiko für Havarien mit auslaufenden Giftstoffen oder Öl würde dadurch noch weiter ansteigen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Forderung nach Schleppern laut, die sich in jedem größeren Offshore-Windpark zur Bergung manövrierunfähiger Schiffe bereithalten sollen.

[1] Quelle: Jahrbuch Ökologie 2005

[2] Quelle: Anlage zur BUND Position zum Ausbau der Windkraftnutzung im Offshore-Bereich, Oktober 2001, sowie Vortrag beim 9. BMU/BSH-Symposium „Aktuelle Probleme der Meeresumwelt“, Hamburg, Mai 1999, zitiert nach: Offshore-Windkraftanlagen, NABU

[3] Quelle: Pressemitteilung vom 2.12.2005 des Nationalparkamtes Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

[4] Quelle: Technology Review (http://www.heise.de/tr/artikel/85729)

[5] Quelle: Forschungsprojekt MINOS (http://www.minos-info.de/material/zwiber2005/300undmehr/MINOS2005_P5.pdf)

[6] Quelle: Forschungsprojekt MINOS (http://www.minos-info.de/material/zwiber2005/300undmehr/MINOS2005_Zusammenfassung.pdf)

[7] Vgl.: Jahrbuch Ökologie 2005, Prof. em. Dr. h.c. Udo E. Simonis, Wissenschaftszentrum Berlin

[8] Quelle: Forschungsprojekt MINOS (http://www.minos-info.de/material/PM_2Dez2005.htm)

[9] Quelle: Zusammenfassung zu Meeressäugern vom WWF http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/Studie_Meeressaeuger.pdf