Disclaimer:

In diesem Lernmodul stellt PD Dr. habil. Gerald Schernewski, Wissenschaftler am Institut für Ostseeforschung Warnemünde, Grundlagen des Integrierten Küstenzonenmanagements vor. Es richtet sich an Studenten und andere Interessierte.  

Integriertes Küstenzonenmanagement

Lehrbrief und Lernmodul für die weiterbildenden Fernstudiengänge
Umweltschutz (Master) und Umwelt & Bildung (Master) sowie des Studiengangs Umweltingenieurswesen (Master)

Erstellt im Auftrag der Universität Rostock für das
Dezernat Studium und Lehre

von
Gerald Schernewski

 

Inhaltsverzeichnis

 
 Inhaltsverzeichnis
 

Vorwort

Integriertes Küstenzonenmanagement (IKZM) ist in den vergangenen Jahren auch in Deutschland zu einem zentralen Themenfeld geworden. IKZM ist keine Wissenschaft, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Aufgabe, in die auch die Wissenschaften eingebunden sind. Deshalb besteht auch der Bedarf an speziell für dieses Themengebiet ausgebildeten Personen, die neben breitem interdisziplinären, wissenschaftlichen Hintergrund in der Lage sind, Management- und Moderationsaufgaben zu übernehmen.

Integriertes Küstenzonemanagement ist keine Lerndisziplin, bei der es auf bestimmte Probleme eindeutige Lösungen gibt. Flexible Ansätze und Strategien sind gefragt. IKZM ist zudem eine dynamische und heterogene Disziplin, in der sich die Anforderungen und Rahmenbedingungen rasch ändern. Es ist daher kaum möglich auf älteres Wissen zurückzugreifen. Aktuelle Informationen sind unentbehrlich.

Daher ist das Internet in der praktischen Arbeit im Bereich IKZM von großer Bedeutung.  Gleichzeitig ist IKZM eine international ausgerichtete Disziplin, in der englische Sprachkenntnisse unentbehrlich sind. Es gibt derzeit kein deutschsprachiges IKZM.

Der Lehrbrief ist relativ kurz gehalten und vermittelt nur wesentliche Grundlagen. Er zeigt aktuelle Probleme im IKZM auf und verweist auf Wege zur Lernvertiefung. Eine Bereitschaft zur aktiven Nutzung der in jedem Kapitel angegebenen Internetadressen ist erforderlich.
Als Zeit für das einmalige Durcharbeiten des Lehrnmoduls, einschließlich der Ansicht der Bilder und Abbildungen, sind etwa 10 Stunden zu veranschlagen.

  WWW-Link

In die Kapitel sind ergänzende Texte, Dokumente und Abbildungen integriert, die zusätzliche Informationen vermitteln. Die Internet-Adressen und die in allen Kapiteln angebotene Literatur sind als Vertiefungsmöglichkeiten gedacht. Sehen Sie sich die Angebote durch und nutzen Sie die für Sie interessanten Aspekte.
Alle Informationen sind als blaue Kästchen am rechten Rand sichtbar und können durch Anklicken aufgerufen werden. Wir unterscheiden dabei vier Kategorien: "Zum Lesen" (ergänzende Literatur im Acrobat PDF-Format bzw. ergänzender Text), "Bild" (Abbildungen und Fotos), "www" (Internetlink) und "CoastLearn" (Verweis auf das internationale Lernsystem CoastLearn). Die Dokumente im PDF-Format können mit dem kostenlosen Programm "Acrobat Reader" geöffnet und ausgedruckt werden. Die Installation dieses Programms auf dem eigenen Rechner ist erforderlich. Weitere Informationen zur Navigation finden sich unter dem Menüpunkt "Hilfe".

Registrierte Studenten der Fernstudiengänge Umweltschutz und Umwelt und Bildung der Universität Rostock haben vollen Zugriff auf das Lernmodul im Internet. Dies schließt eine Nutzung des Studentenbereiches ein. Hierfür ist ein Internetzugang und die Angabe einer Email-Adresse erforderlich.

Der Studentenbereich beinhaltet Tests zur Lernkontrolle, ermöglicht eigene Notizen zu den Kapiteln und erlaubt das Herunterladen einer aktuellen Druckversion des Lehrbriefes.
Eine jährlich aktualisierte Druckversion und die wesentliche Funktionalität des Internet-Lernmoduls (einschließlich aller Dokumente, Bilder etc.) wird zudem auf CD-ROM zur Verfügung gestellt. Das Programm Acrobat Reader ist ebenfalls auf der CD enthalten.

Für Anregungen und Kritik zu Inhalt, Struktur und technischer Umsetzung des Lernmoduls sind wir dankbar.


Gerald Schernewski & Steffen Bock

 

Autor

Autor des Lehrmoduls Küstenzonenmanagement ist Privat-Dozent Dr. habil. Gerald Schernewski

Studium der Geographie mit Chemie, Bodenkunde und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kiel.

1991 Promotion und 1999 Habilitation in Kiel mit gewässerkundlichen Themen.

1991 - 1997 Tätigkeiten in der Ökosystemforschung in Kiel und Hamburg.

1997 - 1999 Gastwissenschaftler am Landesamt für Umwelt in Tampere, Finnland.

Seit 1999 am Institut für Ostseeforschung Warnemünde für den Bereich Küstengewässerforschung und -management zuständig sowie Privat-Dozent an den Universitäten Kiel und Rostock

Seit 2013 Professor an der Universität Klaipeda, Litauen sowie leitender Wissenschaftler am Marine Science and Technology Center in Klaipeda

Seit 2014 Präsident des Umweltverbandes 'EUCC - Coastal & Marine International'

Adresse: Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW)
Seestrasse 15
18119 Rostock-Warnemünde
Email: gerald.schernewski@io-warnemuende.de
Homepage: http://www.io-warnemuende.de/gerald-schernewski.html


Die technische Umsetzung des IKZM-Lernmoduls erfolgte durch Dr. Steffen Bock, promovierter Chemiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ostseeforschung.

Email: steffen.bock@io-warnemuende.de

 

1. 

Die Küstenzone: Ein Brennpunkt

Ziel:Schaffung eines Bewusstseins für die außerordentliche Bedeutung der Küstenzone und Vermittlung einiger grundlegender Fakten.
Inhaltsverzeichnis:
1. Die Küstenzone: Ein Brennpunkt
 

1.1. 

Definitionen der Küstenzone

Die Küstenzone umfasst sowohl einen wasserseitigen als auch einen landseitigen Streifen. Eine verbindliche Definition der Küstenzone fehlt. Die räumliche Breite, speziell landwärts, ist daher sehr unterschiedlich. In der Praxis wird die Küstenzone in Deutschland landwärts meist administrativ, durch die inneren Grenzen der Küstengemeinden oder auch die Raumplanungsregionen definiert. Für globale Analysen werden bisweilen aber auch bis zu 100 km landwärts als Küstenzone herangezogen.

Die Zone, die konkreten Planungen oder Schutzbestimmungen unterliegt, ist in der Praxis relativ schmal, wie die folgenden Beispiele zeigen. Lettland legt einen 5-7 km und Dänemark einen 3 km breiten landseitigen Streifen zugrunde. Estland, Finnland und Schweden weisen geschützte Küstenstreifen zwischen 50 m und 300 m aus. Mecklenburg-Vorpommern hat sich mit der Ausweisung eines 200 m breiten geschützten Küstenstreifens (100 m in Schleswig-Holstein) dieser Praxis angeschlossen.

Die seewärtige Ausdehnung der Küstenzone ist weit weniger umstritten. In der Regel wird eine Ausdehnung bis an die 12 Seemeilen-Grenze bzw. die nationale Hoheitsgrenze zugrunde gelegt. Neben dieser administrativen Definition existieren, vor allem in der Wissenschaft, auch biologische und physikalische Definitionen.

Der Begriff Küste wird aus geographischer Sicht verstanden als die Zone zwischen der äußersten landwärtigen sowie der äußersten seewärtigen direkten und indirekten Brandungswirkung. Die so entstehende Küstenzone im engeren Sinne reicht vom Dünen- bzw. Klifffuß bis einschließlich der Abrasionsschorre. Diese Definition findet in der Küstengeomorphologie und Sedimentologie Anwendung. Im Rahmen des Programms Land-Ocean Interactions in the Coastal Zone (LOICZ), einem Kernprogramm des 'International Geosphere-Biosphere Programmes (IGBP)' wird als Küstenzone der Bereich von der Küstenebene bis zur äußeren Grenze des Kontinentalschelfs bezeichnet.
In der EU-Wasserrahmenrichtlinie werden die Küstenzone und die dazugehörigen Flusseinzugsgebiete als Einheit angesehen, da die Flusseinzugsgebiete durch ihre Wasser- und Stofffrachten die Küstengewässer steuern. Dadurch wird praktisch ganz Deutschland in die Küstenzone einbezogen.
In vielen Regionen werden auch biotische Merkmale bei der Definition der Küstenzone herangezogen (Mangroven- und Korallenküsten). Ein Beispiel für die naturwissenschaftlich und naturschutz-orientierte Ausweisung von Küstenstreifen bzw. Küstenökosystemen stellen die Umsetzungsrichtlinien der Helcom-Empfehlung 15/1 dar.

In Deutschland kann von einer Küstenlänge von rd. 2400 km, die sich auf die Nordsee und Ostsee aufteilt, ausgegangen werden. Unter Berücksichtigung eines landseitigen Streifens von 200 m sowie einer seeseitigen Ausdehnung bis an die nationalen Hoheitsgrenzen ergibt sich eine Fläche von etwa 41.000 km², die als Küstenzone angesehen werden kann (Firn Crichton Roberts Ltd. et al. 2000). Die Küstengewässer dominieren also quantitativ in der Küstenzone.

Die rechtlich-administrativen und naturwissenschaftlichen Definitionen der Küstenzone berücksichtigen die anthropogenen und sozio-ökonomischen Aspekte nur unvollständig. Wir wollen die Küstenzone deshalb nicht nur räumlich sehen, sondern als System auffassen, in dem der Raum und die ablaufenden natürlichen Prozesse in Wechselwirkung mit anthropogenen Faktoren stehen.

 

1.2. 

Ökonomische und ökologische Bedeutung

Weltweit leben 20 % der Menschheit weniger als 25 km und 39 % (2,2 Mrd. Menschen) weniger als 100 km von der Küste entfernt. Gleichzeitig machen die 100 km breiten Küstenstreifen nur 20 % der Landfläche weltweit aus. In Dänemark leben 100 %, in Schweden 88 %, in Großbritannien 99 % und in Italien 79 % der Bevölkerung innerhalb der ersten 100 km von der Küste entfernt. In Deutschland beträgt der Anteil hingegen lediglich 15 % (World Resources Institute 2001). Der anteilsmäßige Beitrag der Küstenzone zum Bruttosozialprodukt dürfte deutlich höher sein als der Anteil der in der Küstenzone lebenden Bevölkerung. Die Küstenzone ist damit weltweiter Brennpunkt menschlicher Aktivität, was aus deutscher Perspektive bisweilen unterschätzt wird.

Küstenzonen besitzen eine große strukturelle Vielfalt (Strände und Dünenlandschaften, Kliffs, Feuchtgebiete, Wattflächen, Korallenriffe, Mangrovenwälder, Eisränder, Ästuare und Lagunen etc.). Sie besitzen außerordentliche Bedeutung als Transformator und Senke für terrestrische Nähr- und Schadstoffe sowie als spezieller Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Als Land/Wasser-Übergangszone besitzen sie zudem eine hohe Artenvielfalt und Produktivität. Wenigstens 250.000 der bekannten 1,7 Mio. Tier- und Pflanzenarten leben im Meer, vor allem in den Küstengewässern.

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Kreidefelsen auf Rügen
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Küstenwald Warnemünde
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Strand in Warnemünde
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Küstenfischerei Oderhaff
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Die ökonomische Bedeutung der Küstengewässer wird vielfach unterschätzt. Sie liefern große Mengen an Fisch, Schalentiere und Tang als Viehfutter und für die menschliche Ernährung. Sie sind Quelle für Dünger, Pharmazeutika, Kosmetika, Haushaltsprodukte und Baumaterial. Fisch trägt beispielsweise weltweit zu etwa 17 % zur Versorgung des Menschen mit tierischem Eiweiß bei. 90 % des weltweiten Fischfangs stammt dabei aus Küstengewässern (World Resources Institute 2001).

Robert Costanza hat versucht die positive ökologische Wertschöpfung der Küstenökosyteme zu monetarisieren. Monetär bewertet werden z.B. die Beiträge zur Gas- und Klimaregulation, zur Erosions- und Verschmutzungsvermeidung, zur Regelung des Wasserhaushalts, zur Nahrungs- und Rohmaterialproduktion oder zur Wertschöpfung im Bereich Freizeit, Tourismus und Kultur. Die höchste Wertschöpfung erreichen dabei Ästuare, Sumpf- und Überflutungsregionen sowie Wattgebiete mit jeweils über 1 Mio. Euro pro km2 und Jahr.

Nach dieser Berechnung werden 75 % der ökosystemaren Wertschöpfung in der Küstenzone der EU von den Küstengewässern erbracht (Firn Crichton Roberts Ltd et al. 2000). Dieser Ansatz und die darauf beruhenden Berechnungen weisen viele Unsicherheiten auf. In jedem Fall unterstreichen sie aber die ökonomische und ökologische Bedeutung der Küstengewässer. Deshalb werden auch große Bereiche der Küstengewässer, z.B. in der Ostsee, als Schutzgebiete ausgewiesen.

 

1.3. 

Perspektiven für die Zukunft

  Zum Lesen

Sowohl das Bevölkerungswachstum als auch die wirtschaftliche Entwicklung werden sich weltweit auch in Zukunft auf die Küstenregion konzentrieren. In Europa wird vor allem der Ostseeregion hohes Wachstum vorhergesagt. Die Küstenzonen der Ostsee spielen dabei eine zentrale Rolle. Der nachfolgende Textausschnitt trägt den Titel ‚Die Ostseeregion – Chancen und Risiken einer Wachstumsregion zunehmender weltweiter Bedeutung’ und entstammt der Antwort der Bundesregierung auf die "Große Anfrage der CDU/CSU-Opposition" (Drucksache 14/4460, Nov. 2000):

Im Zeitalter der Globalisierung kommt den Zusammenschlüssen regionaler Wirtschaftsräume gemäß der Prämisse "All business is local" eine stetig wachsende Bedeutung zu - im ökonomischen, aber auch politischen und kulturellen Sinne. Bereits rund sechs Prozent des Welthandels werden im Ostseeraum erwirtschaftet. Der Ostseebinnenhandel beträgt jährlich bereits rund 100 Mrd. US-Dollar. Experten der Landeszentralbank von Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein rechnen in einigen Bereichen mit Zuwachsraten von 100 bis 250 Prozent in den kommenden zehn Jahren. Treffen diese optimistischen Prognosen zu, wird sich die Ostseeregion im nächsten Jahrhundert zu einem europäischen wie globalen Motor für Wachstum und Wohlstand entwickeln; mit besonderen Chancen, aber auch Risiken für unser Land. Deshalb gilt es heute, zehn Jahre nachdem die Ostseeregion (Baltic Sea Region) erneut zu einem wirklich europäischen Binnenmeer geworden ist, eine Bilanz des bisher Erreichten zu ziehen und die Aufgaben wie Herausforderungen der Zukunft klar zu definieren.

  Zum Lesen
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Durch die Treibhausgas-Emissionen wird mit einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen auf der Erde um 2,5 bis 3 Grad bis zum Jahr 2100 gerechnet. Als Konsequenzen resultieren häufigere und intensivere Niederschläge, Stürme sowie ein Anstieg des Meeresspiegels. Derzeit wird ein Anstieg des Meeresspiegels von zumindest 24 cm während der nächsten 50 Jahre sowie zwischen 28 und 98 cm bis zum Jahre 2100 vorhergesagt (ICPP 2014). Die Küstenzonen sind deshalb zentral durch den Klimawandel bedroht.

 

1.4. 

Nutzungen und Konfliktfelder in der Küstenzone

  Zum Lesen

Die Europäische Kommission (1999) sieht folgende zentrale Konfliktfelder in den europäischen Küstenzonen: alternative Energien, Aquakultur, Tourismus, öffentliche Gesundheit, Verkehr, Häfen und maritime Industrie, Schutz von Landschaften und Kulturerbe, Küstenfischerei, öffentlicher Küsten- und Strandzugang, Ausbreitung von Städten, Abbau von Rohmaterial, Verschmutzung, Zerstörung von Lebensräumen und Verlust von Artenvielfalt, Naturkatastrophen und Klimawandel, Küstenerosion und Wasserbewirtschaftung.

Die bestehende vielfältige und sich räumlich überlagernde Nutzung der Nord- und Ostsee wird aus den Abbildungen 1.1. und 1.2 deutlich. Die Detailkarten zu einzelnen Nutzungen sind in Nutzungskarten.pdf abgelegt und sollten unbedingt angesehen werden. Der für neue Nutzungen, wie Off-shore-Windkraftanlagen, zur Verfügung stehende Raum ist dadurch sehr begrenzt. Auf die juristischen und administrativen Probleme, die mit den zahlreichen Nutzung zusammenhängen, wird später eingegangen. Die Nutzung der terrestrischen Küstenzone wird ebenfalls später im Rahmen der Raumplanung angesprochen.

  Zum Lesen
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Küstenschutz Buhnensetzung
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Küstenfischerei Warnemünde
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Abb. 1.4.1: Nutzungen in der Ostsee
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Quelle
Abbildung 1.4.1: Die aktuellen Nutzungen in der Ostsee (BSH 2001). Die Detailkarten sind dem ergänzenden PDF-Dokument zu entnehmen.
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Baggerung
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Kühlungsborner Hafen (2002)
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Abb. 1.4.2: Nutzungen der Nordsee
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Quelle
Abbildung 1.4.2: Die aktuellen Nutzungen in der Nordsee (BSH 2001). Die Detailkarten zu einzelnen Nutzungen sind dem PDF-Dokument zu enthenmen.
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Kvaerner-Werft
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Tourismus in Warnemünde
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Legende: Nutzungen der Ost- und Nordsee
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Quelle

Der Meeresspiegelanstieg und der damit verbundene Küstenschutz beeinflusst zahlreiche Nutzungen und rücken in vielen Regionen in den Vordergrund des Interesses. In den ländlich geprägten deutschen Küstenregionen spielen neben dem Küstenschutz, der Tourismus und der Naturschutz die zentrale Rolle.

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Tourismus auf Usedom
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Strand auf Usedom
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Abb. 1.4.3: Wechselwirkungen
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Abbildung 1.4.3: Wechselwirkungen zwischen Tourismus und anderen Nutzungen.

Das Beispiel des Tourismus zeigt, dass sich manche Nutzungen in der Küstenzone ausschließen bzw. behindern. Gerade der Tourismus bringt neben Problemen und ökonomischen Vorteilen aber auch Chancen z.B. für Naturschutz und Umweltqualität mit sich.

 

2. 

Integriertes Küstenzonenmanagement (IKZM)

Ziel:Verständnis der Bedeutung von IKZM sowie Vermittlung der Grundlagen der europäischen und nationalen Politik zum IKZM.
Inhaltsverzeichnis:
2. Integriertes Küstenzonenmanagement (IKZM)
 

2.1. 

Nachhaltige Entwicklung und Agenda 21

Eine wesentliche Grundlage für die zahlreichen Aktionen und Initiativen zum Küstenzonenmanagement sind die Beschlüsse der Konferenz der Vereinten Nationen, die in Rio de Janeiro im Jahre 1992 stattfand. In den 40 Kapiteln der Agenda 21 sind die Zielsetzungen für eine nachhaltige weltweite Entwicklung dargelegt. In diesem Zusammenhang ist vor allem Kapitel 17, welches sich mit den Meeren und Küsten befasst, relevant. Als erster Schwerpunkt wird hier das integrierte Management und die nachhaltige Entwicklung der Küstenzonen einschließlich der Küstengewässer bis hin zur 200 Seemeilen Grenze aufgeführt.

In der Folgezeit sind die Beschlüsse in Form von regionalen bis lokalen Nachhaltigkeitskonzepten umgesetzt worden. Sehr wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Agenda 21 für den Ostseeraum, mit dem Namen Baltic 21. Sie wurde auf der 7. Ministersitzung des Ostseerats in Nyborg 1998 verabschiedet.

Baltic 21 : "Der Auftrag zur Entwicklung einer Agenda 21 für den Ostseeraum mit der Zielsetzung der nachhaltigen Entwicklung geht von den Regierungschefs dieser Region und der Tagung der Ostsee-Außenminister im Rahmen des Ostseerates aus. Auch die Europäische Union war beteiligt. Aus diesem Grund umfasst die Agenda 21 für den Ostseeraum alle nordischen Länder und alle anderen Anrainerstaaten der Ostsee. Für die Russische Föderation ist nur der nordwestliche Teil beteiligt. Auch die Europäische Union wirkt an der Ausarbeitung der Agenda 21 für den Ostseeraum mit....."

"Der Schwerpunkt der Agenda 21 für den Ostseeraum liegt auf der regionalen Zusammenarbeit, dem Umweltbereich und seinem Einfluss auf wirtschaftliche und soziale Aspekte der nachhaltigen Entwicklung....."

Die Arbeit konzentriert sich auf sieben Sektoren, die für die Region in wirtschaftlicher und umweltpolitischer Hinsicht von größter Bedeutung sind. ....Im Folgenden sind die sieben Sektoren und die Zuständigkeit aufgeführt: Landwirtschaft (HELCOM und Schweden), Energie (Dänemark und Estland), Fischereiwesen (IBSFC), Wälder (Finnland und Litauen), Industrie (Russland und Schweden), Tourismus (Estland, Finnische Ostseetourismuskommission) und das Verkehrswesen (Deutschland und Lettland). Das Aktionsprogramm im Bereich der Raumplanung führt die Weiterentwicklung des Integrierten Küstenzonenmanagements (Integrated Coastal Zone Management) als wesentlichen Punkt auf.

In regelmäßigen Berichten wird der Fortschritt bezüglich einer nachhaltigen Entwicklung in der Ostseeregion dokumentiert.

Ein anderes Beispiel bildet die "Regionale Agenda 21 Stettiner Haff - Region zweier Nationen" . Sie ist eine Vereinbarung zwischen dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern und der polnischen Wojewodschaft Westpommern vom September 2002 und beinhaltet die folgenden Handlungsbereiche: Bildung und Entwicklung von Lokalen Agenden 21, Entwicklung des Umweltbewusstseins der lokalen Bevölkerung, nachhaltiger Tourismus, ökologischer Landbau, Vermarktung regionaler Produkte, umweltschonende Technologien, Nutzung regenerativer Energiequellen, Bewahrung des Kulturerbes, Integriertes Küstenzonenmanagement, wissenschaftliche Zusammenarbeit.

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In diesem Rahmen entstand 2004 das, durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt "IKZM-Oder" (Forschung für ein integriertes Küstenzonen Management in der Odermündung).

Das Integrierte Küstenzonenmanagement ist inhaltlich und auf allen räumlichen Ebenen (Welt - Europa - Regionen) eng mit dem Agenda 21 - Prozess verknüpft.


Was ist nachhaltige Entwicklung?

Es existieren verschiedene Definitionen der "nachhaltigen Entwicklung" und vor allem zahlreiche Definitionen des Begriffes "Integriertes Küstenzonenmanagement". Um begriffliche Konsistenz sicherzustellen und Verwirrung zu vermeiden, werden nachfolgend ausschließlich die Definitionen und Vorstellungen der Europäischen Kommission (1999) verwendet.

"Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung erkennt das Prinzip an, dass wirtschaftliches Wohlergehen, soziale Gerechtigkeit und ökologische Ziele nicht voneinander getrennt werden können, sondern auf lange Sicht dem Wesen nach voneinander abhängig sind. Nachhaltiges Küstenzonenmanagement strebt nach dem höchstmöglichen langfristigen gesellschaftlichen Nutzen, unter Berücksichtigung von ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten. Es bemüht sich darum, die soziale Gerechtigkeit zu fördern, und zwar durch gerechtere Verteilung von Möglichkeiten, sowohl innerhalb der derzeitigen Bevölkerung als auch zwischen der derzeitigen Generation und künftigen Generationen."

"Während langfristige wirtschaftlichte, ökologische und soziale Überlegungen stets untrennbar miteinander verbunden sind, werden wegen der Begrenztheit der Küstenressourcen kurzfristige Kompromisse zwischen diesen Zielen möglicherweise unvermeidbar sein. Innerhalb eines Rahmens der Nachhaltigkeit ist es wichtig zu gewährleisten, dass der Prozess der Kompromisse derart diszipliniert wird, dass wirtschaftliche, ökologische und soziale Ziele auch kurzfristig zumindest bis zu einem gewissen „Schwellenwert“ erfüllt werden. Was akzeptable Schwellenwerte sind, wird von den in einer gegebenen Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschenden Werten abhängen."

  WWW-Link

"Außerdem können bestimmte kurzfristige Entscheidungen Ressourcen für die Zukunft unwiederbringlich zerstören, da die Küstenressourcen in physischer und räumlicher Hinsicht begrenzt sind. Eines der Ziele der nachhaltigen Entwicklung muss folglich darin bestehen zu gewährleisten, dass gegenwärtige Entscheidungen künftige Optionen nicht ausschließen. Das Konzept der „Nachhaltigkeit“ muss jedoch auch die Idee beinhalten, dass viele der durch menschliche Eingriffe in den Küstenzonen entstandenen negativen Situationen reversibel sind oder radikal geändert werden können, auch wenn dies mit sehr hohen Kosten verbunden sein mag und sehr lange Zeiträume erfordern mag."

 

2.2. 

Integriertes Küstenzonenmanagement: Definition

IKZM ist ein dynamischer, kontinuierlicher und iterativer Prozess, durch den Entscheidungen für eine nachhaltige Nutzung, Entwicklung und den Schutz der Küsten einschließlich ihrer Ressourcen getroffen werden. Anders ausgedrückt: "Das IKZM versucht langfristig, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Vorteilen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Nutzung der Küstengebiete durch die Menschen, den Vorteilen des Schutzes, des Erhalts und der Wiederherstellung der Küstengebiete, den Vorteilen der Minimierung der Verluste an menschlichem Leben und Eigentum sowie den Vorteilen des Zugangs der Öffentlichkeit zu und der Freude an den Küstenzonen, und zwar stets innerhalb der durch die natürliche Dynamik und die Belastbarkeit gesetzten Grenzen" (Europäische Kommission 1999).

„Das "integriert" in IKZM bezieht sich sowohl auf die Integration von Zielen als auch auf die Integration der für die Erreichung dieser Ziele erforderlichen vielfältigen Instrumente. Es bedeutet Integration aller relevanten Politikbereiche, Sektoren und Verwaltungsebenen. Es bedeutet Integration der terrestrischen und der marinen Komponenten des Zielgebiets. Das IKZM ist sowohl in Bezug auf die Zeit als auch in Bezug auf den Raum integriert und dem Wesen nach multidisziplinär. Das IKZM sollte sicherlich nicht einfach unter der Rubrik "Umwelt" abgelegt werden.“

Wir sprechen auch von einer räumlichen, zeitlichen, horizontalen (alle Gruppen) und vertikalen (alle hierarchischen Ebenen) Integration im IKZM.

Obwohl sich das IKZM auf das "Management" bezieht, deckt der IKZM-Prozess tatsächlich den gesamten Zyklus von Informationssammlung, Planung, Entscheidungsfindung, Management und Überwachung der Umsetzung ab. "Planung" wird folglich im weitesten Sinne als strategische Politikentwicklung verstanden, nicht nur als Raumplanung oder sonstige sektorbezogene Planung.

Das IKZM bedient sich der informierten Beteiligung und Kooperation aller interessierten und betroffenen Parteien (Partizipation), um die gesellschaftlichen Zielsetzungen in einem gegebenen Küstengebiet zu einem gegebenen Zeitpunkt zu bewerten, die zur allmählichen Erreichung dieser Zielsetzungen erforderlichen Maßnahmen einzuleiten und größtmögliche Akzeptanz dieser Maßnahmen zu erreichen.

"Gesellschaftliche Zielsetzungen" beziehen sich auf die Ziele und Ambitionen einer gegebenen Gesellschaft, einschließlich ökologischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Zielsetzungen“ (Europäische Kommission 1999).

IKZM als dynamischer, kontinuierlicher und iterativer Prozess: „Der IKZM-Prozess beginnt mit der Kenntnis von Fragen von gemeinsamem Interesse, was einen Dialog und Meinungsaustausch zwischen den interessierten und betroffenen Parteien erleichtert, der wiederum die Kooperation zwischen den Parteien unterstützt, die die Grundlage für die Koordinierung von Maßnahmen ist, welche – mit der Zeit – die Integration des Managements fördert.“ (Europäische Kommission 1999).

Abb. 2.2.1: IKZM als zyklischer Prozess
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Quelle
Abb. 2.2.1: Ein Beispiel für IKZM als zyklischer Prozess, der für neue Nutzungsansprüche oder veränderte Rahmenbedingungen erneut durchlaufen wird. Die Schritte in diesem Zyklus können sich je nach Ansatz deutlich voneinander unterscheiden. Hierauf wird später noch ausführlich eingegangen(Europäische Kommission 1999).

Politik, Verwaltung, Behörden aber auch die lokalen Beteiligten und auch die Wissenschaft sollen kontinuierlich in diesen zyklischen Prozess eingebunden werden. Die Intensität der Einbindung kann variieren. Die beteiligten Parteien und Interessenvertreter werden auch in Deutschland bisweilen als "Stakeholder" bezeichnet.

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Science & IKZM
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Die Wissenschaft wird sich vor allem bei der Beschreibung des Zustands der Umwelt und der Analyse von Ursache und Wirkung angesprochen fühlen und die Planung und Folgearbeiten stärker den Behörden überlassen. IKZM selbst ist keine Wissenschaft, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, in die die Wissenschaft eng eingebunden ist.

 

2.3. 

Status und Defizite beim IKZM

  Zum Lesen

Als Probleme in den europäischen Küstenregionen sieht die Europäische Kommission vorrangig:

In vielen Fällen haben diese physikalischen und biologischen Probleme die Probleme der dort ansässigen Bevölkerung ausgelöst bzw. in dem Maße verstärkt, wie die Anzahl und die Intensität der Arten der Nutzung durch den Menschen zunimmt. Das sind insbesondere:

Diese Beispiele machen deutlich, dass die natürliche Ressourcenbasis und die Sozialstruktur in vielen Küstengebieten Europas derzeit unumkehrbaren Schaden nehmen.

Die Hindernisse, die einem IKZM in Europa in fast allen Staaten entgegenstehen, werden von der Europäischen Kommission (1999) folgendermaßen zusammengefasst:

Als Hindernisse in Deutschland sind folgende Punkte besonders hervorzuheben:

Trotz der Einsicht in die Notwendigkeit eines Küstenzonenmanagements sind in Deutschland nur wenige Ansätze vorhanden, die Hindernisse grundsätzlich aus dem Weg zu räumen. Eine positive Ausnahme bildet das Konzept zum IKZM in Schleswig-Holstein, welches im Mai 2003 herausgegeben wurde. Von einer integrativen und nachhaltigen Entwicklung der deutschen Küstenzonen insgesamt kann aber noch keine Rede sein.

Die Situation des Küstenzonenmanagements in den einzelnen Staaten der Europäischen Union wurde durch van Buuren (2000) bewertet. Hierbei wurden 4 Kategorien unterschieden. In der letzten, schlechtesten Kategorie fehlen alle wesentlichen Grundlagen und ein IKZM ist nicht möglich. Folgende Kriterien liegen dem zugrunde:

2.3.1: Zustand von IKZM in Europa
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Quelle
Abb. 2.3.1: Die Auflistung der Staaten erfolgt gemäß ihrer aktuellen Situation in Bezug auf IKZM und ist als Rangfolge gedacht (van Buuren 2000). In dieser Beurteilung belegt Deutschland hinter den Niederlanden und Großbritannien den dritten Platz. In vielen europäischen Staaten fehlen noch wesentliche Grundlagen für IKZM. Die relativ positive Bewertung der deutschen Situation ist allerdings einzig auf das funktionierende, hierarchische Raumplanungssystem zurückzuführen, welches wesentliche Elemente übernimmt. Darauf wird später noch genauer eingegangen.
 

2.4. 

IKZM als Schwerpunkt der EU-Politik

Küstenzonenmanagement stellt ein junges und sehr dynamisches Fachgebiet dar. Es bestehen keine fest gefügten und dauerhaft etablierten internationalen oder nationalen Gremien oder Organisationen zu diesem Thema. Gleichzeitige, parallele Aktivitäten sind die Regel und die Rahmenbedingungen ändern sich ständig. Aktuelle Information insbesondere über die politischen Rahmenbedingungen sind deshalb unabdingbar. Insbesondere die Europäische Union bildet einen wesentlichen Motor für Integriertes Küstenzonenmanagement.

  Zum Lesen

Ziel ist die Schaffung eines förderlichen Umfeldes innerhalb dessen die Mitgliedstaaten zweckmäßige Politik, Investitionsstrategien und Entwicklungspläne für IKZM entwickeln können. Hintergrund ist die Feststellung, dass:

  Zum Lesen

Der erste maßgebliche Schritt der EU zur Förderung von IKZM war die Entwicklung und Veröffentlichung einer einheitlichen Strategie und die Finanzierung von 35 europaweiten Demonstrationsprojekten.
Als wesentliches Ergebnis aus den Demonstrationsprojekten zum IKZM ergab sich die Notwendigkeit der Schaffung eines administrativen, gesetzgeberischen und planerischen Rahmens sowie grundlegender Strukturen für Küstenzonenmanagement in allen Staaten der EU.
Weiterhin wurde aber deutlich, dass IKZM den historischen, kulturellen und traditionellen Kontext sowie die natürlichen Bedingungen in den jeweiligen Gebieten Rechnung tragen muss. Zudem variieren die Probleme und zu lösenden Konflikte zwischen den verschiedenen Regionen. Küstenzonenmanagement muss deshalb grundsätzlich regionalen Charakter besitzen und in unterschiedlichen Regionen sind verschiedene Konzepte erforderlich.

Ein allumfassendes, einheitliches Konzept ist nicht möglich.

Die Erfahrungen haben zu den Empfehlungen des europäischen Parlaments und des Rates (vom 30. Mai 2002) zur Umsetzung einer Strategie für ein integriertes Management der Küstengebiete in Europa (2002/413/EG) geführt. Dieses aktuelle Dokument umfasst u.a. folgende Elemente:

 

2.5. 

IKZM in Deutschland

Ein Bericht zum IKZM in Deutschland wurde 2006 veröffentlicht. Dieses Strategiepapier orientiert sich an den Empfehlungen des europäischen Parlaments und des Rates und beinhaltet die nationale Bestandsaufnahme und definiert folgende Grundsätze:

IKZM wird hierbei als ein Leitbild für politisches und gesellschaftliches Handeln verstanden, das zu einer nachhaltigen Entwicklung der Küstenbereiche beitragen soll.

IKZM auf Länderebene

Die Umsetzung erfolgt zumeist auf regionaler Ebene durch die Küstenländer, welche das IKZM in ihren Raumordnungskonzepten verankert haben.

Mecklenburg-Vorpommern: Landesraumentwicklungsprogramm Mecklenburg-Vorpommern (2005)

Niedersachsen: Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen und das Raumordnungskonzept für das niedersächsische Küstenmeer (ROKK)

Schleswig-Holstein: Rahmenkonzept Integriertes Küstenzonenmanagement in Schleswig-Holstein

 

2.6. 

Weltweite IKZM-Ansätze

Im vergangenen Jahrzehnt wurde Küstenzonenmanagement zu einem zentralen Thema nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern auch weltweit. Dadurch ergibt sich das Problem, dass IKZM von verschiedenen Seiten betrieben und auch vereinnahmt wird.

Verschiedene Behörden, wie die Raumplanung, Umweltbehörden (Agenda 21) oder die Fischerei, Land- und Forstwirtschaft haben sich des Themas angenommen. In der Wissenschaft wird das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln durch die Naturwissenschaften, die Human- und Sozialwissenschaften sowie die Ingenieurwissenschaften bearbeitet und auch international sind zahlreiche Organisationen auf diesem Gebiet aktiv. Einge dieser internationalen Aktivitäten sollen kurz vorgestellt werden, bevor wir uns auf die Situation in Deutschland konzentrieren:

EUCC - The Coastal Union: Die EUCC (früher: European Union for Coastal Conservation) ist die mitgliederstärkste und bedeutendste Vereinigung im Küstenbereich in Europa. Durch Informationsbereitstellung und -verbreitung, Beratung, Aufklärung und Weiterbildung, Veranstaltungen, Demonstrationsprojekte sowie Strategieentwicklung wird das Integrierte Küstenzonenmanagement gefördert.

Im Ostseeraum besteht eine enge Kooperation mit der HELCOM HABITAT Gruppe. HELCOM HABITAT entwirft Empfehlungen, Strategien und Programme zum Schutz der marinen und Küstenflora und -fauna und zur nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen. In deren Auftrag hat die EUCC einen Bericht zum IKZM im Ostseeraum erstellt und arbeitet an einer IKZM-Strategie.
Für andere europäische Regionen sowie einzelne Staaten stehen ebenfalls Berichte zur Verfügung.

LOICZ (Land-Ocean Interactions in the Coastal Zone) ist Teil des weltweiten Internationalen Geosphäre-Biosphäre Programms (IGBP) und hat u.a. die Aufgabe eine fundierte, wissenschaftliche Grundlage für ein integriertes Küstenzonenmanagement bereitzustellen. Im neuen Arbeitsprogramm "LOICZ Future – Beyond 2002" spielt der Mensch als Akteur in der Küstenzone eine wichtige Rolle.

UNEP - United Nations Environment Programme Verschiedene Aktivitäten der UNEP haben eine enge Beziehung zum IKZM. Im Rahmen des 'Integrated Coastal Area and River Basin Management (ICARM)' werden weltweite Demonstrationsprojekte zum integrierten Einzugsgebiets-Küsten-Management unterstützt. Grundlage sind die Richtlinien 'Conceptual Framework and Planning Guidelines for ICARM' von 1999.

Die UNEP unterstützt zudem die Global Water Partnership, eine Kooperation zwischen zahlreichen Institutionen und Staaten, die sich mit dem nachhaltigen Management der Ressource Wasser befassen.

Mehrere Organisationen zu den neben der UNEP auch die Weltbank und die amerikanische NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) gehören, tragen das Globale Service Netz für Integriertes Küstenzonenmanagement (Global Web Service in Integrated Coastal Management). Dieses geht auf einen Beschluss der Welt-Konferenz für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 zurück. Hier werden Grundlagen zum IKZM vermittelt und über weltweite Aktivitäten informiert.

NOAA, insbesondere der National Ocean Service (NOS) stellt zudem Hintergrundinformationen zum IKZM, mit Schwerpunkt USA, bereit.

 

3. 

Rechtliche Grundlagen und Kompetenzen in der Küstenzone

Ziel:Vermittlung von Grundkenntnissen der Gesetze und Kompetenzverteilung in Deutschlands Küstengewässern und der aus der Komplexität resultierenden Probleme.
Inhaltsverzeichnis:
3. Rechtliche Grundlagen und Kompetenzen in der Küstenzone

Gesetzgebung, Zuständigkeiten und Raumplanung für den landseitigen Bereich der Küstenzone sind zwar komplex, haben aber eine lange Tradition in Deutschland und sind geregelt. Die Situation in den Küstengewässern ist hingegen weit unübersichtlicher.

 

3.1. 

IKZM-relevante Bundesgesetze

Zunächst soll auszugsweise ein kurzer Überblick über Bundesgesetze gegeben werden, die von unmittelbarer Relevanz für das Küstenzonenmanagement sind (aus: Innenministerium Schleswig-Holstein 2003: IKZM in Schleswig-Holstein).

Bundesraumordnungsgesetz
§ 1 Aufgabe und Leitvorstellung der Raumordnung

(1) Der Gesamtraum der Bundesrepublik Deutschland und seine Teilräume sind durch zusammenfassende, übergeordnete Raumordnungspläne und durch Abstimmung raumbedeutsamer Planungen und Maßnahmen zu entwickeln, zu ordnen und zu sichern. Dabei sind 1. unterschiedliche Anforderungen an den Raum aufeinander abzustimmen und die auf der jeweiligen Planungsebene auftretenden Konflikte auszugleichen, 2. Vorsorge für einzelne Raumfunktionen und Raumnutzungen zu treffen.

(2) Leitvorstellung bei der Erfüllung der Aufgabe nach Absatz 1 ist eine nachhaltige Raumentwicklung, die die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen ökologischen Funktionen in Einklang bringt und zu einer dauerhaften, großräumig ausgewogenen Ordnung führt.

Bundesnaturschutzgesetz

§ 1 Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege
Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und, soweit erforderlich, wiederherzustellen, dass
1. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts,
2. die Regenerationsfähigkeit und nachhaltige Nutzungsfähigkeit der Naturgüter,
3. die Tier- und Pflanzenwelt einschließlich ihrer Lebensstätten und Lebensräume sowie
4. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft
auf Dauer gesichert sind.

Seefischereigesetz
§ 1 Begriffsbestimmungen

(3) Gemeinschaftliches Fischereirecht im Sinne dieses Gesetzes sind die einschlägigen Bestimmungen des Vertrages zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sowie die Rechtsakte des Rates und der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, die die Ausübung der Seefischerei im Hinblick auf den Schutz der Fischbestände und die Erhaltung der biologischen Schätze des Meeres, die Überwachung der Ausübung der Seefischerei oder die gemeinsame Strukturpolitik für die Fischwirtschaft regeln.

Bundes-UVP-Gesetz

§ 1 Zweck des Gesetzes
Zweck dieses Gesetzes ist es sicherzustellen, dass bei bestimmten öffentlichen und privaten Vorhaben zur wirksamen Umweltvorsorge nach einheitlichen Grundsätzen
1. die Auswirkungen auf die Umwelt frühzeitig und umfassend ermittelt, beschrieben und bewertet werden,
2. das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung so früh wie möglich bei allen behördlichen Entscheidungen über die Zulässigkeit berücksichtigt wird.

Verwaltungsverfahrensgesetz
Abschnitt 2: Planfeststellungsverfahren, § 73 Anhörungsverfahren

(1) Der Träger des Vorhabens hat den Plan der Anhörungsbehörde zur Durchführung des Anhörungsverfahrens einzureichen. Der Plan besteht aus den Zeichnungen und Erläuterungen, die das Vorhaben, seinen Anlaß und die von dem Vorhaben betroffenen Grundstücke und Anlagen erkennen lassen.

(2) Innerhalb eines Monats nach Zugang des vollständigen Plans fordert die Anhörungsbehörde die Behörden, deren Aufgabenbereich durch das Vorhaben berührt wird, zur Stellungnahme auf und veranlaßt, daß der Plan in den Gemeinden, in denen sich das Vorhaben auswirkt, ausgelegt wird.

(3) Die Gemeinden nach Absatz 2 haben den Plan innerhalb von drei Wochen nach Zugang für die Dauer eines Monats zur Einsicht auszulegen. Auf eine Auslegung kann verzichtet werden, wenn der Kreis der Betroffenen bekannt ist und ihnen innerhalb angemessener Frist Gelegenheit gegeben wird, den Plan einzusehen.

(3a) Die Behörden nach Absatz 2 haben ihre Stellungnahme innerhalb einer von der Anhörungsbehörde zu setzenden Frist abzugeben, die drei Monate nicht überschreiten darf. Nach dem Erörterungstermin eingehende Stellungnahmen werden nicht mehr berücksichtigt, es sei denn, die vorgebrachten Belange sind der Planfeststellungsbehörde bereits bekannt oder hätten ihr bekannt sein müssen oder sind für die Rechtmäßigkeit der Entscheidung von Bedeutung.

(4) Jeder, dessen Belange durch das Vorhaben berührt werden, kann bis zwei Wochen nach Ablauf der Auslegungsfrist schriftlich oder zur Niederschrift bei der Anhörungsbehörde oder bei der Gemeinde Einwendungen gegen den Plan erheben. Im Falle des Absatzes 3 Satz 2 bestimmt die Anhörungsbehörde die Einwendungsfrist. Mit Ablauf der Einwendungsfrist sind alle Einwendungen ausgeschlossen, die nicht auf besonderen privatrechtlichen Titeln beruhen. Hierauf ist in der Bekanntmachung der Auslegung oder bei der Bekanntgabe der Einwendungsfrist hinzuweisen.

(5) Die Gemeinden, in denen der Plan auszulegen ist, haben die Auslegung vorher ortsüblich bekanntzumachen. In der Bekanntmachung ist darauf hinzuweisen, 1. wo und in welchem Zeitraum der Plan zur Einsicht ausgelegt ist; 2. daß etwaige Einwendungen bei den in der Bekanntmachung zu bezeichnenden Stellen innerhalb der Einwendungsfrist vorzubringen sind; 3. daß bei Ausbleiben eines Beteiligten in dem Erörterungstermin auch ohne ihn verhandelt werden kann; 4. dass a) die Personen, die Einwendungen erhoben haben, von dem Erörterungstermin durch öffentliche Bekanntmachung benachrichtigt werden können, b) die Zustellung der Entscheidung über die Einwendungen durch öffentliche Bekanntmachung ersetzt werden kann, wenn mehr als 50 Benachrichtigungen oder Zustellungen vorzunehmen sind. Nicht ortsansässige Betroffene, deren Person und Aufenthalt bekannt sind oder sich innerhalb angemessener Frist ermitteln lassen, sollen auf Veranlassung der Anhörungsbehörde von der Auslegung mit dem Hinweis nach Satz 2 benachrichtigt werden.

(6) Nach Ablauf der Einwendungsfrist hat die Anhörungsbehörde die rechtzeitig erhobenen Einwendungen gegen den Plan und die Stellungnahmen der Behörden zu dem Plan mit dem Träger des Vorhabens, den Behörden, den Betroffenen sowie den Personen, die Einwendungen erhoben haben, zu erörtern. Der Erörterungstermin ist mindestens eine Woche vorher ortsüblich bekanntzumachen. Die Behörden, der Träger des Vorhabens und diejenigen, die Einwendungen erhoben haben, sind von dem Erörterungstermin zu benachrichtigen. Sind außer der Benachrichtigung der Behörden und des Trägers des Vorhabens mehr als 50 Benachrichtigungen vorzunehmen, so können diese Benachrichtigungen durch öffentliche Bekanntmachung ersetzt werden. Die öffentliche Bekanntmachung wird dadurch bewirkt, daß abweichend von Satz 2 der Erörterungstermin im amtlichen Veröffentlichungsblatt der Anhörungsbehörde und außerdem in örtlichen Tageszeitungen bekanntgemacht wird, die in dem Bereich verbreitet sind, in dem sich das Vorhaben voraussichtlich auswirken wird; maßgebend für die Frist nach Satz 2 ist die Bekanntgabe im amtlichen Veröffentlichungsblatt. Im übrigen gelten für die Erörterung die Vorschriften über die mündliche Verhandlung im förmlichen Verwaltungsverfahren (§ 67 Abs. 1 Satz 3, Abs. 2 Nr. 1 und 4 und Abs. 3, § 68) entsprechend. Die Erörterung soll innerhalb von drei Monaten nach Ablauf der Einwendungsfrist abgeschlossen werden.

(9) Die Anhörungsbehörde gibt zum Ergebnis des Anhörungsverfahrens eine Stellungnahme ab und leitet diese möglichst innerhalb eines Monats nach Abschluß der Erörterung mit dem Plan, den Stellungnahmen der Behörden und den nicht erledigten Einwendungen der Planfeststellungsbehörde zu.

Abschnitt 2: Planfeststellungsverfahren § 74 Planfeststellungsbeschluss, Plangenehmigung

(1) Die Planfeststellungsbehörde stellt den Plan fest (Planfeststellungsbeschluss). Die Vorschriften über die Entscheidung und die Anfechtung der Entscheidung im förmlichen Verwaltungsverfahren (§§ 69 und 70) sind anzuwenden.

(2) Im Planfeststellungsbeschluss entscheidet die Planfeststellungsbehörde über die Einwendungen, über die bei der Erörterung vor der Anhörungsbehörde keine Einigung erzielt worden ist. Sie hat dem Träger des Vorhabens Vorkehrungen oder die Errichtung und Unterhaltung von Anlagen aufzuerlegen, die zum Wohl der Allgemeinheit oder zur Vermeidung nachteiliger Wirkungen auf Rechte anderer erforderlich sind. Sind solche Vorkehrungen oder Anlagen untunlich oder mit dem Vorhaben unvereinbar, so hat der Betroffene Anspruch auf angemessene Entschädigung in Geld.

(3) Soweit eine abschließende Entscheidung noch nicht möglich ist, ist diese im Planfeststellungsbeschluss vorzubehalten; dem Träger des Vorhabens ist dabei aufzugeben, noch fehlende oder von der Planfeststellungsbehörde bestimmte Unterlagen rechtzeitig vorzulegen.

(4) Der Planfeststellungsbeschluss ist dem Träger des Vorhabens, den bekannten Betroffenen und denjenigen, über deren Einwendungen entschieden worden ist, zuzustellen. Eine Ausfertigung des Beschlusses ist mit einer Rechtsbehelfsbelehrung und einer Ausfertigung des festgestellten Planes in den Gemeinden zwei Wochen zur Einsicht auszulegen; der Ort und die Zeit der Auslegung sind ortsüblich bekanntzumachen. Mit dem Ende der Auslegungsfrist gilt der Beschluß gegenüber den übrigen Betroffenen als zugestellt; darauf ist in der Bekanntmachung hinzuweisen.

Abschnitt 2: Planfeststellungsverfahren § 75 Rechtswirkungen der Planfeststellung

(1) Durch die Planfeststellung wird die Zulässigkeit des Vorhabens einschließlich der notwendigen Folgemaßnahmen an anderen Anlagen im Hinblick auf alle von ihm berührten öffentlichen Belange festgestellt; neben der Planfeststellung sind andere behördliche Entscheidungen, insbesondere öffentlich-rechtliche Genehmigungen, Verleihungen, Erlaubnisse, Bewilligungen, Zustimmungen und Planfeststellungen nicht erforderlich. Durch die Planfeststellung werden alle öffentlich-rechtlichen Beziehungen zwischen dem Träger des Vorhabens und den durch den Plan Betroffenen rechtsgestaltend geregelt.

Zu diesen Bundesgesetzen treten Landesgesetze, wie im Falle von Schleswig-Holstein, das Landesentwicklungsgesetz, das Landesplanungsgesetz, das Landeswassergesetz, das Landesnaturschutzgesetz, das Nationalparkgesetz und das Landesfischereigesetz.

 

3.2. 

Räumliche Definitionen

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Kreise und Planungsregionen in M-V
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An Land geben Gemeinde-, Kreis und Landesgrenzen oder auch die Planungsregionen in der Praxis die räumlichen Einheiten für IKZM vor.

In Mecklenburg-Vorpommern, beispielweise, führen die Ämter für Raumordnung und Landesplanung als untere Landesplanungsbehörden insbesondere Raumordnungsverfahren durch. Sie sind Geschäftsstellen der Regionalen Planungsverbände. In deren Auftrag werden die Regionalen Raumordnungsprogramme aufgestellt. M-V ist in 4 Planungsregionen aufgeteilt, die jeweils mehrere Kreise umfassen.

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Flussgebiete in Deutschland
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Administrative Grenzen als Grundlage für ein Management werden durch die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) der Europäischen Union allerdings in Frage gestellt. Die WRRL sieht vor, dass die Mitgliedsstaaten in der Zunkunft ihre Gewässer nach Flussgebieten gegliedert bewirtschaften. Da die Küstengewässer sehr stark durch Flüsse gesteuert werden, ist ein integriertes Einzugsgebiets-Küsten-Management durchaus sinnvoll.
Die in der WRRL definierten Flussgebiete Eider, Schlei/Trave und Warnow/Peene können relativ problemlos als räumliche Grundlage für IKZM verwendet werden. Die Gebiete von Ems, Weser, Elbe, Oder, Maas, Rhein und Donau schaffen allerdings durch ihre Großräumigkeit Probleme.

In den Küstengewässern sind die nachfolgenden räumlichen Definitionen von zentraler Bedeutung.

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Ausschließliche Wirtschaftszone in der  Nordsee
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Deutsche Grenzen in der Ostsee
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Quelle
Abbildung 3.2.1: Deutsche Grenzen in der Ostsee: Küstenmeer, die Ausschließliche Wirtschaftszone und Verkehrstrennungsgebiete (Obenaus & Köhn 2002)
 

3.3. 

Kompetenzen in Küstengewässern

Insgesamt besteht ein Regelwerk von mehr als 40 Gesetzen und Verordnungen, das die Zuständigkeiten und Nutzungsansprüche im Küstenmeer zwischen Bund und Ländern regelt. Zentrale Nutzungen und die Zuständigkeiten sind in Abbildung 3.3.1 dargestellt und werden exemplarisch am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern kurz ausgeführt.

Verkehr (Fahrwasserstraßen, Messstrecken, Reeden): Der Bund nimmt auf der Basis des Seeaufgabengesetzes hoheitsrechtliche Aufgaben auf dem gesamten Küstenmeer einschließlich der Eigengewässer, die als Bundeswasserstraßen definiert sind, wahr. Dies sind die Gewährleistung der Schifffahrt und Genehmigungen für alle Nutzungen des Küstenmeeres. Verantwortlich sind das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sowie die Wasser- und Schifffahrtsdirektionen und –ämter.

Maritimer Tourismus: Es gelten das Bundeswasserstraßengesetz, die Seeschifffahrtsstraßenordnung sowie die Befahrensregelungsverordnung z.B. im Küstenbereich Mecklenburg-Vorpommerns sowie das Landeswasserstraßengesetz.

Fischerei und Aquakultur: Landesfischereigesetz. Oberste Fischereibehörde ist das Landwirtschaftsministerium, obere Fischereibehörde das Landesamt für Fischerei und darunter die Landwirtschaftsämter als untere Fischereibehörde.

Mineralische Rohstoffe und Meerwassernutzung: Es gilt das Bundesberggesetz, welches in die Zuständigkeit der Bergämter fällt.

Küstenschutz: Wasserhaushaltsgesetz und das Landeswasserhaushaltsgesetz. Zuständig sind die Staatlichen Ämter für Landwirtschaft und Umwelt (StÄLU).

Natur und Landschaftsschutz: Bundesartenschutzgesetz, das Bundesnaturschutzgesetz, das Bundeswasserstraßengesetz und das Bundesberggesetz zudem die Landesgesetze, wie das Landesnaturschutzgesetz. Im Küstenmeer ist das Umweltministerium des Landes zuständig. Wesentliche Aufgaben werden durch das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) wahrgenommen. Außerhalb dieser Zone, in der AWZ, ist das Bundesministerium zuständig. Die Aufgaben werden wesentlich durch das Bundesamt für Naturschutz wahrgenommen.

Windenergie, Seekabel und Rohrleitungen: Seeaufgabengesetz, Bundeswasserstraßengesetz, aber auch Landeswassergesetz und Wasserhaushaltsgesetz. In diesem Fall sind sowohl das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie als auch die StÄLU und die Bergämter zuständig.

Regelungen des Seerechtübereinkommens
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Quelle
Abbildung 3.3.1: Räumliche Definitionen in der Küstenzone und schematische Darstellung von Nutzungen und den Zuständigkeiten (Obenaus & Köhn 2002).
 

3.4. 

Beispiel: Offshore-Windkraftanlagen

Am Beispiel der Offshore-Windkraftanlagen kann die Komplexität der Zuständigkeiten exemplarisch aufgezeigt werden. Es folgt ein Ausschnitt aus einem Beitrag von G. Janssen (2002):

„Die Küstenzone unterliegt einer Vielzahl von Nutzungsansprüchen, sowohl an Land und seit geraumer Zeit auch im Meer. Ein aktuelles, in der Bundesrepublik zur Zeit stark diskutiertes Beispiel bildet die Errichtung sog. Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee. Dabei besteht in den der Bundesrepublik vorgelagerten Meeresbereichen eine verwirrende Vielfalt von Zuständigkeiten des Bundes und der Länder. Es ist festzustellen, dass sogar z.T. eine noch ungeklärte Rechtslage herrscht. Dies gilt vor allem für die staatsfreien Gewässer, die nicht der Souveränität der Bundesrepublik unterstehen.

Zu unterscheiden sind neben den inneren Gewässern, die z.T. die deutsche Küste bilden, das Küstenmeer (12-Seemeilen-Zone) und die Ausschließliche Wirtschaftszone (200-Seemeilen-Zone). Während das Küstenmeer deutsches Hoheitsgebiet ist und die Zuständigkeiten in diesem Meeresbereich noch überwiegend klar sind und bei den jeweiligen Küsten-Bundesländern liegen, ist eine Aussage für die Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) nicht so leicht zu treffen. Das liegt an dem Umstand, dass entgegen der Rechtlage im Küstenmeer der Staat in der AWZ lediglich über funktionale Rechte verfügt. Diese nimmt die Bundesrepublik mit Proklamation aus dem Jahre 1994 für sich in Anspruch. Die AWZ ist ein Gebiet eigener rechtlicher Art mit einem besonderen völkerrechtlichen Status.

Meeresschutz und -nutzung unterliegen in beiden Meereszonen einem stark international geprägten Rechtsregime. Das Seerechtsübereinkommen (SRÜ) der Vereinten Nationen stellt die umfassende völkerrechtliche Rechtsgrundlage zum Schutz und zur Nutzung der Meere und Ozeane auf. In der Ausschließlichen Wirtschaftszone genießt der Küstenstaat gemäß Art. 56 Abs. 1 lit. a SRÜ souveräne Rechte zum Zweck der Erforschung und Ausbeutung, Erhaltung und Bewirtschaftung der lebenden und nichtlebenden natürlichen Ressourcen der Gewässer über dem Meeresboden, des Meeresbodens und seines Untergrundes sowie hinsichtlich anderer Tätigkeiten zur wirtschaftlichen Erforschung und Ausbeutung der Zone wie der Energieerzeugung aus Wasser, Strömung und Wind. Davon erfasst ist z.B. die Errichtung von Offshore-Windenergieanlagen. Hinsichtlich des Schutzes und der Bewahrung der Meeresumwelt verfügt er indes „nur“ über Hoheitsbefugnisse (Art. 56 Abs. 1 lit. b (iii) SRÜ). Auf Grund der Kompetenzordnung des Grundgesetzes der Bundesrepublik besteht hier ein Konflikt zwischen Bund und Ländern. Während der Bund beispielsweise die Wirtschaftskompetenz (Art. 74 Abs. 1 Nr.11 GG) inne hat, liegt die Kompetenz zum Naturschutz an sich bei den Ländern. Hier hat der Bund lediglich eine Rahmenkompetenz (Art. 75 Abs. 1 Nr. 3 GG).

Diese Konstellation hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass Vorhaben in der AWZ verwirklicht wurden, ohne dass eine naturschutzrechtliche Prüfung erfolgt ist. Beispielsweise fand beim Anlagenbau die Eingriffsregelung keine Anwendung, da sie vom Grundsatz her nicht vom Bund durchgeführt wird, sondern Ländersache ist.

Eine weitere Folge der Unsicherheiten in der Rechts- und Kompetenzfrage ist der derzeitige vollständige Ausfall einer räumlichen Planung, sei es die Fachplanung oder gar die Gesamtplanung. Obwohl die Küstenländer ihre Zuständigkeit für das Küstenmeer als gegeben betrachten, fehlen entsprechende Planungen.

Umstritten ist bereits, ob Bundes- und Landesvorschriften in der AWZ überhaupt Geltung beanspruchen, wenn dies nicht, wie beispielsweise in der Seeanlagenverordnung geschehen, ausdrücklich angeordnet wird. Während dies von einigen zwingend gefordert wird, wird die Anwendbarkeit in der AWZ auch ohne eine solche „Erstreckungsklausel“ angenommen, es sei denn, die Regelungen enthalten entsprechende Einschränkungen.

Planungssicherheit wollen nicht nur die Anlagenbetreiber, sondern auch die Naturschützer. Von vorsorgender Planung kann derzeit wie gesehen nicht die Rede sein. Das für die Anlagengenehmigung in der AWZ zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg prüft die Anlagen bislang nur im konkreten Einzelfall.“

Zu dieser Problematik bildet der Artikel von Merck & Nordheim (2000) zur Umweltverträglichkeit von Windkraftanlagen eine sinnvolle Ergänzung.

Eine gewisse Abhilfe soll das neue Naturschutzgesetz bringen, welches im März 2002 in Kraft trat. Hierzu ein Auszug aus der Bekanntmachung des Bundesumweltministeriums (Nr. 018/02):

"Mit der beschlossenen Gesetzesnovelle wird das alte Bundesnaturschutzgesetz von 1976 abgelöst. "Wir holen den Naturschutz aus dem Reservat. Wir werden unserer Verantwortung für künftige Generationen nicht gerecht, wenn Naturschutz nur in Schutzgebieten stattfindet", sagte Trittin...."

"...Das neue Bundesnaturschutzgesetz ist aber auch für den Umbau der deutschen Energieversorgung und die Erfüllung der bundesdeutschen Klimaschutzziele von erheblicher Bedeutung: Mit der Naturschutznovelle werden zugleich die Voraussetzungen für den weiteren Ausbau der Windkraftnutzung auf dem Meer geschaffen insbesondere in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) im Bereich zwischen 12 und 200 Seemeilen vor der Küste. "Damit besteht mit Inkrafttreten des Naturschutzgesetzes auch Rechts- und Investitionssicherheit für Investoren in die umweltfreundliche Offshore-Windenergienutzung", sagte Trittin. Der Meeresnaturschutz wird insgesamt deutlich aufgewertet. In der AWZ kann der Bund künftig auch Schutzgebiete nach Fauna-Flora-Habitat (FFH) bzw. Vogelschutzrichtlinie der EU ausweisen. Dies war bislang nicht möglich."

 

3.5. 

Beispiel: Internationaler Gewässer- und Meeresschutz

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Der Naturschutz spielt eine zentrale Rolle im Integrierten Küstenzonenmanagement. Der Naturschutzaspekt des terrestrischen Teils der Küstenzone wird durch die Landschaftsrahmenpläne, die in die Raumplanung einfließen, abgedeckt. Der terrestrische Naturschutz hat üblicherweise eine räumlich klar abgegrenzte, lokale bis regionale Ausdehnung und ist gut entwickelt. Die Küstengewässer mit ihren Lebensgemeinschaften im Wasserkörper (Phytoplankton, Fische, Meeressäuger) und im bzw. auf dem Sediment (Seegraswiesen, Sedimentfauna) sind dagegen weit weniger gut erfasst. Zudem spielen großräumige Prozesse (Strömung, Sedimenttransport) und die Verdriftung bzw. Wanderfähigkeit der Lebewesen eine zentrale Rolle, die eine räumlich scharfe Abgrenzung von marinen Naturschutzgebieten schwierig machen. Das Management von Meeresgebieten muss also großräumigen, internationalen Charakter besitzen. Dementsprechend spielen internationale Gesetze und Vereinbarungen zur Meeresumwelt auch für regionale IKZM eine zentrale Rolle.

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Meeresschutzabkommen

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Die wichtigsten Prinzipien und Ansätze der Meeresumweltschutz-Politik sind der Vorsorgeansatz, das Verursacherprinzip und der Ökosystemansatz. Folgende globale und regionale Abkommen besitzen Bedeutung. Die ersten sechs Abkommen sind für IKZM in Deutschland wesentlich:

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Muschelsterben
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Fischsterben im Oderhaff
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Die Meeres- und Küstenübereinkommen und -vereinbarungen, zu deren Parteien die EU oder einige ihrer Mitgliedsstaaten gehören, umfassen:

Anhand der internationalen Übereinkommen über die Schifffahrt wird die Vielzahl und Komplexität der Abkommen deutlich.

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Ölunfall
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Ölunfall
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Öl
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Zu den internationalen Übereinkommen über die Sicherheit von Schiffen und Schiffahrt gehören:

Von großer Aktualität und praktischer Bedeutung für Gewässerschutz und -management ist vor allem die Wasserrahmenrichtlinie, die schon kurz angesprochen wurde, aber noch einmal detaillierter in ihren Grundzügen dokumentiert werden soll.

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Wasserrahmenrichtline

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Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)

Die Richtlinie des Rates dient der Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik. In der Wasserrahmenrichtlinie werden ältere Wassergesetze zusammengefasst, modifiziert und vereinheitlicht. Sie enthält neue Gesichtspunkte und Ansätze, die zukünftig die Gewässerbewirtschaftung in Deutschland prägen werden, insbesondere:

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Entwurf einer Typisierung der Küstengewässer der Ostsee
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Entwurf der Typenverteilung in der Ostsee
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Die Gewässer sind flussgebietsbezogen zu bewirtschaften, d.h. das betrifft das gesamte Gewässer einschließlich der Zuflüsse. Dabei sind die hydrologischen Bedingungen maßgebend, nicht mehr Verwaltungs- oder Staatsgrenzen. Einzugsgebiete werden durch die WRRL mit den Küstengewässern zu einer Einheit verbunden. Die 10 Flussgebietseinheiten, die in Deutschland liegen oder an denen Deutschland beteiligt ist, sind Donau, Rhein, Maas, Ems, Weser, Elbe, Eider, Oder, Schlei/Trave und Warnow/Peene.

Von unmittelbarer Bedeutung für IKZM in Deutschland ist die Typisierung der Küstengewässer in Nord- und Ostsee. Dabei wird nur ein Streifen von einer Seemeile seewärts der Basislinie berücksichtigt. Die Typisierung orientiert sich an den Flusseinzugsgebieten und bildet die Grundlage für die Bewertung und das Monitoring der Gewässer.

Maßgebliches Kriterium für die Beurteilung des Gewässerzustandes in den einzelnen Typen sind nicht mehr die chemischen und physikalischen Parameter, sondern die Gewässerökologie, vor allem die Gewässerfauna und -flora.

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Entwurf einer ersten Typisierung der Ostsee
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Entwurf einer Typenverteilung in der westlichen Ostsee
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Die Instrumente zur Erreichung eines guten Gewässerzustandes sind Maßnahmenprogramme, die einen Bestandteil der Bewirtschaftungspläne darstellen und an die Kommission zu übermitteln sind. Beide Instrumente müssen national und international koordiniert werden, um eine kohärente Gewässerbewirtschaftung in einem Flussgebiet zu gewährleisten.

Nicht nur Flussgebiete sind vielfach grenzübergreifend und erfordern ein internationales Management, auch die einzelnen nationalen Küstengewässer-Typologien erfordern eine internationale Abstimmung (zumindest an den Staatsgrenzen). Zudem definiert die WRRL die Nordsee und die Ostsee als eigenständige Ökoregionen. Dadurch ist es naheliegend, übergreifende Typologien für die einzelnen Ökoregionen zu definieren und eine Integration der WRRL mit bestehenden Schutzabkommen für diese Ökoregionen (HELCOM und OSPAR) vorzunehmen.

Mit Inkrafttreten der WRRL am 22.12.2000 begann das Fristenkonzept zu laufen: Bis Ende 2003 musste die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen werden. Dies erfolge in Deutschland durch das Wasserhaushaltsgestz, dass am 1.März 2010 in Kraft trat.

Bis Ende 2004 war eine Bestandsaufnahme des Zustandes aller Gewässer durchzuführen und bis Ende 2009 mussten Maßnahmenprogramme und Bewirtschaftungspläne aufzustellt werden, die alle sechs Jahre überarbeitet werden müssen. Somit soll bis Ende 2015 in allen Gewässern ein von der WRRL näher definierter guter Gewässerzustand zu erreicht werden.

Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (2008/56/EG)

Einen weiteren Beitrag zum Schutz der Meeresumwelt leistet die Richtlinie 2008/56/EG des Europäischen Parlaments und des Rates zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Meeresumwelt (kurz: Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie), die am 15. Juni 2008 in Kraft trat.

Ziel der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie ist bis 2020 einen guten Zustand der Meeresumwelt zu erreichen oder zu erhalten, sowie den Schutz der Meeresumwelt dauerhaft zu gewährleisten. Bis zum 15. Juli 2008 musste sie in nationales Recht umgewandelt und entsprechende Maßnahmen zum Erreichen des guten Zustands müssen definiert werden.

Folgende Schritte sind für die Entwicklung der nationalen Meeresstrategien vorgesehen:

Wichtige Beispiele für internationale Übereinkommen zum Meeresschutz sind die Helsinki-Konvention für die Ostsee und die OSPAR-Vereinbarung für die Nordsee.

Helsinki Konvention

Auf Initiative Finnlands haben 1974 die damaligen sieben Ostseestaaten die Helsinki-Konvention vereinbart. 1992 wurde die Konvention gründlich überarbeitet. Mit Beginn des Jahres 2000 trat die neue Helsinki-Konvention zum Schutze der Meeresumwelt des Ostseegebietes in Kraft. Sie fordert die nun 10 Vertragsparteien (Dänemark, Deutschland, EU, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen, Russland, Schweden) auf, individuell und gemeinsam alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um natürliche Lebensräume, Naturprozesse und die biologische Vielfalt des Ökosystems Ostsee einschließlich der Küstenzonen zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Konvention vor allem mit Umweltschutzfragen auf dem Meer beschäftigt. Themen sind gefährliche Stoffe, die Bekämpfung der Eutrophierung, Fischerei, Meeres- und Küstennaturschutz sowie Seetransport. Die Maßnahmen der eingestzten Helsinki-Kommission (HELCOM) bestehen ausschließlich in rechtlich nicht bindenden Empfehlungen ("Recommendations") und politischen Vereinbarungen (agreements).

Oslo-Paris-Konvention (OSPAR)

Die Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen durch Schiffe und Luftfahrzeuge (Oslo 1972) und des Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung vom Lande aus (Paris 1974) wurden durch das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (Oslo-Paris-Konvention, OSPAR) ersetzt, das am 25. März 1998 in Kraft getreten ist.

Das Übereinkommen verpflichtet die Vertragsstaaten alle nur möglichen Maßnahmen zu treffen, um Verschmutzungen zu verhüten und zu beseitigen. Ferner haben sie alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um das Meeresgebiet vor nachteiligen Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten zu schützen, um die menschliche Gesundheit zu schützen, die Meeresökosysteme zu erhalten und, soweit durchführbar, beeinträchtigte Meereszonen wieder herzustellen.

 

4. 

Raum- und Landschaftsplanung

Ziel:Vermittlung von Grundlagen der küstenbezogenen Raumplanung und ihrer Defizite in Deutschland

In den vorangegangenen Kapiteln wurde erwähnt, dass die Raumplanung in Deutschland wesentliche Aspekte des landseitigen IKZM realisiert. Die Küstengewässer werden bislang jedoch nicht berücksichtigt. Ein Umdenken hat aber stattgefunden, wie die Mitteilung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW) Mecklenburg-Vorpommern zeigt:

Die Bundesraumordnung hat die aktuellen Interessenkonflikte im gesamten deutschen Küstenmeer erkannt; in der Ministerkonferenz für Raumordnung am 3.12.2001 in Berlin wurde folgender Beschluss gefasst:

'Die norddeutschen Küstenländer werden den Geltungsbereich ihrer Raumordnungspläne (§ 8 Abs. 1 Satz 1 ROG) auf die 12 sm-Zone des Meeres ausdehnen. Wegen der besonderen Situation auf dem Meer sollte eine entsprechende Anpassung der Ziele und Grundsätze der Raumordnung erfolgen.'

In der Praxis stellen die Raumplaner die entscheidenden Partner im IKZM in Deutschland dar und werden in Zukunft vermutlich verstärkt auch die Aufgaben als Manager im IKZM-Prozess übernehmen müssen.

Inhaltsverzeichnis:
4. Raum- und Landschaftsplanung
 

4.1. 

Stufen der räumlichen Planung

Die folgenden Stufen der räumlichen Planung entstammen einer Übersicht des Umweltbundesamtes (UBA).

Europäische Ebene: Maßstab 1:10.000.000
Aktuelle Entwicklungstrends, wie Verstädterungstendenzen, eine Globalisierung des Warenaustausches und eine zunehmende Inanspruchnahme der natürlichen Ressourcen, wirken sich auf das Ziel einer dauerhaft umweltgerechten Raumentwicklung aus. Aufgrund fortschreitender Verflechtungen können die dabei entstehenden Probleme nicht allein auf nationaler Ebene bewältigt werden, vielmehr bedarf es auch einer europäischen Vorgehensweise. Die EU beeinflusst die Raumentwicklung zum einen über sektorale Politiken, strebt aber darüber hinaus auch eine stärkere Koordinierung im Rahmen eines fachübergreifenden Raumentwicklungskonzeptes an. Dabei ist das Gemeinschaftshandeln gemäß den Neuregelungen des Amsterdamer Vertrages enger an den Umweltschutz und eine nachhaltige Entwicklung zu binden.

Bundesebene: Maßstab 1 : 4.000.000 und 1 : 1.000.000
Das Raumordnungsgesetz des Bundes (ROG) gibt den Rahmen für Aufgaben und Leitvorstellungen einer nachhaltigen Rahmenentwicklung vor, die die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen ökologischen Funktionen in Einklang bringt. Leitbilder für die räumliche Entwicklung der Bundesrepublik liefert der raumordnungspolitische Orientierungsrahmen. Dieser wird in den Landesplanungsgesetzen konkretisiert. Bund und Länder stimmen ihre raumordnerischen Konzeptionen und Leitvorstellungen in der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) ab.

Das Baugesetzbuch (BauGB) regelt die Verfahren, Grundsätze und Aufgaben einer nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung im „Allgemeinen“ und „Besonderen Städtebaurecht“ für Städte, Kreise und kreisangehörige Gemeinden.

Länderebene:
Landesplanung: Landesentwicklungspläne und Programme: Maßstab 1:200.000 bis 1:500.000

Die Landesbauordnungen regeln Inhalte und Verfahren der vorhabenbezogenen Baugenehmigungen in eigener Zuständigkeit. Eine Bundesbauordnung gibt es nicht.

Die Landesplanungsgesetze, die Naturschutz- und Landschaftspflegegesetze und die Landeswassergesetze werden von den Ländern in Ausführung der Rahmengesetze-Bundesraumordnungsgesetz (ROG), Bundesnaturschutzgesetz (BnatSchG) und Wasserhaushaltsgesetz (WHG) erlassen.

Die Landesentwicklungspläne und –programme enthalten Grundsätze und Ziele, deren rechtliche Grundlagen in den Landesplanungsgesetzen geregelt sind. Grundsätze werden durch landesplanerische Ziele räumlich und sachlich konkretisiert, entweder auf der Ebene des Landes oder der nachfolgenden Planungsstufe, der Regionalplanung. Dies geschieht insbesondere durch die räumliche Festlegung von Schwerpunktbereichen sowie das Instrument der Vorbehaltsflächen.

Für einzelne Vorhaben, zu denen alle Großvorhaben wie der Bau der Linieninfrastrukturen gehören, werden von der Landesplanungsbehörde unter Beteiligung von Fachplanungsträgern und nachgeordneten Behörden Raumordnungsverfahren durchgeführt, bei welchen die Vereinbarkeit des Vorhabens mit den Zielen der Raumordnung und Landesplanung geprüft wird.

Regionalplanung: Regionale Raumordnungspläne, Gebietsentwicklungspläne, Regionalpläne: Maßstab 1:500.000 bis 1:100.000
Die Regionalplanung (Gebietsentwicklungsplan, regionaler Raumordnungsplan ...) ist die teilraumbezogene regionale Stufe der Landesplanung mit der Aufgabe einer vorausschauenden, zusammenfassenden, nachhaltigen und überfachlichen Planung für die siedlungsstrukturelle Entwicklung der Region auf längere Sicht. Zwischen den einzelnen Regionen in den Bundesländern (etwa 110 Regionen in der BRD) bestehen große räumliche Unterschiede. Zu den relevanten Zielsetzungen der Regionalplanung gehören die Sicherung und Verbesserung der Umweltqualität und die Raumnutzungs- und Siedlungsstruktur. Die Träger der Regionalplanung wirken bei der Erstellung von Fachplanungen, bei Planfeststellungsverfahren mit (Raumordnungsklauseln der Fachgesetze). Die Gemeinden müssen ihre Planungen den Zielen der Landesplanung anpassen (§1 Abs.4 BauGB).

Regionales Raumordnungsprogramm Mittleres Mecklenburg/Rostock
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Quelle
Abbildung 4.1.1: Ausschnitt aus dem Regionalen Raumordnungsprogramm Mittleres Mecklenburg. Die senkrechten gelben Schraffuren weisen Tourismusschwerpunkt- und -entwicklungsräume aus. Die grünen Flächen zeigen Vorsorge und Vorranggebiete für Naturschutz (Regionaler Planungsverband 1999).

Leitvorstellung bei den Aufgaben der Regional- und Landesplanung ist eine nachhaltige Raumentwicklung, die die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen ökologischen Funktionen in Einklang bringt und zu einer dauerhaften, großräumig ausgewogenen Ordnung führt (§ 1 Abs. 2 ROG). Für den vorbeugenden Hochwasserschutz ist an der Küste und im Binnenland zu sorgen. Im Binnenland vor allem durch Sicherung oder Rückgewinnung von Auen, Rückhalteflächen und überschwemmungsgefährdeten Bereichen.“

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Kommunale Ebene:
Stadtentwicklungspläne, vorbereitende Bauleitpläne oder Flächennutzungspläne, städtebauliche Rahmenpläne, verbindliche Bauleitpläne oder Bebauungspläne.

 

4.2. 

Landschafts- (Naturschutz-) Planung

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Die Landschaftsplanung ist nur der Oberbegriff für unterschiedliche Programme und Pläne. Auf Landesebene bestehen Landschaftsprogramme, die in Landesraumordnungsprogramme einfließen. Die regionalen Behörden erarbeiten Landschaftsrahmenpläne, die in regionalen Raumordnungsplänen (Regionalplänen) zu berücksichtigen sind. Die Gemeinden stellen in den Landschaftsplänen die örtlichen Erfordernisse und Maßnahmen dar, um die Ziele und Grundsätze von Naturschutz und Landschaftspflege zu verwirklichen. Für die Landschaftspläne sind entweder die Gemeinden oder die unteren Naturschutzbehörden verantwortlich.

Schutzwürdigkeit der Arten und Lebensräume
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Quelle
Abbildung 4.2.1: Die Region Warnemünde-Kühlungsborn. Schutzwürdigkeit der Arten und Lebensräume. Ausschnitt aus dem gutachterlichen Landschaftsrahmenplan Mittleres Mecklenburg (LAUN MV 1996).

Die eigenständige Landschaftsplanung hat meist keine Rechtsverbindlichkeit. Sie kann aber rechtliche Verbindlichkeit erlangen, wenn sie in andere Planungen und Regelungen, zum Beispiel in die Bauleitplanung oder in Landesraumordnungsprogramme, übernommen wird.

Durch das neue Bundesnaturschutzgesetz wird die Landschaftsplanung gestärkt. Sie wird zukünftig grundsätzlich flächendeckend ausgestaltet sein, und die Behörden haben sie regelmäßig fortzuschreiben. Die Ziele des Naturschutzes sollen durch höhere Aktualität und Qualität der Landschaftsplanung leichter durchsetzbar werden.

PlanungsraumLandschaftsplanungRäumliche Gesamtplanung
LandLandschaftsprogrammLandesraumordnungs-
programm
RegionReg.Bez./KreisLandschafts-
Rahmenplan
Regionalplan
GemeindeLandschaftsplanFlächennutzungsplan

 

4.3. 

Kategorien im Naturschutz

Naturschutzaspekte spielen eine entscheidende Rolle in der Raumplanung. Meist werden große Gebiete, beispielsweise in Regionalplänen, als Vorrang- oder Vorsorgeflächen für Naturschutz und Landschaftspflege ausgewiesen, da sie bereits einer der folgenden Schutzkategorien angehören: Landschaftsschutzgebiet, Naturschutzgebiet, Nationalpark, Biosphärenreservat, Naturpark oder Natura 2000 - Gebiet.

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Naturparke
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Biosphärenreservate
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Nationalparke
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Netz Natura 2000 in Mecklenburg-Vorpommern
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Quelle
Abb. 4.3.1: Netz Natura 2000 in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern (http://www.um.mv-regierung.de)
 

4.4. 

Internationale Kooperation in der Raumplanung

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Die VASAB 2010-Initiative (Visions and strategies around the Baltic) wurde gegründet, da die Raumplanung als interaktives, fachübergreifendes und demokratisches Instrument zur Förderung der nachhaltigen und ausgewogenen Entwicklung des Raumes und zur Stärkung der räumlichen Kohäsion in der Ostseeregion angesehen wird. Küstenzonenmanagement bildet einen der Schwerpunkte. Für die Finanzierung von Aktivitäten wird auf die INTERREG-Programme zurückgegriffen.
In der Ostsee versucht zudem die HELCOM-Gruppe 'Nature Conservation and Coastal Zone Management' (HABITAT) ostseeweite Strategien zum IKZM zu entwickeln und internationale Kooperationen zu fördern.

Die INTERREG-Initiative wurde 1990 von der Europäischen Kommission initiiert, um regionale grenzüberschreitende Aktivitäten zu unterstützen und um die Bevölkerung an den Binnen-, und Außengrenzen der Europäischen Union näher zusammenzuführen. Küstenzonenmanagement und die Raumplanung in der Küstenzone bilden einen wesentlichen Aspekt in den INTERREG-Programmen.

 
 

5. 

Konfliktlösung und öffentliche Partizipation

Ziel:Schaffung eines Bewusstseins für die Notwendigkeit öffentlicher Partizipation (Beteiligung) und Vermittlung eines Überblicks über die Möglichkeiten, die Öffentlichkeit einzubinden.
Inhaltsverzeichnis:
5. Konfliktlösung und öffentliche Partizipation
 

5.1. 

Ursachen von Konflikten zwischen Akteuren

Die Küstenzone unterliegt einer intensiven Nutzung. Bislang wurden lediglich die sachlichen Konflikte zwischen verschiedenen Nutzungen betrachtet und die Akteure selbst außer Acht gelassen. Die verschiedenen Interessenten in der Küstenzone verfolgen aber sehr unterschiedliche Ziele. Konflikte zwischen ihnen sind deshalb die Regel. Ursachen sind beispielsweise:

 

5.2. 

Partizipation

Öffentliche Partizipation bezeichnet einen Prozess bei dem Individuen, Gruppen oder Organisationen bei der Lösung eines Problems aktiv einbezogen werden oder die Möglichkeit erhalten, sich selbst einzubringen. Partizipation wird als Möglichkeit gesehen, gemeinsame Interessen und Konsenzbildung zu fördern und damit Konflikte zu vermindern. Partizipatorische Planung ist eine der zentralen Forderungen und Notwendigkeiten im IKZM. Die Bedeutung der Partizipation wird am Beispiel des Managementplans für das Mündungsgebiet des Exe im Südwesten Englands deutlich (Europäische Kommission 1999):

Der durch einen Berater 1993 erstellte Managementplan wurde von der lokalen Bevölkerung abgelehnt, da sie ihre Sichtweise nicht ausreichend berücksichtigt fand. Konsequenz war die Schaffung von themenspezifischen Fachgruppen, die aus Nutzern des Mündungsgebiets bestand. Nach einem breit angelegten System von Konsultation im Rahmen lokaler Sitzungen konnte ein allgemein unterstützter Managementplan verabschiedet werden. Durch die Bildung des Exe Estuary Forum, einschließlich einiger Arbeitsgruppen zu Schwerpunktthemen, wurde der partizipatorische Prozess formalisiert und es resultierten jährliche Aktionspläne für das Mündungsgebiet.

Rachael Bayliss (1999), IKZM-Projektmanagerin im Südwesten Englands, sieht folgende positive Aspekte in der öffentlichen Partizipation:

Eine erfolgreiche Partizipation setzt aktive, im Idealfall kontinuierliche Mitarbeit der Beteiligten voraus. Es stellt sich also die Frage nach der Motivation der Beteiligten. Im englischen Beispiel werden folgende Punkte genannt:

Die Mittel und Wege einer erfolgreichen Partizipation können nicht einfach auf andere Regionen oder Staaten übertragen werden, da unterschiedliche Strukturen und Traditionen bestehen. Einige grundsätzliche Prinzipien für die Partizipation können aber festgehalten werden:

Es bleibt festzuhalten, dass Partizipation kein notwendiges Übel darstellt, sondern durchaus zu fruchtbarer Kooperation führen kann. Der Artikel von Schmals (1997) bietet eine interessante soziologische Sichtweise auf die Partizipation.

 

5.3. 

Agenda 21 und Partizipation in Deutschland

Beispiele, wie die zahlreichen Probleme bei der Entwicklung und Umsetzung eines Managementplans für das nordfriesische Wattenmeer, zeigen, dass der öffentlichen Partizipation in Deutschland nicht immer ausreichende Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die in der Raumplanung übliche Auslage von Planungsentwürfen mit einer entsprechenden Einspruchsfrist stellt ein indirektes Verfahren dar, welches nicht nach direkter Interaktion mit den Betroffenen strebt.

In Deutschland dominieren hierarchische Vorgehensweisen (top-down approach) bei Planung und Entscheidungsfindung. Eine Ausnahme bilden die Bestrebungen zur Umsetzung der Agenda 21, die sich sowohl lokal als regional, national und international vollzieht. Im Rahmen der Agenda 21 Inititativen, insbesondere auf lokaler Ebene bildet die öffentliche Partitipation einen zentralen Aspekt. Durch die inhaltliche Nähe der Agenda 21 Zielsetzungen mit denen des IKZM können und sollten küstennahe Agenda 21 Strukturen verstärkt für Küstenzonenmanagement genutzt werden.

Die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland lassen sich in vier Kategorien untergliedern:

  1. Die "klassischen" demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten, die in der Verfassung garantiert sind (Kommunalwahl, Versammlungs- und Vereinigungsrecht, Mitwirkung der Parteien, Rechtsschutz) oder
  2. auf gesetzlicher Grundlage stehen (Bürgerentscheid, Bürgerbegehren, Bürgerantrag, Bürgerversammlung, Bürgerfragestunde, Beschwerderecht, öffentliche Auslegung von Bauleitplanentwürfen und Anregungen der Bevölkerung nach § 3 BauGB). Diese hier aufgeführten gesetzlich geregelten Beteiligungsverfahren kommen seit Jahren in der kommunalen Entwicklungsplanung zum Einsatz,
  3. die organisierte Mitarbeit in Parteien, kommunalen Gremien (Ausschüssen und Beiräten) oder in (Bürger-) Initiativen und
  4. die freiwilligen Beteiligungsangebote der Kommunen.

Die freiwilligen Beteiligungsangebote sind für IKZM von besonderem Interesse. Folgende partizipatorische Ansätze zur Einbeziehung der Akteure in den Prozess der Lokalen Agenda 21 werden bislang genutzt:

Bürgerversammlungen (Spontane): Versammlungen zu aktuellen Projekten, Themen.
Beiräte als (wissenschaftliche) Beratergremien: Grundsätzliche Diskussionen und beratende Entscheidungsvorbereitung.
Anhörungen: Gelegenheit für Interessengruppen, sich zu bestimmten Projekten, Konzepten oder Themen zu äußern.
Runde Tische: Grundsätzliche Diskussionen und beratende Entscheidungsvorbereitung; zum Teil nicht öffentlich.
Foren: Grundsätzliche Diskussionen und beratende Entscheidungsvorbereitung im großen, öffentlichen Rahmen.
Planungszellen: Eine zufällige Auswahl von Bürgern erarbeitet zu konkreten Detailproblemstellungen in kurzer Zeit mehrheitsfähige Lösungen.
Zukunftswerkstätten: Handlungsorientierte Ideenschmiede zur Aktivierung kreativen Potentials mit Vorbereitungs-, Kritik-, Phantasie-, Verwirklichungs- und Nachbereitungsphase.
Mediationsverfahren: Verfahren zur Konfliktbewältigung bei der Planung und Ansiedlung oder Sanierung von umweltrelevanten Vorhaben.
Anwaltsplanungen: Beauftragter der Stadt hat die Aufgabe, die Bürger gegenüber der Planung zu stärken und sie bei ihren eigenen Initiativen zu unterstützen und zu beraten.

  WWW-Link

Ein umfassender, kommentierter Überblick über den lokalen Agenda 21-Prozess findet sich auf der Internetseite des Umweltbundesamtes. Erfahrungen bezüglich der Anwendung dieser Ansätze auf IKZM in Deutschland liegen bislang kaum vor. Die Zukunft muss zeigen welche Ansätze sich hier durchsetzen.

 

5.4. 

Indikatoren und Partizipation

Laut den Empfehlungen des europäischen Parlaments und des Rates (vom 30. Mai 2002) zur Umsetzung einer Strategie für ein integriertes Management der Küstengebiete in Europa (2002/413/EG), werden für ein effektives integriertes Management der Küstenzonen strategische und gemeinsame Handlungen auf der regionalen und lokalen Ebene benötigt. Dies ist häufig die Umsetzungsebene des IKZMs. Daher spielen Küstengemeinden und –regionen eine entscheidende Rolle für die nachhaltige Entwicklung von Küstengebieten.

Eine bedeutende Rolle im IKZM hat daher die Messung von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung in Küstengemeinden. Folglich haben sich verschiedene Initiativen mit der Entwicklung von Methoden und Werkzeugen zur Messung der Nachhaltigkeit befasst. Hierfür werden häufig Indikatoren benutzt, da sie komplexe Phänomene in vereinfachter Form darstellen und Informationen quantifizieren und diese vergleichbar machen können. Somit wurden verschiedene Indikatorensätze entwickelt, die eine wichtige Rolle in der europäischen Küsten- und Meerespolitik spielen.

Die Akzeptanz von Indikatoren auf der lokalen und regionalen Ebene ist bisher jedoch begrenzt. Gründe dafür sind unter anderem Komplexität, mangelnde Kompetenzen, ein hoher Zeitaufwand sowie fehlende Motivation und ein Mangel an unmittelbarem und offensichtlichem Nutzen für die Gemeinden.  

Im Rahmen des europäischen Interreg-IVC-Projektes SUSTAIN wurde folglich eine auf Indikatoren basierende Methode zur Messung der Nachhaltigkeit in Küstengemeinden entwickelt. Es entstand eine kombinierte Methodik aus Indikatorenanwendung und partizipativem Prozess zur Bewertung und Setzung von Präferenzen (Gewichtung). Durch den Gebrauch von Kernindikatoren und optionalen Indikatoren erlaubt es höhere Flexibilität bei der Anwendung. Die Indikatoren umfassen neben den herkömmlichen drei Säulen der Nachhaltigkeit (Wirtschaft, Umweltqualität und soziales Wohlbefinden) eine vierte, administrative Säule (Governance). Jede Säule (Pillar) ist in Themengruppen (Issues) eingeteilt, die anhand der jeweiligen Indikatoren bewertet werden.

Die SUSTAIN Methodik besteht aus zwei, voneinander unabhängigen, Schritten:

1. Indikatorenanwendung

Zunächst erfolgt in einer moderierten Diskussion die Auswahl von geeigneten optionalen Indikatoren durch Akteure der Küstengemeinde. Anschließend folgt die Datenrecherche für die Kern- und optionalen Indikatoren sowieo die Bewertung der einzelnen Indikatoren anhand eines Scoring-Systems.

Die Indikatorenandwendung fördert das Erkennen von Stärken und Schwächen in Küstengemeinden. Durch den Gebrauch von Kernindikatoren wird sichergestellt, dass keine Beschöningung der Situation erfolgt. Die zusätzlichen optionalen Indikatoren erlaubt dennoch eine Anpassung an die lokale Situation und spezifische Bedürfnisse.

2. Gewichtung

Im zweiten Schritt erfolgt die aktive Bewertung der Themengruppen und der übergeordneten Nachhaltigkeitssäulen durch lokale und regionale Akteure.

Dieser Schritt dient der interdisziplinären Kommunikation zwischen den Akteuren und stellt eine aktive Anregung zur Diskussion dar. Außerdem soll durch eine direkte Beteiligung von Akteuren die Akzeptanz von entstehenden Entscheidungen erhöht werden. 

Ziel des SUSTAIN Ansatzes ist die Förderung des internen Austausches und der aktiven Gestaltung zukünftiger Entwicklung in Küstengemeinden. Dies wird gefördert durch:

 

5.5. 

Partizipation in der Praxis

Ein gutes Beispiel für die frühe öffentliche Partizipation in der Praxis stellt die vom Ministerium für ländliche Räume, Landesplanung, Landwirtschaft und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein (MLR) in Auftrag gegebene 'Sensitivitätsanalyse zu einem integrierten Küstenschutzkonzept für die Küstenniederung Timmendorfer Strand / Scharbeutz' dar, die von Kaul & Reins GbR im Jahre 2000 durchgeführt wurde. Wesentliche Vorgehensweise und Erfahrungen sollen hier kurz wiedergegeben werden.

Beispiel: Küstenschutz in der Niederung Timmendorfer Strand / Scharbeutz

Hintergrund

Seit mehr als vierzig Jahren wird in den beiden Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz diskutiert, ob und in welcher Weise Maßnahmen zum Küstenschutz durchgeführt werden sollen, da unter anderem die Küstenniederung Timmendorfer Strand / Scharbeutz nicht ausreichend gegen die zukünftig zunehmenden Hochwassergefahren geschützt ist.

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Karte Timmendorf / Scharbeutz
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Strand von Scharbeutz
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Ansatz

Die Sensitivitätsanalyse basiert auf der Anwendung des Sensitivitätsmodells nach Prof. Vester. In einem ersten Schritt wurde das zugrundeliegende System, die ‚Küstenniederung Timmendorfer Strand und Scharbeutz’, modellhaft abgebildet.
Der erste Schritt erlaubt, Aussagen über die Rolle der einzelnen Variablen in dem Untersuchungsgebiet zu treffen und die Zusammenhänge innerhalb des Systems zu analysieren. Er erfolgte in fünf Gesprächsrunden innerhalb eines Zeitraums von vier Monaten.
Der zweite Schritt , der sich über einen Zeitraum von zwei Monaten erstreckte und vier Gesprächsrunden (einschließlich der Arbeitsgruppentreffen) umfasste, zielte auf bestimmte Fragestellungen ab, die im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung des Küstenschutzes untersucht werden sollten. Dazu wurden aus dem entwickelten Systemmodell des ersten Schrittes sogenannte ‚Teilszenarien’ abgeleitet, die die erforderlichen Aspekte – d.h. Variablen, deren Wechselwirkungen und deren Quantifizierung – für die konkreten oben beschriebenen Fragestellungen beinhalten. (Bspl.: Wirkung von Hochwasserschutzmaßnahmen auf die Entwicklung von Schlüsselvariablen der Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz).
Das Sensitivitätsmodell dient dabei als Diskussionshilfe, wobei die einzelnen Gesprächsrunden nicht rein sequentiell, sondern iterativ zu sehen sind. Sie sind Teil eines Diskussionsprozesses, der nach jeder Runde die vorhergehenden Ergebnisse in die Diskussion mit einbezieht und eventuell Anpassungen oder Änderungen erfordert.

  Zum Lesen

Erste Gesprächsrunde

Ziel dieser ersten Gesprächsrunde war es - unter Einbeziehung zahlreicher Bürger vor Ort - einen ersten Eindruck über die Zusammenhänge in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz zu gewinnen.
Im Rahmen eines Brainstormings sammelte der Moderator auf Zuruf aus der Gruppe die Interessen, Wünsche und Ideen der Bürger sowie der Gemeindevertreter, die unmittelbar mit der Küstenniederung zu tun haben. Diese Informationen (Variablen) wurden dazu für alle sichtbar auf großem Packpapier notiert. Anschließend verknüpfte die Arbeitsgruppe die durch das Brainstorming gesammelten Variablen zu einem ersten Systembild. Hierzu wurden auf Zuruf die zwischen den Variablen bestehenden Vorgänge und Einflüsse durch Wirkungspfeile dargestellt: Es wurden diejenigen Variablen mit Pfeilen verbunden, die nach Meinung der Bürger bzw. Gemeindevertreter einen Einfluss aufeinander haben, d.h. zwischen denen eine Wechselwirkung besteht.

Das Ergebnis ist eine umfangreiche erste Variablenliste sowie ein grobes Abbild des Systems ‚Küstenniederung Timmendorfer Strand / Scharbeutz‘, mit skizzierten Wechselbeziehungen der Variablen untereinander

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Kriterienmatrix
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Zweite Gesprächsrunde

Ziel der zweiten Runde war es, den aus der ersten Gesprächsrunde erhaltenen umfangreichen Variablensatz zu einem überschaubaren und trotzdem systemrelevanten Variablensatz als Basis für die weitere Arbeit zusammenzufassen. Dabei stellt eine Variable eine veränderliche Einflussgröße des beschriebenen Systems dar. Aus den Wechselwirkungen der verschiedenen Variablen kann die Kybernetik des Systems ermittelt werden. Der festgelegte Variablenname steht dabei nur als kurzer Sammelbegriff für die Indikatoren, die in einer Variablen subsummiert werden.
In drei Arbeitsgruppen (je ca. 6 Teilnehmer) wurden die Variablen der ersten Ge-sprächsrunde einzelnen Lebensbereichen zugeordnet (z.B. Wirtschaft, Population, Humanökologie...) sowie die Beschreibungen der Variablen ergänzt. Anschließend wurden einzelne Variablen zu übergeordneten Variablen zusammenfasst. Am Ende der Veranstaltung sind die Einzelergebnisse der drei Gruppen im gesamten Plenum diskutiert und abgeglichen worden.
Der so erhaltene Variablensatz besteht aus 17 Variablen und ist vor der dritten Gesprächsrunde anhand der Kriterienmatrix auf seine Systemrelevanz untersucht und aufbereitet worden. Dieser Schritt ist notwendig um sicherzustellen, dass alle relevanten Aspekte im Variablensatz enthalten sind. Ansonsten könnten wichtige Auswirkungen übersehen werden, die das System wesentlich beeinflussen.
Bei der Erstellung der Kriterienmatrix wurde für jede einzelne Variable überprüft, inwieweit sie die genannten Bereiche abdeckt (volle Abdeckung = 1 Punkt, teilweise Abdeckung = 0,5 Punkte, keine Abdeckung = 0 Punkte).

Das Ergebnis zeigt, daß alle Lebensbereiche und Kategorien der Kriterienmatrix abgedeckt werden. Dieses Ergebnis wurde auch von der Arbeitsgruppe bestätigt.

Dritte Gesprächsrunde

Ziel dieser Runde war die Verbesserung bzw. Verfeinerung der bisherigen Ergebnisse im Sinne des oben angesprochenen iterativen bzw. rekursiven Prozesses. Dazu wurde der aufbereitete Variablensatz sowie das Ergebnis der Kriterienmatrix vorgestellt und ausführlich diskutiert. Änderungen und Verfeinerungen bzgl. des Variablensatzes wurden aufgenommen.

Das Ergebnis ist ein neu erarbeiteter Variablensatz.

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Matrix Gruppe 2
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Vierte Gesprächsrunde

Ziel dieser Runde war es, die Wirkungen bzw. Einflüsse der einzelnen Variablen (des Gesamtsatzes von 17 Variablen) aufeinander zu beurteilen. Dazu wird die Wirkung einer Variable (z.B. Lebensqualität) auf eine andere (z.B. Einwohnerzahl) mit einer Zahl zwischen 0 und 3 bewertet und in das Formular "Einflußmatrix" eingetragen. Es gilt:
0 = keine oder nur sehr schwache direkte Wirkung von 'Lebensqualität' auf 'Einwohnerzahl'
1 = schwache (oder erst später eintretende) direkte Wirkung von 'Lebensqualität' auf 'Einwohnerzahl'
2 = mittelstarke direkte Wirkung von 'Lebensqualität' auf 'Einwohnerzahl'
3 = sehr starke direkte Wirkung von 'Lebensqualität' auf 'Einwohnerzahl'
Die Frage lautet dabei immer: Wenn sich die Größe 'Lebensqualität' verändert, wie stark wirkt sich dann diese Veränderung der Lebensqualität direkt auf die Größe 'Einwohnerzahl' aus? Wichtig ist, daß ausschließlich direkte Wirkungen berücksichtigt werden, da es anderenfalls durch die Überlagerung verschiedener indirekter Wirkungen zu einer Fehlbeurteilung von Variablen und deren Stellenwert im System kommen kann.
Als Ergebnis erhält man die Einflußmatrix bestehend aus Werten zwischen null und drei. Auf Basis dieser Variablenbewertungen werden dann sogenannte Einflussindizes berechnet. Dazu werden die einzelnen Zahlen jeder Zeile und jeder Spalte aufsummiert. Die Summe der Zeile ergibt den Aktivwert, die Summe der Spalte den Passivwert der dazugehörigen Variable. Zur weiteren Interpretation teilt man zum einen den Aktivwert einer Variable durch den Passivwert derselben Variable (Q-Wert), zum anderen wird das Produkt aus Aktiv- und Passivsumme derselben Variable berechnet (P-Wert).
Anhand dieser beschriebenen Einflußindizes lassen sich alle Variablen unter vier Schlüsselelementen zusammenfassen: aktiv vs. reaktiv sowie puffernd vs. kritisch:
Aktive Elemente beeinflussen andere stark, werden selbst aber nur gering beeinflußt. Bei reaktiven Elementen ist es umgekehrt. Kritische Elemente werden von vielen anderen Variablen beeinflußt und beeinflussen gleichzeitig auch viele andere. Puffernde Elemente hingegen werden nur von wenigen anderen Variablen beeinflußt und beeinflussen auch nur wenige andere.
In dieser Runde wurde das Gesamtplenum in vier kleinen Arbeitsgruppen mit je vier Teilnehmern aufgeteilt. Jede Gruppe hat dann eine Einflußmatrix separat ausgefüllt.

Die Ergebnisse wurden dokumentiert und analysiert. Für die Analyse entscheidend waren abweichende Bewertungen in den Einflussmatrizen der verschiedenen Gruppen. Es wurden die Bewertungen der verschiedenen Gruppen hervorgehoben, die um mehr als einen Bewertungspunkt abweichen. Diese Abweichungen sollten in der fünften Gesprächsrunde erneut zur Diskussion gestellt werden mit dem Ziel, die sogenannte ‚Konsensmatrix‘ zu ermitteln, mit der sich alle Teilnehmer identifizieren können.

  Zum Lesen
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Timmendorf Ergebnisse: Konsensmatrix
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Timmendorf Ergebnisse: Rollenverteilung
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Timmendorf Ergebnisse: Wirkungsgefüge
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Fünfte Gesprächsrunde

Ziel war es, im ersten Teil der Veranstaltung zu einer von allen Teilnehmern getragenen Einflussmatrix – der sogenannten Konsensmatrix – sowie der aus ihr resultierenden Rollenverteilung zu gelangen. Hierzu diskutierte das Gesamtplenum die Abweichungen der einzelnen Einflußmatrizen aus der vorherigen Gesprächsrunde, die um mehr als ein Bewertungspunkt differieren.
Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden der vorbereitete und zusammen mit der Einladung verschickte Arbeitsbogen zum Wirkungsgefüge diskutiert und überarbeitet und ein vorläufiges Wirkungsgefüge präsentiert.
Im dritten Teil wurden im Rahmen einer Diskussion mögliche Teilszenarien erarbeitet, die im Hinblick auf Küstenschutzmaßnahmen untersucht werden sollten.

Ergebnisse: Die Auswertung der Matrix zeigt, wie stark jede einzelne Variable die anderen Variablen beeinflusst (Aktivsumme) bzw. wie stark jede einzelne Variablen von den anderen Variablen beeinflusst wird (Passivsumme).

Aus den Einflussindizes läßt sich die Rollenverteilung der Variablen im System bestimmen:
Die Interpretation der Einflussmatrix und der damit korrespondierenden Rollenverteilung erfolgt in drei Schritten:

Im ersten Schritt werden vier Oberbereiche, sogenannte Schlüsselelemente, beschrieben, die grundlegende Eigenschaften der Variablen im System vereinigen.

Im zweiten Schritt wird die Rolle jeder Variablen im System beschrieben und Hinweise bezüglich deren Eignung für steuernde Eingriffe herausgestellt.

Der dritte Schritt faßt die ersten beiden zusammen, indem die Variablen den vier Schlüsselelementen zugeordnet werden. Im Ergebnis entstehen Gruppen von Variablen, die unterschiedliche Rollen bei steuernden Eingriffen besitzen.

Auf die Diskussion der Schlüsselelemente und der Einzelvariablen soll nicht weiter eingegangen werden, da beides sehr stark fallspezifisch ist. Für Interessierte enthält die ergänzende Literatur weitere Informationen.
Auf die Analyse der Rollenverteilung und der Wirkungsbeziehungen soll hier ebenfalls nicht weiter eingegangen werden, da beides sehr stark von der verwendeten Software bestimmt wird. Die beispielhaft ausgewählten Bilder enthalten jedoch auch hierzu ergänzende Informationen.

Interessant hingegen ist die abschließende Diskussion darüber, welche konkreten Teilszenarien in Hinblick auf Küstenschutzmaßnahmen untersucht werden sollten. Die Diskussion führte zu folgendem Ergebnis:
(1) Nulllösung (d.h. es werden keine weiteren Küstenschutzmaßnahmen durchgeführt)
(2) Schutz vor Überschwemmung (meint die Betrachtung von konkreten Maßnahmen des Hochwasserschutzes)
(3) Schutz des Strandbereichs (meint die Betrachtung von konkreten Maßnahmen des Erosionsschutzes)
(4) Maximallösung (d.h. Bau von Landesschutzdeichen)

In einem Brainstormig wurden anschließend konkrete Maßnahmen gesammelt, die entsprechend dem Hochwasserschutz bzw. der Küstensicherung zugeordnet werden können.
Zur Erarbeitung der Arbeits- und Diskussionsgrundlagen für die vier Teilszenarien beauftragten die Teilnehmer der fünften Gesprächsrunde eine sogenannte kleine Arbeitsgruppe

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Timmendirf Ergebnisse: Teilszenarien
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Sechste Gesprächsrunde

Vorbereitendes Treffen der kleinen Arbeitsgruppe: Die Betrachtung besonderer Fragestellungen geschieht mit wenigen, thematisch ausgewählten Variablen und ihren Verknüpfungen in Teilszenarien. Sie bilden die Grundlage für interessante ‚Wenn-Dann-Betrachtungen’ und bieten die Möglichkeit, die Folgen von Veränderungen der betrachteten Variablen zu untersuchen. Darüber hinaus läßt sich überprüfen, ob Maßnahmen die gewünschten Wirkungen erzielen oder ob sie zu unerwünschten Wirkungen bzw. ‚Nebenwirkungen’ führen.
Die Entwicklung des Teilszenarios 'Küstenschutz' entspricht in seinen Grundzügen der Entwicklung eines Wirkungsgefüges. Im Wesentlichen wurden dazu Variablen des Gesamtsystems zusammengefaßt und ergänzt. Die Wirkung einer Variable auf eine andere wird analog zum Wirkungsgefüge ebenfalls durch einen Pfeil symbolisiert. Ein durchgezogener Pfeil bedeutet, daß die Wirkung gleichgerichtet ist, ein gestrichelter Pfeil hingegen zeigt eine entgegengerichtete Wirkung auf.

Ziel und Ergebnis: der sechsten Gesprächsrunde war die Präsentation und Diskussion des Wirkungsgefüges sowie des Teilszenarios. Die hierbei aufgetretenen Änderungen wurden eingearbeitet.

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Timmendorf Ergebnisse: Simulationen
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Siebte Gesprächsrunde

Vorbereitendes Treffen der kleinen Arbeitsgruppe: Durch Simulationen mit einem mathematischen Modell wird das komplexe Zusammenwirken mehrerer Variablen verdeutlicht und die Entwicklung einzelner Variablen im Zeitablauf aufgezeigt.

Im Rahmen der siebten und letzten Gesprächsrunde wurden die Ergebnisse der Simulation präsentiert und diskutiert. Abschließend wurden auf Basis der Simulationsergebnisse sowie auch der vorherigen Runden Handlungsempfehlungen formuliert.

Folgende Ergebnisse ergeben sich auf der Basis der Simulationen:
Nulllösung: Das vorherrschende System ist aufgrund der externen Störgröße "Hochwassergefahr" langfristig ohne gegensteuernde Maßnahmen nicht stabil. Die anfangs noch mögliche Steigerung der Gästezahlen ist nicht nachhaltig.

Maximallösung: Das Ziel einer maximalen Sicherheit vor Überschwemmungen wirkt sich langfristig negativ auf den wichtigsten Wirtschaftsfaktor beider Gemeinden – auf die Gäste – aus. Der Rückgang des Tourismus und der damit verbundenen Wirtschaftskraft ist daher möglich, das System kann instabil werden.

Schutz vor Überschwemmungen (Hochwasserschutz): Es kann langfristig eine relativ hohe Sicherheit vor Überschwemmungen erzielt werden, mit positiven Auswirkungen auf die Güte des Lebensraums und die Angebotsstruktur. Im Gegensatz zur Maximallösung kann auch langfristig ein hohes Gästezahlenniveau erreicht und gehalten werden. Allerdings sinkt durch den Eingriff sowohl die Attraktivität des Strandbereiche als auch – entsprechend der zuvor beschriebenen Maßnahmen – die Intaktheit der Natur. Mit Hilfe flankierender Maßnahmen bleibt das System stabil.

Schutz der Strandsubstanz (Erosionsschutz): Dies ist eine Maßnahme rein ‚kosmetischer‘ Natur für den Strandbereich, die jedoch keine sichtbaren Effekte auf die von der Hochwassergefahr ausgehende Bedrohung auf die Angebotsstruktur und die Sicherheit der Menschen hat. Außer der Verbesserung des Strandbereiches ist eine analoge Entwicklung zur Nulllösung zu sehen.

Kombinierter Hochwasser- und Erosionsschutz: Bezogen auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren stellt dieses Szenario die beste Lösung dar. Die negative Wirkung des Hochwasserschutzes auf den Strandbereich wird durch entsprechende Erosionsschutzmaßnahmen kompensiert. Da hier jedoch der Eingriff in die Natur durch unterschiedliche Maßnahmen am stärksten ist, sind flankierende Maßnahmen zum Erhalt der Intaktheit der Natur notwendig.

Empfehlungen

Das Beispiel Timmendorf / Scharbeutz zeigt deutlich, dass es möglich ist, die Bevölkerung in Entscheidungsfindungsprozesse einzubinden. Es zeigt aber gleichzeitig die Notwendigkeit einer geschulten Moderation sowie den Nutzen von Entscheidungshilfesystemen.

 

6. 

Kommunikation und Information (mit Internet)

Ziel:Schaffung eines Bewusstseins für Kommunikation als Problemfeld im praktischen IKZM sowie der Bedeutung von Informationsbeschaffung und -verbreitung speziell im Internet. Die im Text angeführten Beispiele sollten zusätzlich im Internet angesehen werden, um praktische Erfahrung zu erhalten.

An einem regionalen Beispiel soll zunächst verdeutlicht werden, dass gerade bei den Aspekten Information und Kommunikation in Deutschland Defizite bestehen, bei deren Überwindung dem Internet eine besondere Rolle zukommt.

Inhaltsverzeichnis:
6. Kommunikation und Information (mit Internet)
 

6.1. 

Hintergrund: Ein Beispiel aus der Praxis

IKZM-Initiative Warnemünde-Kühlungsborn
Im Rahmen einer von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) über ein Jahr geförderten Vorstudie sollte zwischen 2001 und 2002 exemplarisch für den Untersuchungsraum Warnemünde-Kühlungsborn die Möglichkeiten einer IKZM Initiative untersucht werden.

Im Mittelpunkt der Vorstudie stand das Aufzeigen von Perspektiven für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Entwicklung in der Küstenregion Warnemünde-Kühlungsborn sowie die Ausarbeitung von konkreten Lösungskonzepten unter Beteiligung aller Entscheidungsträger und Nutzer, welches durch das Verflechten von juristischen, sozioökonomischen und naturwissenschaftlichen Grundvoraussetzungen und Untersuchungen gewährleistet wurde.
Aufgrund ihrer Aktualität und Medienpräsenz in der Untersuchungsregion wurden die drei Themenschwerpunkte Strandmanagement, Sportboothäfen und Baggergutverklappung ausgewählt.

Dokumentation und Quantifizierung der Nutzungskonflikte
Hierzu wurden vier Wege parallel verfolgt:


Durch diese Vorgehensweise war es möglich, die Bedeutung der Themen quantitativ gegeneinander abzuwägen sowie Baggergutverklappung, Strandmanagement und Sportboothäfen als zentrale Themenfelder für die Region zu belegen.

Analyse der aktuellen IKZM Situation
Die Umfragen, Auswertungen und Zusammenstellungen der Zuständigkeiten und Regelungen haben bestätigt, dass eine Vielzahl paralleler oder sektoraler unkoordinierter Aktivitäten bestehen, ein undurchsichtiges Geflecht von Gesetzen und Verwaltungsvorschriften im Küstenraum vorliegt und objektivierte Entscheidungsfindungsprozesse unter Einbindung der Beteiligten kaum stattfinden. Ein Integriertes Küstenzonenmanagement ist für diese Region sehr sinnvoll und dringend erforderlich. Wir haben allerdings mehrere Dinge erkennen müssen:


Während der systematischen Sammlung von Daten, Fakten, Artikeln, Beiträgen, Arbeiten, Berichten, Karten und Bildern etc. wurde sehr deutlich, dass sowohl zur Küste generell als auch bezüglich der Themenschwerpunkte vielfältiges, umfangreiches Material zur Verfügung steht. Dieses ist aber weder leicht verfügbar, noch bekannt und findet zudem keinerlei Eingang in Entscheidungsprozesse. Insbesondere wissenschaftliche Beiträge haben nahezu keinen Einfluss auf Praktiker. Es ist also weniger erforderlich, neue Forschungsergebnisse zu erzeugen und evtl. zu duplizieren als vielmehr Bestehendes aufzuarbeiten, zu vernetzen und verfügbar zu machen.

Konsequenzen


Insgesamt ist der Schwerpunkt der Pilotstudie aufgrund der praktischen Notwendigkeiten und Defizite in der Region von der konkreten Bearbeitung der Themenschwerpunkte hin zu grundsätzlichen Lösungen für ein regionales IKZM gewandert. Dadurch hat die Kommunikation mit Entscheidungsträgern, die Mitarbeit in exemplarischen Foren, die Initiierung eines Forums und die exemplarische Realisierung eines Internet-Informationssystems breiten Raum eingenommen.

Agenda 21-Forum: Im Rahmen der Pilotstudie wurden alle Agenda-Beauftragten der Region sowie die Raumplanung zu einem ersten IKZM-Forum eingeladen. Die Unterstützung und die Bereitschaft das Thema IKZM anzunehmen hat diesen Kreis als sehr geeignet für eine dauerhafte Trägerschaft des regionalen IKZM erscheinen lassen. Das Internet-Informationssystem wurde dabei sehr positiv bewertet.

Internet-Informationssystem: Durch die Bereitstellung umfangreicher Materialen aller Art zum regionalen IKZM sowie der Projektergebnisse in einem internet-gestützten Informationssystem sollte das Defizit der Informationsverfügbarkeit überwunden werden. Es war klar, dass im Rahmen der Pilotstudie nur erste Ansätze hierzu verwirklicht werden können. Der potentielle praktische Nutzen des Systems wurde aber deutlich und ermöglichte erste Gespräche bezüglich einer längerfristigen finanziellen Unterstützung.

Newsletter: Der nationale Newsletter war als Versuch gedacht, den Informationsfluss zu verbessern. Dies sollte zunächst auf der nationalen Ebene geschehen und Erfahrungen gesammelt werden, bevor der Newsletter als schwierigere regionale Variante herausgebracht wird. Die überraschend gute Resonanz hat dazu geführt, dass der nationale Newsletter durch den Verein ‚EUCC – Die Küsten Union Deutschland’ weitergeführt wird. Eine regionale Variante könnte sicherlich die Kenntnisse und Akzeptanz des IKZM deutlich erhöhen und den IKZM-Prozess in der Region wesentlich fördern.

Ergebnisse
Die Lösungsansätze unterscheiden sich nicht für die einzelnen Themenfelder, da die Probleme meist nicht in einem Defizit an Wissen liegt, sondern an der Nutzung des Wissens bei der Entscheidungsfindung. Es ist genug Wissen vorhanden, an der Umsetzung hapert es.

Die Kommunikation mit Entscheidungsträgern und regionalen Akteuren bildet eine zentrale Aufgabe und Herausforderung einer IKZM-Initiative. Dies hat sich in der Praxis als sehr aufwändig erwiesen und erfordert eine permanente Anprechperson. Diese Aufgabe und die ständige regionale Moderation kann das Betätigungsfeld eines ‚Küstenzonenmanagers’ sein. Steht eine solche Person nicht zur Verfügung, können, was allerdings sehr viel schwieriger ist, bestehende regionale Strukturen, wie Agenda 21-Büros, gefördert und genutzt werden.
Demgegenüber kann das Informationsdefizit effizient und vergleichsweise kostengünstig durch Einbeziehung des Internets überwunden werden.
Das Beispiel macht aber auch deutlich, wie eng die Bereiche Kommunikation und Information zusammenhängen.

 

6.2. 

Kommunikation als Problemfeld

Bei der Partizipation wird von der Bereitschaft der Zielgruppen zur Mitarbeit ausgegangen. Bei der Aufbereitung und Bereitstellung von Informationen muss die Zielgruppe die Informationsangebote ebenfalls aktiv annehmen. Im Rahmen dieses Kapitels sollen der unmittelbare, kontinuierliche und beidseitige Informationsaustausch, die Kommunikation, beleuchtet werden. Regionale IKZM Initiativen zeichnen sich in der Regel durch eine aktive Kerngruppe aus Teilnehmern mit unterschiedlichem Hintergrund aus. Es kann sich um Personen aus verschiedenen Behörden und Ämtern, Politiker oder auch Wissenschaftler handeln. Innerhalb dieser Kerngruppe ist eine intensive Kooperation und effektive Kommunikation erforderlich. Zudem muss diese Kerngruppe aktiv mit anderen entscheidungsrelevanten Gruppen kommunizieren.

Bei der Bewertung der 35 europäischen Demonstrationsprojekte zum IKZM wurde unzureichende Kommunikation als wesentliches Problem und Hemmnis für regionales IKZM angesehen (Europäische Kommission 1999). Durch effektive Kommunikation soll folgendes verhindert werden:

Kommunikation muss zwischen einzelnen Fachdisziplinen und über Hierarchien hinweg funktionieren. Transparenz von Entscheidungswegen und Offenheit sind eine wesentliche Voraussetzung hierfür.

Kommunikation beruht auf Gegenseitigkeit. Sie erfordert die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses durch eine gemeinsame Sprache. Das heißt, eine schwer- oder missverständliche Fachterminologie ist zu vermeiden.

Durch ausgeprägte Hierarchien, geschlechterspezifische Verhaltensweisen und unzureichende Bildung stellen Kommunikationsprobleme vor allem in Entwicklungsländern ein wesentliches Hindernis für Küstenzonenmanagement dar.

Als Möglichkeiten, eine effektive Kommunikation und Koordination zu erreichen, werden traditionell regelmäßige Konsultationen, moderierte Sitzungen und Foren vorgeschlagen. Die Kommunikation als Informationsaustausch setzt voraus, dass Daten, Informationen und Wissen vorhanden sind. Moderne Methoden der Kommunikation wie Email, Mailing-Listen, Internet-Diskussionsforen, Newsgroups, Newsletter und lokale, regionale, nationale und internationale Netzwerke besitzen eine zentrale Bedeutung

 

6.3. 

Daten, Information und Wissen

Qualitativ hochwertige Daten, Informationen und Wissen sind von fundamentaler Bedeutung, nicht nur als Grundlage der Kommunikation, sondern für ein erfolgreiches und effektives IKZM generell. Brian Shipman (2000) weist dabei auf eine problematische Konfusion dieser Begriffe hin:

‚Data does not equal information, information does not equal knowledge; and, more importantly, knowledge does not equal wisdom.’

(Roh-)Daten werden vielfach erst durch Aggregation und fachlich kompetente Interpretation zu nutzbarer Information. Erst die Summe aus plausiblen, zusammenhängenden Informationen zu einem Fachgebiet lassen sich als gesichertes Wissen und Erkenntnis bezeichnen. Fachübergreifendes Wissen ist für komplexe Entscheidungen in der Küstenzone erforderlich. Aber auch ausreichende Informationen und Wissen gewährleisten nicht, dass Entscheidungen tatsächlich nach rationalen Kriterien, also weise, getroffen werden.

Daten für IKZM sollten zweckdienlich, also auf die Fragestellung bezogen sein, und idealerweise einen geeigneten räumlichen Maßstab aufweisen, als langjährige Zeitreihen verfügbar sein und eine Vergleichbarkeit im gesamten Projektgebiet erlauben. Zudem sollten sie integrierbar, zuverlässig und aktuell sein. Nur geeignete Daten erlauben die Ableitung von zuverlässigen Informationen.

Zweckdienliche Informationen zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus: Sie sind integriert, glaubhaft, für die Nutzergruppen verständlich, leicht zugänglich und werden regelmäßig aktualisiert sowie angemessen präsentiert.

Die Bereitstellung und Verbreitung von Informationen aber auch die Vermittlung von Wissen sind wichtige Herausforderungen beim IKZM. Die Art der Verbreitung muss einen spezifischen Zweck haben, auf die Nutzer zugeschnitten sein, leicht verfügbar, kostengünstig und zuverlässig sein.

In diesem Zusammenhang haben sich moderne Informationsmanagement-Technologien, wie das Internet, durchgesetzt.

 

6.4. 

Das Internet als Informationsmedium

Küstenzonenmanagement ist eine junge, sehr dynamische, fachübergreifende Disziplin und erfordert einen intensiven Austausch und Informationstransfer zwischen und innerhalb verschiedener Gruppen der Gesellschaft (Wissenschaft, Behörden, Verbänden, Politik).Daher ist das Internet von großer Bedeutung und ist das dominerende Informationsmedium im IKZM.

Im Folgenden wir ein einen Einblick in die Strukturen des internationalen IKZM und die vorhandenen Medien zur Informationsbereitstellung und zum Informationsaustausch gegeben.

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Internationaler Informationsaustausch: In Europa bestehen mit EUROCOAST und dem EUCC - The Coastal Union (früher: European Union for Coastal Conservation) zwei große Dachverbände, denen vor allem beruflich mit Küstenzonenforschung und –management befasste Personen angehören.
EUROCOAST ist vor allem national organisiert mit starker Präsenz beispielsweise in Frankreich, Großbritannien, Kroatien oder Portugal.
Der EUCC mit Sitz in Leiden, Niederlande, stellt mit über 2500 Mitgliedern in 40 Ländern und 13 aktiven nationalen Zweigstellen den größten Verband dar. Die Internetseite ‚Coastal Guide’ gibt einen Überblick über die zentralen Aufgaben und Aktivitäten der EUCC. Durch die Bereitstellung von Literatur, Veranstaltungshinweisen, die Herausgabe eines Newsletters und eines Magazins, die Veröffentlichung und Verbreitung von Strategiepapieren, eine Experten- und Institutsdatenbank oder weltweite Hinweise zu anderen IKZM-Internetseiten wird versucht, den Austausch und Informationsfluss auf internationaler Ebene zu fördern. Weltweit verfolgt das auf privater Initiative begründete 'Coastalmanagement' oder auch 'NetCoast' eine ähnliche Zielsetzung.

Nationale IKZM-Seiten: Die Erfahrungen in Staaten wie Deutschland, Fankreich oder Spanien zeigen, dass nationale Internetseiten in den jeweiligen nationalen Sprachen für eine effiziente Information und Kommunikation unerlässlich sind. Dies liegt einerseits an der besseren Akzeptanz von Information in der Muttersprache, andererseits am größeren Interesse an regionalen bis nationalen Problemen.
Aus diesem Grund werden zunehmend nationale Internetseiten bereitgestellt, die idealerweise die Aufgabe eines Schirms für regionale Aktivitäten bilden und ein Bindeglied zu den internationalen Internetseiten darstellen. Ein Beipiel hierfür stellt EUCC - Die Küsten-Union Deutschland dar.
Ein gut gelungenes Beispiel ist das Coastal Scottish Forum. Es weist ähnliche Informationsangebote auf wie der Coastal Guide. Es dominieren aber die für Schottland relevanten Aspekte. Durch die räumliche Einschränkung spricht eine solche Seite nicht nur Wissenschaftler an, sondern verstärkt auch Praktiker und interessierte Laien.

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Regionale IKZM-Seiten: Praktische IKZM-Initiativen haben immer einen regionalen Charakter, da innerhalb von Regionen überschaubare Strukturen und Konfliktfelder bestehen und diese effiziente Lösungen und Umsetzungen begünstigen. Vor allem in Großbritannien und Nordamerika haben sich zahlreiche regionale Foren gebildet, die das Internet intensiv nutzen. Ein Beispiel hierfür ist das Solent-Forum. Das Internet wird hier direkt als Medium für das regionale IKZM genutzt. Durch die Bereitstellung von Informationen zu verschiedenen Nutzungen (wie Fischerei oder Tourismus), zur Geographie der Region, Landkarten und Bildmaterial sprechen diese Internetseiten aber auch Auswärtige und Touristen an. Insbesondere Planer und mit IKZM in anderen Regionen befasste Personen können direkt von den Informationen und den dokumentierten Erfahrungen profitieren und sie für ihre Region nutzen. Das Internet kann auf Ansprechpartner verweisen, direkt den Kontakt zu anderen Regionen herstellen und damit die Grundlage für eine Kooperation weit entfernter Regionen bilden. In der Praxis begrenzen der Zugang zum Internet sowie dessen Akzeptanz in vielen Regionen und bei einigen Personenkreisen noch den Erfolg dieser Ansätze.

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In Deutschland ist es mittlerweile üblich, Forschungsprojekte zum IKZM auch im Internet vorzustellen. Da es keine Tradition für praktisches regionales Küstenzonenmanagement gibt, sind IKZM-Initiativen aber bislang kaum im Internet vertreten. Einen ersten Ansatz in Richtung einer Internetpräsenz mit praktischem regionalen Nutzen stellt die Seite des trilateralen Wattemeerprojektes dar. Die angebotenen, meist englischsprachigen Informationen und Berichte dürften aber eher die Wissenschaft ansprechen und den Austausch zwischen den Projektpartnern fördern.

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Internetgestützte Metadaten-Informations-Systeme: Eine Weiterentwicklung der einfachen Internetseiten stellen die Metadaten-Informations-Systeme dar. Ein Beispiel für die Nord- und Ostseeküste bildet NOKIS. Dieses offene System versucht, durch die Beteiligung vieler Institutionen eine Integration von Daten durch das Internet vorzunehmen. Hierdurch soll die Kommunikation und der Informations- und Datenaustausch innerhalb der deutschen Küstenforschung ermöglicht und intensiviert werden. Gleichzeitig begünstigt die Web-Seite im Internet den internationalen Austausch und soll die deutschen Institute stärker an die internationale Fachwelt anbinden. Die Zukunft wird zeigen, welche praktische Relevanz sich für die Forschung ergeben und inwieweit es auch dem praktischen IKZM in Deutschland zu gute kommt.

 

6.5. 

Mailing-Listen und Newsletter im Internet

Möglichkeiten zum Informationsaustausch im IKZM bieten auch thematisch fokussierte Mailinglisten, Newsgroups und Diskussionsforen. Diese sind unter anderem auch in den sozialen Medien verbreitet und dienen dem fachlichen Austausch.

Auch Newsletter sind ein zentrales Medium im IKZM und dienen der Verbreitung von aktuellen Informationen und Neuigkeiten. Newsletter zum IKZM werden von verschiedenen Organisationen und für unterschiedliche Zielgruppen angeboten.

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  Zum Lesen

Seit vielen Jahren gibt der EUCC -The Coastal Union den Newsletter Coastal News heraus. Durch die Fokussierung auf Europa können neben Bekanntmachungen, neuer Literatur und neuer Internetseiten, Themen, wie Umweltschutz und Umweltpolitk im Küstenbereich aufgegriffen werden. Dieser Newsletter hat sich zu einem der wichtigsten IKZM Informationsquellen entwickelt. Ein weiterer Newletter wird seit 2003 von CoastWatch herausgegeben, an dem auch der EUCC beteiligt ist.

Nationale und speziell regionale Newsletter sind noch die Ausnahme. Seit 2002 gibt die EUCC - Die Küsten Union Deutschland, den deutschsprachigen Küsten Newsletter (bis 2004 'IKZM-Aktuell') heraus. Mit über 1200 Abbonenten hat er sich sehr gut etabliert und wurde zum wichtigsten deutschen Medium im IKZM.
Das Scottish Coastal Forum bringt einen monatlichen Newsletter heraus, der sich schwerpunktmäßig mit regionalen Aspekten befasst. Er stellt ein gutes Beispiel für den Nutzen von Newslettern auch für regionales Management dar.

 

6.6. 

Lehren und Lernen im Internet

Die Notwendigkeit eines Integrierten Küstenzonenmanagements wird speziell in sektoral ausgerichteten Verwaltungen und Behörden, in der Wissenschaft aber auch in der Bevölkerung vielfach nicht gesehen. Das liegt häufig daran, dass integrative und interdisziplinäre Sichtweisen in klassischen Ausbildungen nur unzureichend vermittelt werden. Gleichzeitig stellt das IKZM neue Anforderungen, speziell in den Bereichen Partizipation, Kommunikation, Information und Moderation, von denen sich die Betroffenen überfordert fühlen. Nur durch Aufklärung, Informationsveranstaltungen und Weiterbildung können diese Defizite beseitigt werden.

Aufgrund der raschen Veränderungen spielt Weiterbildung gerade beim IKZM eine große Rolle. Die klassischen Bildungseinrichtungen passen sich den Notwendigkeiten und Erfordernissen nur mit erheblicher Zeitverzögerung an. Zudem stehen gerade in den Staaten, in denen ein Küstenzonenmanagement besonders vorangetrieben werden müsste, vielfach nur begrenzte Bildungs- und Schulungsmöglichkeiten zur Verfügung. Es liegt deshalb nahe, Aspekte des IKZM über das Internet zu vermitteln und damit allen Interessierten einen Zugang zu ermöglichen. Gleichzeitig wird damit die Idee und Notwendigkeit des IKZM verbreitet und die Akzeptanz erhöht.

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Eine interessante Initiative in dieser Richtung stellt COASTLEARN dar. In mehreren Modulen werden die Grundlagen des IKZM erläutert und Beispiele aufgezeigt. Das System hat vor allem Praktiker aus Verwaltungen und Behörden in Osteuropa im Blickfeld und ist deshalb mehrsprachig realisiert.
Da die nationalen Rahmenbedingungen für die Ausgestaltung eines IKZM entscheidend sind und ein internationales System deshalb nur Grundzüge vermitteln kann, wurde IKZM-D Lernen ins Leben gerufen. Es soll die Möglichkeit bieten, verschiedene Aspekte und Erfahrungen im praktischen IKZM in Deutschland als Lernmodulen aufzuarbeiten. Dabei kann sowohl die inhaltliche Ausgestaltung als auch die Zielgruppe von Modul zu Modul variieren.

Lernsysteme für IKZM bleiben auch in der Zukunft noch eine weites Betätigungsfeld. Sie stellen auch nur einen Möglichkeit dar, dem IKZM eine breitere Basis zu schaffen.

 

7. 

Methoden und Werkzeuge für IKZM

Ziel:Vermittlung eines Ablaufschemas für IKZM sowie Vorstellung einiger Werkzeuge.

Zahlreiche Methoden, Hilfsmittel und Werkzeuge werden zur Unterstützung des Integrierten Küstenzonenmanagements eingesetzt. Ablaufdiagramme helfen bei der Planung einer Initiative. Entscheidungshilfesysteme, Modelle, Geographische Informationssysteme sowie Methoden der Visualisierung spielen bei Abwägungsprozessen in der Planungs- und Umsetzungsphase ein große Rolle. Evaluierungstechniken sind für die Erfolgskontrolle unerläßlich.

Im Rahmen der EDV-gestützten Hilfsmittel und Werkzeuge stehen Systeme im Vordergrund, die über die Speicher- und Bereitstellungsfunktion hinaus, eine Verknüpfung von Daten erlauben und so neue Informationen generieren. Sie stellen unmittelbare Hilfsmittel bei der Entscheidungsfindung und im praktischen Management dar. Im Folgenden werden:

Inhaltsverzeichnis:
7. Methoden und Werkzeuge für IKZM
 

7.1. 

Ablaufschema einer IKZM-Initiative

Die folgenden fünf Schritte geben eine Vorstellung, wie eine IKZM-Initiative ablaufen kann und verdeutlichen, welche Aspekte berücksichtigt werden sollten. Dieses Ablaufschema ist weder auf alle Regionen und Initiativen übertragbar, noch umfasst es alle Teilaspekte, die ggf. berücksichtigt werden müssen.
Das System CoastLearn nutzt im Wesentlichen die gleiche Abfolge, verdeutlicht die einzelnen Schritte aber noch an internationalen Beispielen, weshalb eine ergänzende Ansicht sinnvoll ist.

1. Schritt: Initiierung

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DPSIR-Konzept
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Bei der Analyse der Abhängigkeiten in der Küstenzone und möglicher Rückkopplungen wird international vielfach auf das D-P-S-I-R-Konzept zurückgegriffen. Die Abkürzung steht für Driver - Pressure - State Changes - Impacts - Response . Zunächst werden die treibenden sozio-ökononomischen Rahmenbedingungen analysiert. An den ostdeutschen Küsten bildet beispielweise der steigende Bedarf durch expandierenden Tourismus eine wesentliche treibende Kraft. Die treibenden Kräfte führen zu Veränderungen in der Umwelt, wie z.B. Flächenverbrauch oder Eutrophierung. Diese haben Auswirkungen auf das Funktionieren der Ökosysteme aber auch auf das menschliche Wohlbefinden. Daraus resultieren politische Aktionen, die wiederum lenkend auf die sozio-ökononomischen Rahmenbedingungen wirken.
Das von Turner et al. (1998) entwickelte, abstrakte Konzept wurde vielfach modifiziert, erweitert und adaptiert. Es hat einen gewissen praktischen Nutzen bei der Strukturierung und Gliederung von IKZM-Konzepten.

Eine gewisse Hilfe bei der Analyse der Funktionen innerhalb der Küstenzone in einer Region kann die Unterteilung in ein Subsystem 'Nutzer Funtionen' und ein Subsystem 'Infrastruktur' bieten. Als 'Nutzer Funtionen' werden verstanden

Das Subsystem 'Infrastruktur' beeinhaltet physikalisch-technische Aspekte, wie Straßen, Brücken, Deiche oder Buhnen und andererseits die institutionellen Rahmenbedingungen, wie die rechtliche, politische oder administrative Situation.

CoastLearn

2. Schritt: Planung

3. Schritt: Authorisierung

CoastLearn

4. Schritt: Umsetzung

5. Schritt: Überwachung und Evaluierung

CoastLearn

Abschließend sollten die Ergebnisse einer IKZM-Initiative hinsichtlich ihrer grundsätzlichen politischen und gesetzgeberischen Konsequenzen ausgewertet werden, um so schrittweise zu einer Verbesserung der Rahmenbedingungen für IKZM beizutragen.

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Zyklischer IKZM-Prozess
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IKZM ist als zyklischer Prozess zu verstehen. Nach der Evaluierung einer IKZM-Initiative wird erneut überprüft, ob eine Notwendigkeit für eine weitere Konfliktlösung besteht. Ist dies der Fall, wird der Prozess von der Initiierung bis zur Evaluierung erneut durchlaufen. Eine Reihung von Initiativen konvergiert spiralförmig mit dem Endergebnis einer nachhaltigen Entwicklung der Küstenzone.

 

7.2. 

Entscheidungshilfe-Systeme (Decision Support)

Mittlerweile existieren zahlreiche Softwareprogramme zur Untertützung von IKZM oder Teilaspekten davon. Die Seite 'NetCoast' gibt einen guten Überblick und eine kurze Beschreibung der verschiedenen Programme und ihrer Ziele. Die folgenden Abschnitte stellen nur einige wenige ausgewählte Systeme vor.

Die verschiedenen Modelle der COSMO (Coastal Zone Simulation Model) Familie verfolgen beispielsweise unterschiedliche Ziele: COSMO (Analyse und Bewertung von IKZM-Plänen), COSMO Bio (Biodiversität), COSMO-W (Wassermanagement), DSMOZ (Tourismus und Fischerei) oder CORAL (Korallenriffe). Die Vorgehensweise bei der Nutzung ist aber ähnlich: Beschreibung der Probleme, Definition der Ziele und Kriterien, Festlegen der Szenarien und Spezifizierung der Maßnahmen, Berechnung von Ergebnissen für die verschiedenen Fälle sowie Analyse und Bewertung der Ergebnisse. 'NetCoast' unterhält einen Bereich im Internet auf dem die Arbeit von COSMO Bio interaktiv demonstriert wird.

RAMCO (Rapid Assessment Module Coastal Zone Management) ist ein Beispiel für ein generisches Entscheidungs-Unterstützungs-System (Decision Support System), welches für eine rasche Untersuchung und Bewertung eines breiten Spektrums an IKZM-Problemen an nahezu allen Küsten der Welt ausgelegt ist. Es soll ein besseres, gesamtheitliches Verständnis der Abhängigkeiten in der Küstenzone vermitteln und Konfliktlösungen vereinfachen.

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Eine ähnliche Zielsetzung verfolgt auch SimCoast, ein Expertensystem, welches die Analyse von küstenrelevanten Themen wie Fischerei, Entwicklung mariner Schutzgebiete, Hafen- oder Industrieentwicklung unter Nutzung von Fuzzylogik erlaubt. SimCoast ermöglicht Wissenschaftlern, Planern und Entscheidungsträgern verschiedene Szenarien für das Management von Küstenzonen zu bewerten. Basis ist ein zweidimensionales Transekt mit mehreren, vom Nutzer definierbaren, Zonen. Es können Entwicklungen vom Hinterland bis in Off-Shore-Bereiche hin dargestellt und bewertet werden.

Stream (Spatial Tool for River basins, Environment and Analysis of Management options) ist für Flusseinzugsgebiete konzipiert. Flüsse und deren Nährstoff-, Schadstoff- und Wasserfrachten steuern in vielen Fällen die Küstengewässer. Ein effektives Küstenzonenmanagement kann oft nur durch ein Flusseinzugsgebietsmanagement erreicht werden. Diesem Umstand trägt Stream Rechnung. Die Wasserqualität der Ostsee hängt beispielsweise entscheidend vom Management der Flusseinzugsgebiete im Ostseeraum ab.

 

7.3. 

Komplexe Simulationsmodelle

Aufgrund der vielfältigen Abhängigkeiten in der Küstenzone sind die Folgen von Management-Maßnahmen nur sehr schwer abzuschätzen. Computergestützte Simulationsmodelle haben daher weite Verbreitung gefunden. Sie erlauben Aussagen über die Auswirkungen von Managementmaßnahmen und ermöglichen vergleichende Betrachtungen verschiedener Managementstrategien. Sie sind also Prognosewerkzeuge, die in einfacher Form auch in Entscheidungshilfesystemen verwendet werden. Es gibt eine Vielzahl von Modellen mit höchst unterschiedlichen Strukturen und Zielsetzungen.

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Nährstofffrachten in die Ostsee
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Beispiel: Eutrophierung und Wasserqualität
Sowohl für den Naturschutz als auch für den Tourismus spielt die Qualität der Küstengewässer eine wichtige Rolle. Grundsätzlich kann zwischen der hygienischen Badewasserqualität und einer eher ökologisch geprägten Wasserqualität unterschieden werden. Die anhaltende Eutrophierung der deutschen Küstengewässer, aber auch der offenen Nord- und Ostsee, durch hohe Einträge der Nährstoffe Stickstoff und Phosphor vor allem durch die Flüsse ist ein zentrales Problem. Die Algenbiomasse hat sich erhöht, die Artenzusammensetzung hat sich verändert, die küstennahe Vegetation wurde zerstört und die Bodenlebewelt beeinträchtigt. Im Falle der Ostsee wurden große Bereiche des Tiefenwassers der sauerstofffrei und verstärkte, teilweise toxische Algenblüten die Regel.
Die Bekämpfung der Eutrophierung ist deshalb eine vorrangige gesellschaftliche Aufgabe. Bereits 1986 beschlossen die Ostseeanrainerstaaten deshalb im Rahmen der HELCOM-Vereinbarungen eine Halbierung der Stickstoff- und Phosphoreinträge zur Bekämpfung der Eutrophierung.

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Die Eutrophierung ist ein wesentliches Thema in allen regionalen Küstenzonen an Nord- und Ostsee. Sie entzieht sich aber einem regionalen Management und erfordert einen großräumigen Ansatz. Die Eutrophierungbekämpfung in der Ostsee beispielweise erfordert ein Management der gesamten Ostseeregion und damit spezialisierte und komplexe Simulationsmodelle mit großer Leistungsfähigkeit.

Das 3D-Ökosystemmodell für die Ostsee (ERGOM)
Bei dem am Institut für Ostseeforschung entwickelten Modell ERGOM handelt es sich um ein dreidimensionales Strömungsmodell für die gesamte Ostsee, an das ein ökologisches Modell angekoppelt ist (Neumann 2002). Das Modell wurde mehrfach für Fragestellungen zum Management der Ostsee eingesetzt und verdeutlicht die Möglichkeiten solcher Systeme.

Zur Berechnung des räumlichen Strömungsfeldes wird ein quadratisches Gitternetz über die Ostsee gelegt und die Strömung dann an jedem Gitterpunkt berechnet. Dreidimensional bedeutet, dass die Strömung an jedem Gitterpunkt zusätzlich für zahlreiche vertikale Tiefenschichten der Ostsee separat berechnet wird. Das Strömungsfeld wird durch die Wetterverhältnisse bestimmt.

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Ostseemodel ERGOM
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Das ökologische Modell berücksichtigt 10 Zustandsvariablen, die Nährstoffe Ammonium, Nitrat und Phosphat, 3 Algengruppen, darunter Blaualgen, Zooplankton, abgestorbene organische Substanz, sowie Sauerstoff und das Sediment. Diese Variablen sind durch 11 Prozesse miteinander verknüpft (Stickstofffixierung, Nitrifikation, Denitrifikation, atmospherischer Eintrag, Algen-Atmung, Mortalität, Nährstoffaufnahme, Fraß, Mineralisation, Sedimentation und Aufwirbelung von Sediment).

Das ökolgische Modell berechnet die ablaufenden Prozesse und daraufhin die Konzentrationen beispielsweise von Algen und Nährstoffen an jedem Gitterpunkt in Tagesschritten. Das Strömungsmodell errechnet die räumliche Verdriftung dieser Komponenten. Die durch Transport veränderten Konzentrationen bilden dann die Ausgangswerte für den nächsten Berechnungsschritt. Als Grundlage für die Berechnungen werden konkrete Wetterdaten benötigt. Im folgenden Beispiel wurden die Wetterdaten der 80er Jahre zugrunde gelegt und das Modell hat die Situation während mehrerer Jahre simuliert. Die Rechenzeit betrug mehrere Monate an einem Großrechner.

Bevor ein Modell für Prognosen genutzt werden kann, muß eine Validierung vorgenommen werden. Hierbei wird ein Zeitraum, wie hier der zwischen 1980 und 1990 mit dem Modell simuliert und die Ergebnisse mit Meßdaten verglichen. Nur wenn dieser Verleich zufriedenstellend ausfällt, das Modell also die Realität tatsächlich widerspiegelt, sind prognostische Anwedungen möglich. Bei dem Modell ERGOM fiel die Validierung sehr zufriedenstellend aus.
In Entscheidungshilfesystemen sind, wie schon erwähnt, vielfach kleinere Simulationsmodelle eingebaut. Problem ist hier aber vielfach, dass keine Informationen über die Zuverlässigkeit, Genauigkeit und grundsätzliche Eignung der integrierten Modelle angegeben wird. Die Ergebnisse sind dementsprechend vorsichtig und kritisch zu betrachten.

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Blaualgen 1982
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Blaualgen 1983
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Blaualgen 1984
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Blaualgen 1985
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Blaualgen 1986
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Blaualgen 1987
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Blaualgen 1988
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Die Bilder zeigen ausgewählte Ergebisse der Simulation zwischen 1980 und 1990, die Grundlage für die Validierung waren. Dargestellt sind die Konzentrationen der Blaualgen nahe der Wasseroberfläche. Aufgrund der von Jahr zu Jahr variierenden Wasser- und Nährstofffrachten der Flüsse und der unterschiedlichen Wetterbedingungen zeigen sich sehr große Unterschiede bezüglich Intensität und regionalem Auftreten der problematischen Algenblüten. Die interannuelle Variabilität ist also sehr hoch und von den Ergebnissen eines Jahres kann nur sehr eingeschränkt auf andere Jahre geschlossen werden. Dies ist ein grundsätzliches Problem, welches bei der Anwendung solcher Modelle berücksichtigt werden muss.

Das Modell kann eingesetzt werden, um die Auswirkungen veränderter Nährstoffeinträge auf die Ostsee zu simulieren. Es wurde beispielsweise untersucht, welche generellen Effekte eine Halbierung der Einträge auf die Ostsee hat. Weiterhin wurde analysiert, welches Effekte eintreten, wenn nicht alle Anrainerstaaten die Nährstoffeinträge gleichmäßig halbieren, sondern ein Kosten-Minimierungsansatz zugrunde gelegt wird. Das heißt, die Reduzierung der Nährstofffrachten wird vorrangig dort vorgenommen, wo sie am kostengünstigsten zu erreichen sind.

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Algenblüte im Oderhaff
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Algenblüte Oderhaff
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Algenblüten Rügen
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Simulationsergebnisse mit dem 3D-Ökosystemmodell ERGOM
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Quelle
Abbildung 7.3.1: Simulationsergebnisse mit dem 3D-Ökosystemmodell ERGOM in der Ostsee. Veränderung der mittleren jährlichen Chlorophyll-Konzentration (oben) und der mittleren jährlichen Konzentration der Blaualgen nach einer Halbierung der Stickstoff- und Phosphoreinträge (aus Neumann & Schernewski 2002).

Ein interessantes Ergebnis der Modellsimulationen ist, dass sich eine Halbierung der Stickstoffeinträge, entgegen der Erwartung, günstig auf das Wachstum von Blaualgen (Cyanophyceen) auswirken kann. Durch Eintragsreduktionen von Stickstoff kann der N-Mangel in der Ostsee erhöht werden. Dies kann einen wesentlichen Vorteil für Blaualgen bedeuten, da diese alternativ Stickstoff aus der Luft binden können und einer geringeren Konkurrenz ausgesetzt sind. Es ist also möglich, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Eutrophierung ihr Ziel teilweise verfehlen werden und nach anderen Strategien gesucht werden muss. Dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb die räumlich größte Akkumulation von Blaualgen an der Wasseroberfläche der Ostsee seit Beginn der Aufzeichnungen erst vor wenigen Jahren, 1997, beobachtet wurde.

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Die Ostsee von 100 Jahren:  N
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Die Ostsee vor 100 Jahren: P
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Die Ostsee von 100 Jahren: Chla.
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In einer anderen Anwendung wurde untersucht, welcher Zustand sich in der Ostsee potenziell erreichen lässt. Hierzu wurden die Flussfrachten in die Ostsee vor etwa 100 Jahren berechnet und simuliert, welcher Zustand sich in der Ostsee unter diesen Bedingungen einstellt. Die Situation vor etwa 100 Jahren dient gleichzeitig als Grundlage für die Ableitung von Referenzbedingungen in Küstengewässern, die von der EU-Wasserrahmenrichtline gefordert wird.
Vor einem Jahrhundert waren die Nährstoffeinträge beispielsweise im Falle der Oder um 80 % bei Phosphor und etwa 65 % bei Stickstoff gegenüber den Frachten der 1980er Jahre verringert. Die Simulation zeigt, dass sich unter diesen Bedingungen eine 40 % Reduktion der Phosphorkonzentrationen in der offenen Ostsee und bis zu 80 % Reduktion entlang der süd-östlichen Ostseeküste zeigt. Die Stickstoffkonzentrationen sind um etwa 35 % bzw. um bis zu 70 % im Golf von Riga verringert. Auch die Algenbiomasse zeigt eine vergleichbare Reduzierung um 30 % in der zentralen Ostsee und 60 % entlang der süd-östlichen Küste. Insgesamt führt eine Reduzierung der Nährstofffrachten in die Ostsee nur zu einer deutlich unterproportionalen Verringerung der Algenbiomasse.

Derartige Modelle sind wertvolle Werkzeuge für das Management von Flusseinzugsgebieten und Küstenzonen, da sie eine ökologische und ökonomische Optimierung von Maßnahmen erlauben und zu einem besseren Verständnis der Abhängigkeiten und Wechselwirkungen führen. Es ist deshalb wünschenswert, Managern solche Modelle zur Anwendung bereitzustellen. Die zunehmende Komplexität der Modelle, die aufwendige Bedienung und die enormen Anforderungen an die Rechenzeit lassen diesen Wunsch aber unrealistisch erscheinen. Diese Modelle werden vermutlich immer eine Kooperation von Wissenschaft und praktisch arbeitenden Managern erfordern.

 

7.4. 

Systemansatz (Systems Approach Framework)

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Ein weiterer Ansatz, der im Rahmen des Projektes 'Science and Policy Integration for Coastal System Assessment' (SPICOSA) entstanden ist und anhand verschiedener Fallstudien getestet wurde, ist der, auf der Systemtheorie basierende, Systemansatz (Systems Approach Framework, kurz: SAF).

Bei der Systemtheorie geht es darum, komplexe, umfangreiche Interaktionen anhand unserer Weltauffassung zu verstehen. Hierfür sind umfassende, multidisziplinäre Erfahrungen nötig, da es eine Mischung aus wissenschaftlichen Kenntnissen und Intuition braucht, um das Verhalten komplexer Systeme zu verstehen. 

Der Systemansatz (Systems Approach Framework) ist ein holistischer Forschungsansatz für eine ganzheitliche Bewertung von Küstensystemen. Er mobilisiert die besten verfügbaren wissenschaftlichen Kenntnisse, um Entscheidungsfindungsprozesse zu unterstützen. Hierbei wird das Ziel verfolgt, die Nachhaltigkeit von Küstensystemen durch geeignete IKZM Politiken zu verbessern.

Der Systemansatz beinhaltet fünf Anwendungsschritte:

1. Schritt: Issue Identification

In Absprache mit Interessengruppen (Stakeholders) und Umweltmanagern wird ein Problem (Issue) identifiziert. Bei der Problemerkennung geht es darum, das Problem selbst, sowie dessen Auswirkungen auf die Ökosystemgüter und -dienstleistungen der Küstezone darzustellen. Hierfür wird eine Ursache-Wirkungs-Kette sowie Szenarien und Managementoptionen zur Schadensbehebung erstellt.

2. Schritt: System Design

Im zweiten Schritt wird ein virtuelles System ('Virtual System') bestimmt. Dieses beschreibt die verschiedenen Funktionsweisen in dem System. Hierbei werden zum einen die Funktionsweisen, die das Problem verursachen und zum anderen die Funktionsweisen, die auf das Problem reagieren oder durch dieses ausgelöst werden, dargestellt. Das virtuelle System muss realitätsnah konzipiert sein und wird anhand von Modellierungen untersucht.  

3. Schritt: System Formulation

Bei der Systemformulierung werden konzeptionelle, mathematische und numerische Modelle erstellt. Diese werden zur Simulierung des Systemverhaltens und der einzelnen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Bestandteile genutzt. Außerdem dient dieser Schritt zur Beschaffung der Daten die für die Modellierungen benötigt werden.

4. Schritt: System Appraisal

Bei der Systembewertung ('System Appraisal') wird das Modell anhand von Beobachtungen im realen System geprüft. Gegebenenfalls müssen einzelne Bestandteile verknüpft werden. Schließlich wird das entgültige Modell genutzt, um die Implikationen der Szenarien und Managementoptionen, die im ersten Schritt definiert wurden, zu untersuchen.  

5. Schritt: System Output

Im abschließenden Schritt werden die Simulationsergebnisse für alle Szenarien den Interessenvertretern (Stakeholders) vorgestellt und über die verschiedenen Optionen beratschlagt. 

Im Rahmen des Projektes 'BaltCoast - A Systems Approach Framework for Coastal Research and Management in the Baltic' soll der Systemansatz in sechs lokalen Fallstudien und 15 Retrospektivstudien im Ostseeraum angewandt und weiterentwickelt werden.

 

7.5. 

Geo-Informationssysteme

Geographische Informationssysteme (Geo-Informationssysteme, GIS) erlauben die Speicherung, Dokumentation, Veranschaulichung und Verarbeitung räumlicher Informationen. Sie haben sich zu einem wesentlichen Planungsinstrument im Integrierten Küstenzonenmanagement entwickelt. Struktur und Inhalt unterscheiden sich, je nach Zielsetzung, stark voneinander. Am konkreten Beispiel des "Geo-Informationssystems Küste Mecklenburg-Vorpommern (GIS MV)" sollen Aufbau, Struktur und der Nutzen eines solchen Systems anhand des Küstenschutzes veranschaulicht werden.

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Wattenmeer bei Westerhever
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Beispiel: Küstenschutz in Mecklenburg-Vorpommern
In der Nordsee beträgt der Tiedenhub, die Wasserstandsdifferenz zwischen mittlerem Hoch- und Niedrigwasser in einigen Regionen bis über 3 m. Die damit verbundenen starken Küstenströmungen sorgen für einen intensiven Sedimenttransport mit Erosion in einigen Bereichen und Akkumulation in anderen Gebieten. Durch die starke Dynamik dieser Küstenprozesse stellt der Küstenschutz eines der überragenden Themen im IKZM dar. Aber selbst in der Ostsee, die nur einen Tiedenhub von wenigen Dezimetern aufweist, spielt der Küstenschutz eine große Rolle.

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Strand in Warnemünde
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Naturdünen: Diestel
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Über 70 % der Außenküste Mecklenburg-Vorpommerns befinden sich im Rückgang. Das heißt, die Erosion ist höher als die Sedimentakkumulation. Im Mittel beläuft sich der Rückgang auf 34 m im Jahrhundert. Die räumliche Variabilität ist allerdings hoch, so beträgt der Rückgang an einzelnen Orten bis zu 210 m. Um diesem Rückgang lokal entgegenzuwirken und die Sicherheit für Siedlungen und Küstengebiete gegenüber Überschwemmung sicherzustellen werden Deiche, Buhnensysteme, Wellenbrecher und Uferlängswerke gebaut sowie Hochwasserschutzdünen durch Aufspülungen gebildet, Strandaufspülungen vorgenommen und Küstenwälder gepflegt und geschützt. Der Generalplan Küsten- und Hochwasserschutz Mecklenburg-Vorpommern gibt einen Überblick über die aktuellen und geplanten Maßnahmen (Umweltministerium M-V 2000). Für diese Maßnahmen sind allein im Planungsbereich Rostock in den nächsten Jahren insgesamt 15 Mio. Euro vorgesehen. Maßnahmen sind beispielsweise Deichbauten, Ufermauerinstandsetzungen, Buhnenbauten und Dünenverstärkungen, Strandaufspülungen und Küstenwaldpflege.

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Strand als Ressource (Warnemünde)
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Einige Hintergrundinformationen aus der Region des Ostseebades Kühlungsborn (Planungsregion Rostock) sollen den Aufwand und die Bedeutung des Küstenschutzes verdeutlichen. In den ländlichen Küstenregionen Mecklenburg-Vorpommerns spielt Tourismus die zentrale Rolle im IKZM. Aus Sicht des Tourismus sind vor allem Buhnenbauten und Strandaufspülungen von Bedeutung. Durch Aufspülung des Strandes und die dabei geschaffene Aufhöhung und Verbreiterung von Strand und Schorre, wird der Uferlinienrückgang verhindert und die Wellenintensität und damit die Erosion verringert. Hierzu wird Sand von dem der Küste vorgelagerten Meeresboden gebaggert und am Ufer aufgespült.

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Kühlungsborn 2002
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Die mittleren Aufspülmengen belaufen sich auf 90 bis 150 m3 Sand je lfd. Meter Küste. Die einzelnen Spül-Maßnahmen haben dabei einen Gesamtumfang von 150.000 m3 bis 250.000 m3 Sand und müssen nach etwa 6 bis 7 Jahren wiederholt werden. Zur Verbesserung der Strandverhältnisse in Kühlungsborn Ost wurden 1961/62 20.000 m3 Sand aufgeschüttet und 1989 188.000 m3 Sand auf einer Strandlänge von 2 km aufgespült (StAUN 2000). Der Strand in Kühlungsborn ist also, wie in vielen Ostseebädern, weitgehend künstlich und es würde ihn ohne regelmäßige Küstenschutzmaßnahmen in der Form nicht geben.

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Küstenschutz Buhnensetzung
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Küstenschutz Bohrmuschel
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Diese Maßnahmen werden mit Buhnenbauten, rechtwinklig zum Strand angeordnete Pfahlreihen, kombiniert. Buhnen reduzieren die uferparallele Brandungslängsströmung und damit den Uferabbruch. Die Lebensdauer von Holzbuhnen kann 40 bis 60 Jahre betragen. Durch den in den 90er Jahren erneut auftretenden Schiffbohrwurm (Teredo narvalis) wurden zahlreiche Buhnenanlagen vor allem auch im Bereich Kühlungsborn - Warnemünde geschädigt. 410 der 1023 Buhnenanlagen mussten mit einem Kostenaufwand von etwa 13 Mio. Euro saniert werden (StAUN 2000b). Bei den Maßnahmen handelt es um einen Schutz für die Stadt Kühlungsborn selbst, aber auch um eine Sicherung der touristischen Attraktivität und damit der wirtschaftlichen Existenz.

Das GIS ‚Küste Mecklenburg-Vorpommern’
Für die Planung und Durchführung der aufwendigen Küstenschutzmaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern hat das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (StAUN) Rostock das Geo-Informationssystem ‚Küste Mecklenburg-Vorpommern’ entwickelt.

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Sandfang
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In einem ersten Schritt wurden alle küstenschutz-relevanten Daten für den etwa 350 km langen Küstenabschnitt Mecklenburg-Vorpommerns zusammengetragen. Berücksichtigt wurde ein Streifen seewärts bis 15 m Wassertiefe und landseitig bis in etwa 1 km von der Küstenline. Es handelt sich dabei um historische Landkarten seit 1692, topographische Karten, bathymetrische und nautische Karten, Katasterkarten, Sedimentkarten seit 1952, geologische Untersuchungen, Biotopkartierungen, Küstenvermessungskarten, digitale Landschaftsmodelle, digitale Umrisskarten, Sandlagerstätten, Luftbilder seit 1937, Satellitenbilder, Fotos sowie manches mehr.

Die Aufbereitung wurde mit verschiedener Software wie ERDAS Imagine, ARC INFO oder CorelDraw vorgenommen und die Information im Programm ARC VIEW zum GIS MV zusammengeführt.

Die verschiedenen, flächenhaften Informationen bilden im GIS MV einzelne Informationsschichten, die je nach Fragestellung als Karten angesehen und miteinander kombiniert werden können. Es ist zudem möglich Informationen zu einzelnen Punkten, wie Bilder oder Graphiken, ergänzend in die Karten einzublenden.

Geo-Informationssystem Mecklenburg-Vorpommern
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Quelle
Abbildung 7.4.1: Auschnitt aus dem Geo-Informationssystem Mecklenburg-Vorpommern basierend auf dem Programm ARC VIEW (aus Tiepolt 2002).
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Heiligendamm (2002)
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Das GIS MV verschafft einen schnellen und anschaulichen Überblick über die Situation an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns und erlaubt die detaillierte Betrachtung auch kleinerer Regionen. Zudem lassen sich durch die Kombination verschiedener Karten konkrete Berechnungen und Bewertungen, z.B. zum lokalen Küstenrückgang oder der Überflutungsgefährdung vornehmen sowie Konflikte zwischen Küstenschutz und anderen Nutzungen erkennen.

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Wasserqualität per Satellit
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Fernerkundungsdaten spielen eine wichtige Rolle als Grundlage in Geographischen Informationssystemen. Methoden sind sowohl die automatisierte Beobachtung vom Gebieten mit digitalen Kameras (Webcams), die in kurzen Zeitintervallen Bilder liefern, als auch Luft- und Satellitenbilder. Insbesondere die Satellitenbildauswertung ist durch die abnehmenden Kosten für einzelne Bilder, die engeren zeitlichen Überfliegungsintervalle und vor allem die stark zunehmende räumliche Auflösung der Bilder eine Methodik, die noch an Bedeutung als Datenquelle gewinnen wird.

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Küstenschutz Saßnitz
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Durch die Verwendung standardisierter Software kann das GIS MV von verschiedenen Nutzern problemlos eingesetzt und in verschiedene Richtungen erweitert werden. Beispielsweise könnten flächenhafte Informationen aus dem ähnlich aufgebauten Regionalen Informationssystem (REGIS) des regionalen Planungsverbandes, wie Einwohnerzahlen, Bevölkerungsdynamik, Tourismusdaten oder Wirtschaftsdaten, eingebunden werden.

EUCC-Deutschland bietet mit dem GIS-Odermündung/Pommersche Bucht und dem WaddenGIS zwei weitere GIS-Portale an, in denen Nutzungen, Schutzanforderungen und Hintergrundinformationen zu den deutschen Küstenzonen dargestellt werden und somit einen Beitrag zum intergrierten Management der Regionen leisten.

Weitere GIS-Portale und Geodaten werden zum Beispiel von der HELCOM und dem Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie (BSH) bereitgestellt.

  Zum Lesen
PDF-File
CoastLearn: GIS

(PDF, 623,8 kB)

Eine gute Vertiefung zum Thema GIS bietet CoastLearn. Anhand von praktischen Beispielen wird die Funktionsweise sowie die Möglichkeiten und Grenzen von GIS-Systemen dokumentiert.

 

7.6. 

Vertiefende Informationen und Literatur

  Zum Lesen
PDF-File
CoastLearn: Planning

(PDF, 1,9 MB)

CoastLearn bietet das Lernmodul 'Planning', welches sich speziell mit dem Planungsprozess befasst und über den Rahmen dieses Lehrbriefes hinausgeht. Manche Aspekte des Ablaufschemas zum IKZM werden dort von einer etwas anderen Seite beleuchtet, wobei der angelsächsische Hintergrund der Autoren spürbar wird. Die Herangehensweise ist systematisch aber recht abstrakt und nur begrenzt auf deutsche Verhältnisse übertragbar.

  Zum Lesen

Das Modul 'Policy Analysis' zeigt ebenfalls interessante ergänzende Aspekte auf, wobei der Begriff 'policy' im Sinne von Strategie zu verstehen ist. Es handelt sich um eine systematische Untersuchung alternativer Strategien, die öffentlichen Entscheidungsträgern unter unsicheren Rahmenbedingungen helfen sollen. Auch dieses Modul ist recht abstrakt und der Ansatz nicht leicht auf praktische Belange in Deutschland anwendbar.

Sehr interessant, vor allem vor dem Hintergrund der zu erwartenden Klimaänderungen, ist das CoastLearn Modul 'Environmental Risk Assessment'. Insbesondere im Küstenschutz ist eine zuverlässige Riskoabschätzung von maximalen Wasserständen und deren zukünftiger Entwicklung sehr wichtig. Es stellt sich dabei die Frage, wie ein Risiko verringert werden kann, welchen Nutzen die Risikoverringerung hat und mit welchen Kosten sie verbunden ist. Eine zentrale Frage ist auch, wie ein Bewusstsein für das Risiko in der Öffentlichkeit und eine Akzeptanz von Kosten und Einschränkungen erlangt werden kann.


Literaturempfehlungen

Die im Lehrbrief angebotene Literatur ist ausreichend. Geeignete deutschsprachige Lehrbücher zum Küstenzonenmanagement sind nicht vorhanden. Das folgende englischsprachige Lehrbuch ist empfehlenswert:


Integrated Coastal and Ocean Management: Concepts and Practices

von Biliana Cicin-Sain, Robert W. Knecht, Dosoo Jang, Gregory W. Fisk

(Preis: 40 Euro)

Das folgende Buch gibt einen Überblick über theoretische Konzepte im IKZM und zeigt weltweite Beispiele:


Perspectives on Integrated Coastal Zone Management

von Wim Salomons, R. Kerry Turner, Luiz D. de Lacerda, S. Ramachandran

(Preis: 160 Euro)