Disclaimer:
Dieses Lernmodul wurde von dem Verein EUCC - Die Küsten Union Deutschland e.V. erstellt. Es dokumentiert die praktische Umsetzung von IKZM an der schleswig-holsteinischen Küste.

Fallstudie Bürgerbeteiligung im Küstenschutz - Timmendorfer Strand & Scharbeutz

Zusammengestellt von
Diplom-Geographin Anke Vorlauf
April 2005
(letzte Aktualisierung: Juni 2008)

Luftbild der Küstenregion Niendorf, Quelle: HOFSTEDE

Erstellt durch die EUCC-Die Küsten Union Deutschland e.V. im Auftrag vom und in Kooperation mit dem Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein. Die Aufbereitung der Ergebnisse und Umsetzung als Lernmodul wurden durch das Interreg III-Projekte CoPraNet finanziell gefördert und durch das Projekt BaltCoast unterstützt.

 

Vorwort

Den Küstenräumen der Erde kommt weltweit eine große ökologische, ökonomische und soziale Bedeutung zu. Allerdings sind der Raum Küste, die Ressourcen von Küste und Meer und die Belastbarkeit von Natur und Umwelt begrenzt und führen dazu, dass die Menschen in den Küstengebieten um Raum, Umweltgüter und Umweltdienstleistungen konkurrieren.

Um den auftretenden Problemen begegnen zu können, wurde für die Küstenräume ein Integriertes Küstenzonenmanagement (abgekürzt: IKZM) entwickelt. Es stellt einen Lösungsansatz dar, um gegenwärtige und zukünftige Nutzungskonflikte in Küstenräumen bestmöglich zu lösen oder bestenfalls erst gar nicht entstehen zu lassen. Mit Hilfe des IKZM sollen im Raum Küste Ökonomie, Ökologie und Soziales in Einklang miteinander gebracht werden. Ein wichtiger Bestandteil des IKZM ist dabei eine möglichst aktive und frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit an den Planungs- und Entscheidungsvorgängen innerhalb der unterschiedlichen Teilbereiche von IKZM.

Der Ansatz des IKZM findet auch im Küstenschutz in Schleswig-Holstein Berücksichtigung. Dort wurde ein Integriertes Küstenschutzmanagement (abgekürzt: IKM) entwickelt. Die frühzeitige und umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit ist im Küstenschutz wichtig, um eine größtmögliche Akzeptanz der Planungsergebnisse zu erzielen.

Im Jahr 2000 wurde in Schleswig-Holstein in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz erstmals die Sensitivitätsanalyse nach dem "Sensitivitätsmodell Prof. Vester ®" als innovatives Verfahren für die Bürgerbeteiligung im Küstenschutz getestet.

Wesentlicher Aspekt des Ihnen hier zur Verfügung stehende Lern- und Informationsmoduls ist die Darstellung bzw. Beschreibung dieses innovativen Verfahrens zur aktiven Bürgerbeteiligung. Das Modul richtet sich an regionale Praktiker und Entscheidungsträger, die Fachöffentlichkeit, aber auch Studenten, Lehrkräfte, Schüler des Abiturjahrganges und interessierte Bürger. Es bietet Ihnen auf mehreren Ebenen die Möglichkeit, sich umfassend mit dem Thema Bürgerbeteiligung im Küstenschutz zu beschäftigen. Am rechten Rand des Bildschirms finden Sie weiterführende Texte zum Lesen, Links auf andere Internetseiten und Dokumente, Abbildung, Tabellen und Karten sowie PDF-Dokumente mit weiteren Informationen. Die Hauptseite des Moduls kann ausgedruckt werden (Menüleiste „Druckansicht“) und mit Hilfe einiger Fragen können Sie Ihr angeeignetes Wissen überprüfen (Menüleiste „Lernkontrolle“).

Als Autorin dieses Moduls möchte ich an dieser Stelle Herrn Dr. Jacobus Hofstede vom Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein für die freundliche und informative Unterstützung, die bereitgestellten Materialien und die Durchsicht der Texte danken!

Des weiteren möchte ich den Auftraggebern des Moduls "Fallstudie Bürgerbeteiligung" danken:

 

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis:
 Inhaltsverzeichnis
 

1. 

Einführung

Sturmflut; Quelle: HOFSTEDE
Inhaltsverzeichnis:
1. Einführung
 

1.1. 

Brennpunkt Küstenzone

Den Küstenräumen der Erde kommt weltweit eine große ökologische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung zu, da bereits heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung die Küstengebiete als Wohn-, Arbeits- und Erholungsraum nutzt. Der Raum Küste, die Ressourcen von Küste und Meer sowie die Belastbarkeit von Natur und Umwelt sind allerdings begrenzt und führen dazu, dass die Menschen in den Küstengebieten um Raum, Umweltgüter und Umweltdienstleistungen konkurrieren. Der daraus resultierende verstärkte Druck auf die Küstenressourcen führt oftmals zur Übernutzung der ökologisch sensiblen Küstenräume und bedroht zunehmend das ökologische Gleichgewicht.

Die prognostizierte Zunahme der Weltbevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten vermutlich dazu führen, dass noch mehr Menschen in Küstenräumen siedeln, arbeiten und sich erholen werden. Das heißt, dass sich die bereits bestehenden Interessens- und Nutzungskonflikte verschärfen, die Belastungen von Natur und Umwelt zunehmen und die Beanspruchung der Ressourcen ihre natürliche Regenerationsfähigkeit übersteigen wird.

Um den skizzierten Problemen begegnen zu können, wurde für die Küstenräume ein Integriertes Küstenzonenmanagement (abgekürzt: IKZM) entwickelt. Ein Integriertes Küstenzonenmanagement stellt einen in der Praxis bislang zwar wenig erprobten aber viel versprechenden Lösungsansatz dar, um gegenwärtige und zukünftige Nutzungskonflikte in Küstenräumen bestmöglich zu lösen oder aber erst gar nicht entstehen zu lassen, die Küste ökologisch nachhaltig zu nutzen und dennoch ökonomischen Nutzen aus ihr zu ziehen.

„IKZM ist ein dynamischer, kontinuierlicher und iterativer Prozess, durch den das nachhaltige Küstenzonenmanagement gefördert werden soll. Das IKZM versucht langfristig, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Vorteilen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Nutzung der Küstengebiete durch die Menschen, den Vorteilen des Schutzes, des Erhalts und der Wiederherstellung der Küstengebiete, den Vorteilen der Minimierung der Verluste an menschlichem Leben und Eigentum sowie den Vorteilen des Zugangs der Öffentlichkeit zu und der Freude an den Küstenzonen, und zwar stets innerhalb der durch die natürliche Dynamik und die Belastbarkeit gesetzten Grenzen“ (EUROPÄISCHE KOMMISSION, 1999, S.16.)

Wesentlich für ein Küstenmanagement sind das Erkennen regionaler Entwicklungspotenziale, eine Ressortübergreifende Planung, die Partizipation aller Betroffenen, eine frühzeitige Konfliktvermeidung und die gezielte, kontrollierte Steuerung der nutzbaren Potenziale. Vor diesem Hintergrund umfasst ein Integriertes Küstenzonenmanagement alle auf die Küste und das Meer wirkenden Tätigkeitsfelder des Menschen. Dies sind u. a. Aquakultur, Abfallentsorgung, Energiegewinnung, Fischerei, Hafenwirtschaft, Industrie, Küstenschutz, Landwirtschaft, Natur- und Umweltschutz, Rohstoffentnahme, Seeschifffahrt und Tourismus.

In Schleswig-Holstein wurde im Rahmen der Neufassung des „Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001“ angelehnt an die Prinzipien des IKZM ein Integriertes Küstenschutzmanagement (abgekürzt: IKM) für die Planung und Umsetzung des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein formuliert. Damit versucht die Landesregierung Schleswig-Holstein Herausforderungen wie beispielsweise Klimawandel, Öffentlichkeitsarbeit und Integration konkurrierender Nutzungsansprüche im Küstenraum gerecht zu werden.

Im Hinblick auf die heutigen gesellschaftlichen Wertvorstellungen bezüglich einer zunehmend möglichst breiten und frühzeitigen Mitwirkung der Öffentlichkeit an Planungs- und Entscheidungsvorgängen und um eine größtmögliche Akzeptanz von Planungsergebnissen zu erzielen, kommt es auch im Küstenschutz in Schleswig-Holstein zur Beteiligung aller Betroffenen an Planungs- und Entscheidungsprozessen.

Laut der EUROPÄISCHEN KOMMISSION zielt eine Partizipatorische Planung darauf ab, „die Meinungen und Ansichten aller relevanten Interessenten durch gemeinschaftliche Beteiligung in den Planungsprozess einzubeziehen. Die Beteiligung führt zu Engagement und geteilter Verantwortung, trägt zu der Erkennung der wirklichen Fragen bei und führt häufig zu besser umsetzbaren Lösungen“ (1999, S.13).

Wesentlicher Aspekt des Ihnen hier zur Verfügung stehende Lern- und Informationsmoduls ist die Darstellung bzw. Beschreibung des innovativen Verfahrens zur aktiven Bürgerbeteiligung: die Sensitivitätsanalyse nach dem "Sensitivitätsmodell Prof. Vester ®", die in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz erstmals in Schleswig-Holstein durchgeführt wurde.

Um ein möglichst umfassendes Verständnis für die Bedeutung der Analyse zu ermöglichen, werden im Rahmen des Moduls u. a. folgende Begriffe und Aspekte aufgegriffen: •Küste, •Küstenschutz, •Generalplan Küstenschutz, •Integriertes Küstenschutzmanagement, •Gemeinde Timmendorfer Strand, •Gemeinde Scharbeutz, •Wertermittlung von sturmflutgefährdeten Küstenniederungen, •Partizipation, •Bürgerbeteiligung im Küstenschutz, •Sensitivitätsanalyse und •SWOT-Analyse (Bewertung der Sensitivitätsanalyse).

 

1.2. 

Fortführende Literatur

EUROPÄISCHE KOMMISSION (2001): EU-Brennpunkt – Küstenzone. Gezeitenwechsel für die Küstenzonen Europas. Luxemburg, 29 Seiten.

EUROPÄISCHE KOMMISSION (1999): Eine europäische Strategie für das integrierte Küstenzonenmanagement (IKZM): Allgemeine Prinzipien und politische Optionen. Ein Reflexionspapier. Das Demonstrationsprogramm der EU zum Integrierten Küstenzonenmanagement 1997-1999. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 32 Seiten.

EG (Europäischen Gemeinschaft) (2002): Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Mai 2002 zur Umsetzung einer Strategie für ein integriertes Management der Küstengebiete in Europa. Nicht veröffentlichungsbedürftige Rechtsakte, 2002/ 413/ EG.

MLR (Ministerium für ländliche Räume, Landesplanung, Landwirtschaft und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein) (Hrsg.) (2001): Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001. Kiel, 76 Seiten.
Der „Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001“ steht auf der Webseite der Landesregierung Schleswig-Holstein als PDF-Dokument zum Download bereit. Des Weiteren kann er als gedruckte Version über die Landesregierung Schleswig-Holstein bezogen werden. Sie können aber auch an dieser Stelle das PDF-Dokument einsehen.

 

2. 

Küstenschutz in Schleswig-Holstein

Deichbau; Quelle: HOFSTEDE
Inhaltsverzeichnis:
2. Küstenschutz in Schleswig-Holstein
 

2.1. 

Definition, Begründung und Planungsgebiet des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein beträgt die Küstenlänge rd. 1190 km. „Insgesamt 3.722 km² bzw. 24% der Landfläche von Schleswig-Holstein liegt weniger als 5 m (Westküste) bzw. 3 m (Ostküste) über dem Meeresspiegel (…), und könnte bei extremen Sturmhochwasser potentiell überflutet werden“ (HOFSTEDE & PROBST, 2002, S. 1). Diese Fläche gilt es vor den Angriffen des Meeres zu schützen, wenn Menschenleben und/ oder Sachwerte durch Überflutung und/ oder Landverluste bedroht werden.

Küstenschutz ist in erster Linie der Schutz von Menschen, aber auch ihrer Sachwerte, vor den zerstörerischen Angriffen des Meeres. Es wird unterschieden zwischen Hochwasserschutz (Schutz vor Meerwasserüberflutungen) und Erosionsschutz (Schutz gegen Uferrückgang und Erosion) (MLR, 2001, S. 5).

Als Planungsgebiet des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein wird „das Gebiet definiert, in dem für den Küstenschutz relevante Prozesse wie Überschwemmungen oder Sedimentumlagerungen stattfinden können. Entsprechend wird die landwärtige Grenze durch die Höhenlinie markiert, die bei einer fiktiven Extremsturmflut ohne Küstenschutzanlagen die Wasserlinie der Überschwemmung bilden würde. An der Westküste ist dies die Höhenlinie NN+5m, an der Ostküste NN+3m“ (MLR, 2001, S. 8) (vgl. dazu die Karte zum Planungsgebiet des Küstenschutzes).

Wie bereits beschrieben umfasst der potentielle Überflutungsraum in Schleswig-Holstein 3.722 km² - dies entspricht 24% der Landfläche Schleswig-Holsteins. In diesem Raum leben etwa 344.000 Menschen, die ohne Küstenschutz der Gefahr einer Überflutung ausgesetzt wären. Des Weiteren befinden sich in dem Küstenraum Sachwerte in Höhe von ungefähr 47 Milliarden € (vgl. Fensterlink).

Im Hinblick auf die Planung und Umsetzung des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein müssen die naturräumlichen Unterschiede der Küste von Nord- und Ostsee berücksichtigt werden (vgl. Fensterlink):

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins ist „insgesamt 553 km lang, davon sind 297 km Festland-, 195 km Insel- und 61 km Halligküsten. 3.404 km² Landfläche wären an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins ohne Küstenschutz der Gefahr einer Überflutung ausgesetzt. Das der Küste vorgelagerte Wattenmeer setzt sich aus Inseln, Außensänden, Halligen, Salzwiesen, interdialen Watten sowie subtidalen Prielen, Wattenströmen und Seegats zusammen. Kennzeichnend für das Wattenmeer ist eine sehr intensive Morphodynamik, die in kurzen Zeiträumen zu nachhaltigen Änderungen der Küstengestalt führen kann“ (MLR, 2001, S. 8-9).

Die Ostseeküste Schleswig-Holsteins ist insgesamt etwa 637 km lang, „162 km davon entfallen auf die Schlei und 87 km gehören zur Insel Fehmarn. Die Länge der Steilufer beträgt 146 km, die restlichen 491 km sind Flachküsten. [318 km² Landfläche wären an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins ohne Küstenschutz der Gefahr einer Überflutung ausgesetzt.] Die morphologische Entwicklung der Ostküste wird langfristig durch den Küstenausgleich gekennzeichnet. Während Starkwindereignissen werden die exponiert liegenden Küstenabschnitte durch Seegangseinwirkung erodiert, wodurch sie langfristig zurückverlegen. Das abgetragene Material wird teilweise parallel zur Küste in benachbarte Buchten und Förden transportiert. Im Strömungsschatten der vorspringenden Kliffs kommen diese Sedimente dann rasch zur Ablagerung und bilden Riffe, Nehrungen und Strandwälle“ (MLR, 2001, S. 13).

 

2.2. 

Generalplan Küstenschutz

Der „Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001“ ist ein Sonderplan für die generelle Planung des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein. Er ist hervorgegangen aus dessen Vorgänger „Generalplan Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz des Landes Schleswig-Holstein“ von 1963 und dessen Fortschreibung von 1977 und 1986, der bis zum Jahr 2000 Gültigkeit hatte.

Der Generalplan Küstenschutz wurde erstellt, um die Sicherheit der schleswig-holsteinischen Küstenbewohner vor den Angriffen des Meeres langfristig zu schützen. Damit bildet der neue Generalplan Küstenschutz nunmehr die Grundlage für das Integrierte Küstenschutzmanagement (IKM) in Schleswig-Holstein (vgl. Fensterlink).

Im Generalplan Küstenschutz werden die Grundsätze und die Notwendigkeit eines umfassenden Küstenschutzes in Schleswig-Holstein erläutert, die zukünftigen Planungen vorgestellt und zu erwartende Ausgaben aufgeführt.

Im ersten Kapitel des Generalplans Küstenschutz wird zunächst in die Thematik des Küstenschutzes eingeführt, im zweiten Kapitel das Leitbild und die Ziele des Küstenschutzes erläutert. Es folgt in Kapitel drei eine Beschreibung des 2001 neu definierten Planungsgebiets Küstenschutz Schleswig-Holstein. Kapitel vier dient der Darlegung der allgemeinen Grundlagen für die Planung und Umsetzung von Küstenschutzmaßnahmen wie beispielsweise den rechtlichen Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten. Im fünften Kapitel wird das wichtigste Instrument des Küstenschutzes die Landesschutzdeiche erläutert. Kapitel sechs behandelt weitere Küstenschutzanlagen. In Kapitel sieben werden prioritäre Maßnahme und die zu erwartenden Ausgaben aufzeigt. Anschließend wird in Kapitel acht die Idee eines Integrierten Küstenschutzmanagement (IKM) als Reaktion auf geänderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Küstenschutz erläutert. Der Generalplan schließt in Kapitel neun mit einem Ausblick in die Zukunft ab (vgl. Fensterlink).

 

2.3. 

Zielsystem des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein

Die Neufassung des Generalplans Küstenschutz war Anlass, ein Zielsystem für die Konzeption und Planung von Küstenschutzmaßnahmen zu definieren. Dieses Zielsystem besteht aus Leitbild, Entwicklungszielen, Handlungszielen und Maßnahmen, die im Folgenden näher erläutert werden:

Im Generalplan Küstenschutz wird folgendes Leitbild oder Leitprinzip für den Küstenschutz in Schleswig-Holstein formuliert: „Geschützt vor lebensbedrohenden Überflutungen durch Sturmfluten und vor den zerstörenden Einwirkungen des Meeres leben, arbeiten, wirtschaften und erholen sich die Menschen heute und künftig in den Küstengebieten von Schleswig-Holstein“ (MLR, 2001, S. 6). Dieses Leitbild ergibt sich aus dem maximal möglichen Sicherheitsstandard für das Küstengebiet ohne Berücksichtigung von äußeren Begrenzungen aufgrund konkurrierender Leitbilder oder Ziele. Demnach kann das Leitbild auch als Wunschbild, Vorbild, Vision oder Ideal aufgefasst werden.

Aus diesem Leitbild wurden Entwicklungsziele abgeleitet, die im Gegensatz zum Leitbild gesellschaftliche Vorgaben und äußere Begrenzungen berücksichtigt. Damit stellen die Entwicklungsziele teilweise realisierbare Kompromisse dar (vgl. Fensterlink).

„Während Leitbild und Entwicklungsziele einen qualitativ beschreibenden Charakter haben, müssen mit Handlungszielen klare, qualitative Zielwerte festgelegt werden. Handlungsziele sind die handlungsorientierte (operative) Konkretisierung von Entwicklungszielen (…). Sie werden für einen mittelfristigen Zeitraum formuliert“ (PROBST, 2002, S. 11).

Maßnahmen des Küstenschutzes (Bau-, Instandhaltungs-, Monitoring- oder Untersuchungsmaßnahmen) sind „kurzfristige handlungsorientierte Zielwerte und daher auch messbar. (…) Mit der Umsetzung der einzelnen Maßnahmen wird letztendlich der Hochwasser- und/ oder Erosionsschutz realisiert“ (MLR, 2001, S. 7). Sie werden gemäß der unterschiedlichen Zuständigkeiten von den Trägern durchgeführt.

In Abbildung 1 wird das beschriebene Zielsystem des Küstenschutzes in Form einer Zielpyramide dargestellt.

Abb. 1: Zielpyramide des Küstenschutzes
Quelle: MLR, 2001, S. 6

 

2.4. 

Rechtliche Grundlagen und Finanzierung

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Zuständigkeiten
Das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume ist als oberste Küstenschutzbehörde für

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Untere Küstenschutzbehörde sind das Amt für ländliche Räume (ALR) Husum für die gesamte Westküste Schleswig-Holsteins einschließlich der Unterelbe vom Wehr bei Geesthacht bis zur Elbemündung und das Amt für ländliche Räume Kiel für die Ostküste Schleswig-Holsteins. Die untere Küstenschutzbehörde nimmt u. a. folgende Aufgaben wahr:

Rechtlicher Rahmen
Laut Artikel 74 Nr.17 des Grundgesetzes (GG) „gehört der Küstenschutz zu den Gegenständen der konkurrierenden Gesetzgebung. Da die Küstenländer die Belange des Küstenschutzes in Ländergesetzen wirksam geregelt haben, besteht (…) für den Bund keine Veranlassung, von seinem Gesetzgebungsrecht Gebrauch zu machen. (…) Sämtliche, den Küstenschutz in Schleswig-Holstein originär betreffenden Rechtsvorschriften sind im Landeswassergesetz (LWG) zusammengefasst“ (MLR, 2001, S. 17).

Laut §62 des LWG obliegt die Aufgabe des Küstenschutzes grundsätzlich demjenigen, der davon Vorteil hat. Diese Rechtsgrundlage gilt mittlerweile eingeschränkt, da 1971 das Land die Instandhaltung und Wiederherstellung der Landesschutzdeiche übernahm. 1991 wurden noch weitere Aufgaben durch das Land übernommen.

In der Planungspraxis stützt sich der Küstenschutz auf den „Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001“, der allerdings für Gemeinden, Kreise und andere Planungsträger nicht verbindlich ist. Neben dem Generalplan existiert eine Vielzahl von Gesetzen, die den Küstenschutz regeln oder beeinflussen. Des Weiteren wirken sich internationale Vereinbarungen und Absichtserklärungen der Bundesregierung auf den Küstenschutz aus. Um dem Anspruch gerecht zu werden, konkurrierende Nutzungsansprüche in die Aufgaben und Planungen des Küstenschutzes zu integrieren, werden diese Vereinbarungen berücksichtigt (vgl. Fensterlink).

Finanzierung
In den 37 Jahren seit der Erstaufstellung des „Generalplans Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein“ im Jahre 1963 bis Ende des Jahres 2000 wurden im Rahmen der „Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ rund 1,45 Mrd. € in den Küstenschutz in Schleswig-Holstein investiert.

Abb. 2: Ausgaben für den Küstenschutz in Schleswig-Holstein
Quelle: MLR, 2001, S. 40

„Die Finanzierung der investiven Küstenschutzmaßnahmen erfolgt im Wesentlichen nach dem (…) Bundesgesetz über die Gemeinschaftaufgabe ‘Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes’. Danach fördern Bund und Länder staatliche Baumaßnahmen im Küstenschutz anteilig in Höhe von 70% bzw. 30%. (…) Bei Maßnahmen der Wasser- und Bodenverbände und Gemeinden haben diese i.d.R. einen Eigenanteil zu tragen, dessen Höhe nach Lage des Einzelfalls oder auch einer hierfür zu erlassenden Landesrichtlinie festgelegt wird. (…) Soweit möglich werden weitere Finanzierungsquellen eingesetzt. Hierzu gehören Mittel der Europäischen Union, Eigenmittel der Träger bei kommunalen und Verbandsmaßnahmen sowie ggf. Sondermittel. Das MLR trifft die grundsätzlichen Entscheidungen über die Verwendung der verfügbaren Fördermittel, die ÄLR erteilen die Zuwendungsbescheide an die Maßnahmenträger und prüfen abschließend die Verwendungsnachweise. Instandhaltungsmaßnahmen und Vorlandarbeiten im deichfernen Vorland werden allein mit Mitteln des Trägers der Instandhaltung durchgeführt“ (MLR, 2001, S. 21).

 

2.5. 

Küstenschutzmaßnahmen

Wie bereits in Kapitel 2.3 beschrieben wird mit der Umsetzung der einzelnen Küstenschutzmaßnahmen letztendlich der Hochwasser- und/ oder Erosionsschutz realisiert. „Die Festlegung, welche Maßnahme konkret umgesetzt wird, hat daher eine übergeordnete Bedeutung. Die durchgeführten Maßnahmen sind das Resultat umfassender Forschungsanstrengungen und beruhen auf langjährigen praktischen Erfahrungen im Küstenschutz. Sie entsprechen dem neusten Stand der Technik. Alternative und ergänzende Maßnahmen werden im Rahmen von Forschungsprojekten (…), der Erstellung von Fachplänen und/ oder in der jeweiligen Maßnahmenplanung kontinuierlich bewertet. Wegen der Bedeutung des Küstenschutzes kommen sie jedoch erst dann zum Einsatz, wenn ihre Wirkung und Effektivität (gegenüber den bewährten Maßnahmen) eindeutig nachgewiesen ist“ (MLR, 2001, S. 7). Maßnahmen des Küstenschutzes sind beispielsweise der Bau von Deichen, Deckwerken, Buhnen oder Sperrwerken. Des Weiteren zählen aber auch Sandvorspülungen, Dünen und Küstenwälder zu den Maßnahmen des Küstenschutzes.

Zu einigen der genannten Küstenschutzmaßnahmen werden im Folgenden Bilder und kurze Beschreibungen aufgeführt.

Eine Buhne wird beschrieben als „schräg oder senkrecht vom Ufer ausgehender, dammartiger Wall oder Pfahlreihe in einem Fluss, See oder an der Küste“ (LESER, 1995, S. 93). Buhnen werden erbaut „um so einen zu raschen unerwünschten seitlichen Abtransport des Materials zu verhindern [= paralleler Strandversatz]. Allerdings hat sich herausgestellt, dass leewärts solcher fester Bauwerke die Erosion der Strände oft verstärkt einsetzte“ (KELLETAT, 1999, S. 197).
Im rechten Bild ist eine eine T-Buhne an der Ostsee abgebildet.

Ein Deich ist ein "künstlich aufgeschütteter Damm an einer Meeresküste oder an einem Flußufer zum Schutz des dahinterliegenden Landes vor Überflutungen oder zur Neulandgewinnung durch Eindeichen des Wattenmeeres" (LESER, 1995, S. 106-107).
In der Luftbildaufnahme rechts im Bild ist der Bau eines Deiches dargestellt.

Als Dünen werden durch Wind geschaffene Feinsedimentablagerungen bezeichnet. Küstendünen werden am Strand durch vom Seewind aufgehäuften Meeressand gebildet. Die Küste „durchläuft einen Sukzessionsprozess, der mit der Vordüne beginnt, zu eigentlich bewachsenen K. führt, deren Vegetation jedoch anthropogen oder natürlich zerstört werden kann, so dass Wanderdünen entstehen“ (LESER, 1995, S. 336).
Im Bild rechts wird ein Teil einer Küstendüne dargestellt.

Sandaufspülungen werden an Küsten durchgeführt, die einer starken Erosion ausgesetzt sind. Der Sand wird vorgespült, um den Sedmimenthaushalt vor der Küste auszugleichen.

Besonders die Sandaufspülungen vor der Nordsee-Insel Sylt erwecken in der Öffentlichkeit immer wieder großes Interesse.

Im oberen Bild ist eine Luftbildaufnahme einer Sandaufspülung vor der Insel Sylt zu sehen. Im Hintergrund des unteren Bildes wird Sand vorgespült, im Vordergrund der Sand gleichmäßig über den Strandbereich verteilt.

 

2.6. 

Fortführende Literatur

MLR (Ministerium für ländliche Räume, Landesplanung, Landwirtschaft und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein) (Hrsg.) (2001): Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001. Kiel, 76 Seiten.
Der „Generalplan Küstenschutz. Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein 2001“ steht auf der Webseite der Landesregierung Schleswig-Holstein als PDF-Dokument zum Download bereit (heute Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume). Des Weiteren kann er als gedruckte Version über die Landesregierung Schleswig-Holstein bezogen werden. Sie können aber auch an dieser Stelle das PDF-Dokument einsehen.

PROBST, B. (2002): Leitbild und Ziele des Küstenschutzes in Schleswig-Holstein. Kiel, 12 Seiten.
Dieser Text steht auf der Webseite der Landesregierung Schleswig-Holstein als PDF-Dokument für Sie bereit. Sie können ihn aber auch an dieser Stelle einsehen.

HOFSTEDE, J. & B. PROBST (2002): Integriertes Küstenschutzmanagement in Schleswig-Holstein. Kiel, 17 Seiten.
Diesen Text finden Sie auf der Webseite der Landesregierung Schleswig-Holstein. Ihnen steht aber auch an dieser Stelle der Text als PDF-Dokument zur Verfügung.

  WWW-Link

MLUR (Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein) www.mlur.schleswig-holstein.de oder http://www.kuestenschutz.schleswig-holstein.de
Sie finden auf der Webseite des MLUR der Landesregierung Schleswig-Holstein umfangreiche Informationen, Texte und Links zum Küstenschutz, Integrierten Küstenschutzmanagement und IKZM.

 

3. 

Bürgerbeteiligung im Küstenschutz am Beispiel der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz

Sturmflutmarken; Quelle: HOFSTEDE
Inhaltsverzeichnis:
3. Bürgerbeteiligung im Küstenschutz am Beispiel der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz
 

3.1. 

Definition, Notwendigkeit, Vor- und Nachteile der Partizipation

Der Begriff Partizipation wird in der heutigen politischen Diskussion benutzt, wenn es um die Teilhabe des Bürgers in einem politischen System geht. Öffentliche Partizipation wird dabei als eine Möglichkeit gesehen, Konflikte durch die Beteiligung aller unmittelbar Betroffenen an politischen und sozialen Planungs- und Entscheidungsprozessen zu vermeiden bzw. zumindest zu vermindern.

Allerdings wird der Begriff der Partizipation nicht einheitlich gebraucht und teilweise missverständlich mit anderen Begriffen synonym verwendet. Die vielfältigen Begriffsverständnisse resultieren aus dem jeweiligen Kontext, in dem es zur Anwendung des Begriffs Partizipation kommt.

FÜRST et al. (2001) unterscheidet in der Diskussion um den Begriff der Partizipation grundsätzlich drei Partizipationsformen bzw. –verfahren:


Danach umschließt der Partizipationsbegriff also nicht nur die Beteiligung des Bürgers im Sinne der Teilhabe, sondern auch dass Informieren der Bevölkerung und das Einholen der Meinung von Bürgern mit ein (vgl. Fensterlink).

In der Bundesrepublik Deutschland stehen den Bundesbürgern generell verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten offen. Diese können in folgende vier Kategorien untergliedert werden:

  1. die in der Verfassung der Bundesrepublik garantierte demokratische Beteiligung z.B. in Form von Kommunalwahlen, Mitwirkung in den Parteien;
  2. gesetzlich geregelte Beteiligungsverfahren wie beispielsweise Bürgerfragestunde, öffentliche Auslegung von Bauleitplanentwürfen;
  3. organisierte Mitarbeit in Parteien, kommunalen Gremien oder Bürgerinitiativen und
  4. freiwillige Beteiligungsangebote der Kommunen.

Im Kontext des Küstenschutzes wird der Begriff der Partizipation im klassischen Sinne einer Bürgerbeteiligung benutzt. Damit ist gemeint, dass alle von einem Problem oder Konflikt unmittelbar Betroffenen die Möglichkeit eingeräumt wird, sich bei der Lösung eines Problems/ Konflikts zu beteiligen, indem sie Meinungen und Wünsche sowie ihre eigenen Kompetenzen in den Prozess miteinfließen lassen. Laut der EUROPÄISCHEN KOMMISSION zielt eine Partizipatorische Planung darauf ab, „die Meinungen und Ansichten aller relevanten Interessenten durch gemeinschaftliche Beteiligung in den Planungsprozess einzubeziehen. Die Beteiligung führt zu Engagement und geteilter Verantwortung, trägt zu der Erkennung der wirklichen Fragen bei und führt häufig zu besser umsetzbaren Lösungen“ (1999, S. 13) (vgl. Fensterlink).

! Im Link „Zum Lesen“ finden Sie eine Tabelle, in der die wesentliche Vorzüge und mögliche Schwierigkeiten und Probleme der Bürgerbeteiligung stichpunktartig aufgelistet sind.

Die Aufgabe der Partizipation liegt in der Beteiligung öffentlich und privat Betroffener an Planungs- und Entscheidungsprozessen. Das dabei verfolgte Ziel ist die gemeinsame Erarbeitung einvernehmlicher Lösungen und Sichtweisen, die alle Beteiligten zufrieden stellt. Problematisch kann dabei sein, dass es zu keiner Umsetzung der erarbeiteten Lösungen kommt. Das heißt, der Erfolg der Partizipation hängt im Wesentlichen vom Willen staatlicher und planerischer Institutionen ab, mit der Bevölkerung vor Ort zu kooperieren und die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit auch entsprechend umzusetzen. Darüber hinaus ist der Einsatz der vielfältigen Beteiligungsverfahren auch von den zur Verfügung stehenden (finanziellen) Mitteln abhängig.

In der Summe betrachtet hängt der Erfolg einer Bürgerbeteiligung und die Umsetzung der gemeinsam erarbeiteten Lösungen also weitgehend von den im Planungsprozess aufeinander treffenden Menschen und deren Kompetenzen, persönlichen und beruflichen Ziele und ihrer Kompromissbereitschaft ab. Es gibt natürlich auch einige Möglichkeiten die aufgelisteten Vorteile zu verstärken und Nachteile zu minimieren (z. B. durch Begleitung der Planungsverfahren durch professionelle Moderatoren/ Kommunikationstrainer), letztendlich beinhaltet das Aufeinandertreffen vieler Individuen aber grundsätzlich die Möglichkeit des Gelingen oder Misslingen eines Partizipationsversuches.

Aber was macht Partizipation eigentlich erforderlich? Der Bedarf an Partizipation ergibt sich zum einen aus den heutigen gesellschaftlichen Wertvorstellungen bezüglich einer zunehmend möglichst breiten und frühzeitigen Mitwirkung der Öffentlichkeit an Planungs- und Entscheidungsvorgängen (unabhängig von der bereits bestehenden parlamentarischen Beteiligung).

Zum anderen ist Bürgerbeteiligung wichtig, um eine größtmögliche Akzeptanz von Planungsergebnissen zu erzielen. Dabei darf die Notwendigkeit der Akzeptanz von Planungsergebnissen durch öffentlich und privat Betroffene nicht unterschätzt werden. Eine fehlende Einbindung von Personen in Planungsprozesse kann durchaus dazu führen, dass langfristige (= zeit- und kostenaufwendige) Planungsergebnisse nicht umgesetzt werden (vgl. Fensterlink).

! Im Link „Zum Lesen“ finden Sie ein Beispiel für mögliche Konsequenzen bei fehlender Bürgerbeteiligung.

Um die Erfordernis einer Partizipation zu begründen, sind zusammengefasst folgende Punkte wesentlich:

 

3.2. 

Anlass für die Bürgerbeteiligung in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz

Bereits seit über vierzig Jahren wird in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz diskutiert, ob und in welcher Weise Küstenschutzmaßnahmen in der Küstenniederung, in der die beiden Gemeinden liegen, durchgeführt werden sollen.

Bereits 1961 trat die staatliche Küstenschutzbehörde an die Gemeinden Timmendorf und Scharbeutz heran und unterbreitete einen ersten Vorschlag zur Verbesserung des als mangelhaft zu bezeichnenden Hochwasserschutzes. Dieser Vorschlag sah den Bau eines Deiches im Strand- und Strandwallbereich vor. Die für den Hochwasserschutz zuständigen Gemeinden lehnten 1961 und auch in den darauf folgenden Jahren ähnliche Vorschläge der staatlichen Küstenschutzbehörden ab. Der wesentliche Grund dafür war die Befürchtung der Gemeinden, dass ein Deich die touristische Attraktivität der beiden Badeorte, die u.a. auf die Sandstrände zurück zu führen ist, zu stark einschränken würde.

Im Jahr 1999 wurde der mangelhafte Küstenschutz in der Küstenniederung erneut Thema als der für den Küstenschutz in Schleswig-Holstein zuständige Minister die Gemeinden besuchte und gemeinsam die unbefriedigende Situation erörtert wurde. Gemeinden und Küstenschutzbehörden vereinbarten ein von allen Beteiligten getragenes Küstenschutzkonzept zu erarbeiten. Im Jahr 2000 kam es daher zu einem neuen Anlauf für den Küstenschutz in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz.

Im Rahmen der Erarbeitung des Küstenschutzkonzeptes für die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz sollte für das Problem des unzureichenden Küstenschutzes eine Lösung gefunden werden. Unter Berücksichtigung der Zuständigkeiten der Gemeinden für den Küstenschutz und den geänderten gesellschaftlichen Wertvorstellungen im Hinblick auf die Beteiligung der Öffentlichkeit an Planungs- und Entscheidungsprozessen war das übergeordnete Ziel dabei, dass die Lösung unter entsprechender Teilhabe der Lokalbevölkerung erarbeitet wird. Dafür kam es zum Einsatz eines innovativen Verfahrens zur aktiven Bürgerbeteiligung – der Sensitivitätsanalyse nach dem Sensitivitätsmodell von Prof. F. Vester ®.

Als Grundlage für die Erarbeitung des Integrierten Küstenschutzkonzeptes wurden insgesamt folgende sechs Schritte angedacht:

  1. Ermittlung der technisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen (ALR Kiel),
  2. Ermittlung der Einwohnerzahlen und Sachwerte (Universität Kiel),
  3. Sensitivitätsanalyse (Fa. Kaul & Reins GbR),
  4. Ideenwettbewerb,
  5. Plangenehmigungsverfahren,
  6. Baumaßnahmen.

Dabei wurden die Schritte 1,2 und 3 parallel zueinander durchgeführt.

 

3.3. 

Die Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz

Die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz liegt im östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins und gehört zum Kreis Ostholstein. Damit fällt der Küstenraum in den Planungsraum II „Schleswig-Holstein Ost“ des Landesraumordnungsplan des Landes Schleswig-Holstein.

! Im Fensterlink „Karte“ finden Sie die Karte 5 des Generalplans Küstenschutz, die den Ausschnitt Ostseeküste - südöstlicher Teil des Planungsgebietes Küstenschutz Schleswig-Holstein zeigt. Darauf findet sich auch die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz wieder.

„Der Schutz vor Hochwasser wird [in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz] vorwiegend durch einen auf Nehrungen aufgesetzten Strandwall mit gelegentlicher Dünenbildung realisiert, deren Oberkante zwischen NN+2,5m und NN+4m liegt“ (HOFSTEDE, 2004, S. 3). Für die Küstenniederung muss der Küstenschutz daher - besonders im Hinblick auf einen möglichen Meeresspiegelanstieg - als mangelhaft bezeichnet werden. Mittels einer mikroskaligen Wertermittlung wurden in der Küstenniederung die überflutungsgefährdeten Gebiete und damit verbunden die durch eine Überflutung gefährdeten Menschenleben und Sachwerte ermittelt. Tabelle 1 gibt wesentliche Ergebnisse der Wertermittlung wieder.

Tab. 1: Sozio-ökonomische Parameter für die Küstenniederungen (< NN+3m) von Scharbeutz und Timmendorfer Strand.
Quelle: HOFSTEDE, 2004, S. 2

ScharbeutzTimmendorfer StrandSumme
Fläche (km²)2,795,27*8,06
Einwohner1.1184.5495.667
Sachwerte (Mio. €)2781.4441.722
Arbeitsplätze2971.5991.796
Gästebetten**1.4634.4645.927
*) ohne Hemmelsdorfer See
**) nur Einheiten mit 9 und
mehr Gästebetten wurden berücksichtigt

 

3.4. 

Die Sensitivitätsanalyse nach Prof. F. Vester

Die im Rahmen eines Integrierten Küstenschutzkonzeptes für die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz angewendete Sensitivitätsanalyse basiert auf der Anwendung des "Sensitivitätsmodell Prof. Vester®" Version 3.5 (Alle im weiteren verwendeten Screenshots beruhen auf der Version 3.5 der Software. Mittlerweile ist die Software des "Sensitivitätsmodell Prof. Vester®" allerdings deutlich überarbeitet worden und liegt in Version 6.0 vor.). „Das Modell wurde Ende der [19]70er/ Anfang der [19]80er Jahre für die kybernetische Bewertung komplexer Systeme entwickelt und ist inzwischen in einer Reihe von Systemstudien eingesetzt worden“ (KAUL & REINS, 2000, S. 10).

Der Begriff Sensitivitätsanalyse umschreibt die Führung von Systemgestützten Gesprächsrunden mit Bürgerbeteiligung. Die Methode der Analyse eignet sich nach KAUL & REINS (2000, S. 9) „insbesondere als Grundlage für eine nachhaltige Umsetzung von Küstenschutzmaßnahmen, da im Rahmen des Systemansatzes

  1. alle relevanten Lebensbereiche integriert,
  2. deren Wechselwirkungen berücksichtigt werden, und
  3. allen Betroffenen vor Ort die Teilnahme am Diskussions- und Arbeitsprozess ermöglicht wird“ (HOFSTEDE, 2004, S. 4-5).

Entscheidend an der Sensitivitätsanalyse ist dabei der zuletzt genannte Punkt: die Beteiligung und damit Mitwirkung der direkt Betroffenen an der Entwicklung des Küstenschutzkonzeptes. Mittels der Analyse werden damit die Interessen der Beteiligten vor Ort einbezogen und dadurch Wege zur nachhaltigen Entwicklung von Küstenregionen im Dialog erarbeitet.

Im Mittelpunkt der in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz durchgeführten Sensitivitätsanalyse stand weniger die Frage nach der Effizienz konkreter Küstenschutzmaßnahmen (wie z.B. dem Bau eines Deiches oder von Buhnen), als vielmehr die Frage, wie sich unterschiedliche Küstenschutzmaßnahmen, die eine stetig wachsende Hochwassergefahr berücksichtigen, auf das System Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz auswirken würden.

Folgende drei Gesichtspunkte können als zentrale Fragestellungen der Sensitivitätsanalyse angeführt werden:
? Welche Auswirkungen können die unterschiedlichen Küstenschutzmaßnahmen auf die Sicherheit der Menschen im Hinblick auf eine stetig wachsende Hochwassergefahr haben?
? Wie können sich die möglichen Küstenschutzmaßnahmen auf die Einflussgrößen des Tourismus in den Gemeinden auswirken?
? Welche Küstenschutzmaßnahmen sind überhaupt geeignet, die zunehmende Hochwassergefahr nachhaltig abzuwenden?

Die im Folgenden beschriebene Sensitivitätsanalyse wurde vom 27.01.2000 bis zum 19.07.2000 durchgeführt. (Ende 1999 waren alle Beteiligten zu einer Bürgerversammlung eingeladen worden und das weitere Vorgehen bezüglich des mangelhaften Küstenschutzes wurde näher besprochen.) In diesem Zeitraum wurde in Systemgestützten Gesprächsrunden mit Bürgerbeteiligung in sieben großen und zwei kleinen Gesprächsrunden ein Systemmodell für die beiden Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz entwickelt (= 1. Arbeitsschritt) und konkrete Fragestellungen im Rahmen von Teilszenarien untersucht (= 2. Arbeitsschritt).

„In einem ersten Schritt wurde das zugrunde liegende System, die ‘Küstenniederung Timmendorfer Strand und Scharbeutz’, modellhaft abgebildet. Der erste Schritt erlaubt, Aussagen über die Rolle der einzelnen Variablen in dem Untersuchungsgebiet zu treffen und die Zusammenhänge innerhalb des Systems zu analysieren“ (KAUL & REINS, 2000, S. 10). Dieser erste Schritt wurde von den Teilnehmern der Sensitivitätsanalyse ohne Einflussnahme der Küstenschutzbehörden in fünf Gesprächsrunden innerhalb von vier Monaten durchgeführt.

In dem zweiten Schritt wurden gezielt Fragestellungen zur Entwicklung eines nachhaltigen Küstenschutzes erörtert. Dazu „wurden aus dem entwickelten Systemmodell des ersten Schrittes so genannte ‘Teilszenarien’ abgeleitet, die die erforderlichen Aspekte – d. h. Variablen, deren Wechselwirkungen und deren Quantifizierung – für die konkreten (…) Fragestellungen beinhalten“ (KAUL & REINS, 2000, S. 10). Dieser zweite Schritt umfasste vier Gesprächsrunden und wurde in zwei Monaten durchgeführt.

In Abbildung 3 sind die einzelnen Arbeitsschritte der Sensitivitätsanalyse, die noch im weiteren Text erläutert werden, abgebildet.

Abb. 3: Arbeitsschritte der Sensitivitätsanalyse
Quelle: VESTER, F., Software Sensitivitätsmodell Version 3.0

In den beiden kurz beschriebenen Schritten diente das Sensitivitätsmodell als eine Art Diskussionshilfe. Die Ergebnisse jeder Gesprächsrunde flossen in den allgemeinen Diskussionsprozess ein. Dafür wurden in jeder Gesprächsrunde die Ergebnisse der vorhergegangenen Runde in die eigene Diskussion mit aufgenommen, neue Diskussionen angeregt und eventuelle Anpassungen und Änderungen hervorgerufen. Damit wurde dem Anspruch an die Analyse - eine umfassende Beteiligung der direkt Betroffenen an Planungs- und Entscheidungsprozessen im Küstenschutz mittels Partizipation - gerecht!

Im folgenden Text werden die einzelnen Gesprächsrunden näher beschrieben.
(1) erste (große) Gesprächsrunde:
Datum:
27.01.2000
Ort: Scharbeutz
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Systembild“
Ziel: Unter Einbeziehung zahlreicher Bürger vor Ort einen ersten Eindruck über die Zusammenhänge in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz gewinnen!
Vorgehensweise: Im Rahmen eines „Brainstormings“ sammelte ein Moderator (= ein Vertreter der Kaul & Reins GbR) auf Zuruf der Mitwirkenden Meinungen, Ideen und Wünsche (im folgenden Variablen genannt) der Lokalbevölkerung und der Gemeindevertreter, die sich auf das System der Küstenniederung bezogen und notierte diese für alle Beteiligten gut sichtbar auf großem Packpapier. Anschließend wurden die festgehaltenen Variablen (ebenfalls auf Zuruf an den Moderator) zu einem ersten Systembild durch Eintragen von (Wirkungs-) Pfeilen verknüpft. Dabei wurden diejenigen Variablen miteinander verbunden, die nach Meinung der Lokalbevölkerung und der Gemeindevertreter einen Einfluss/ eine Wechselwirkung aufeinander haben.

Ergebnis: Ergebnis des „Brainstormings“ war
a) eine umfangreiche erste Variablenliste (47 Variablen) (vgl. Linkfenster)
b) ein großes Systembild der Küstenniederung (vgl. Kaul & Reins, S. 11).

(2) zweite (große) Gesprächsrunde:
Datum:
12.02.2000
Ort: Timmendorfer Strand
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Variablenliste“
Ziel: Den in der ersten Gesprächsrunde erarbeiteten aber noch sehr umfangreichen Variablensatz (47 Variablen) zu einem überschaubaren und trotzdem systemrelevanten Variablensatz zusammenfassen!

  Zum Lesen

Vorgehensweise: Innerhalb der zweiten Gesprächsrunde (aufgeteilt in drei Arbeitsgruppen zu je ca. sechs Teilnehmern) wurden die Variablen des umfangreichen Variablensatzes den einzelnen Lebensbereichen (Wirtschaft, Bevölkerung, Flächennutzung, Humanökologie, Infrastruktur und Gemeindewesen) zugeordnet. Anschließend wurden die zugeordneten Variablen zu übergeordneten Variablen zusammengefasst und die Einzelergebnisse der drei Arbeitsgruppen in der gesamten Gesprächsrunde diskutiert und aufeinander abgeglichen. Resultat war ein Variablensatz (bestehend aus 17 Variablen), der vor der dritten Gesprächsrunde durch die Kaul & Reins GbR anhand einer Kriterienmatrix auf seine Systemrelevanz untersucht und aufbereitet wurde, um sicher zu stellen, „dass alle relevanten Aspekte im Variablensatz enthalten sind. (…) [Denn ansonsten] könnten wichtige Auswirkungen übersehen werden, die das System wesentlich beeinflussen. Dies würde zu Fehlinterpretationen und falschen Prognosen führen“ (KAUL & REINS, 2000, S. 12).
Ergebnis: Ergebnis der zweiten Gesprächsrunde ist ein aus 17 Variablen bestehender Variablensatz.

(3) dritte (große) Gesprächsrunde:
Datum:
8.03.2000
Ort: Scharbeutz
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Kriterien-/ Einflussmatrix“
Ziel: Verbesserung bzw. Vereinfachung der bisherigen Ergebnisse!
Vorgehensweise: Der in Gesprächsrunde zwei und durch die Kaul & Reins GbR aufbereitete Variablensatz und das Ergebnis der Kriterienmatrix wurden in der dritten Gesprächsrunde vorgestellt und ausführlich diskutiert. Änderungen und Verfeinerungen des Variablensatzes aufgrund der Diskussion wurden entsprechend aufgenommen.

Ergebnis: Ergebnis der dritten Gesprächsrunde ist ein überarbeiteter Variablensatz (vgl. Fensterlink).

(4) vierte (große) Gesprächsrunde:
Datum:
1.04.2000
Ort: Timmendorfer Strand
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Einflussmatrix“
Ziel: Beurteilung der Wirkung bzw. des Einflusses der einzelnen Variablen (des Variablensatzes) aufeinander!
Vorgehensweise: Die Gesprächsteilnehmer (aufgeteilt in vier Arbeitsgruppen zu je vier Teilnehmern) bewerteten die direkte Wirkung einer Variable X auf eine andere Variable Y mittels einer Zahl zwischen 0 und 3 und trugen das Bewertungsergebnis in das Formular „Einflussmatrix“ ein. Dabei standen die Zahlen 0 bis 3 für folgende Bewertung:

0= die Variable X hat keine oder eine sehr schwache direkte Wirkung auf die Variable Y,
1= die Variable X hat eine schwache (oder erst später eintretende) direkte Wirkung auf die Variable Y,
2= die Variable X hat eine mittelstarke direkte Wirkung auf die Variable Y und
3= die Variable X hat eine sehr starke direkte Wirkung auf die Variable Y.

Bei der Bewertung der Variablen durch die Gesprächsrundenteilnehmer lautete die zu berücksichtigende zentrale Fragestellung immer:
? Wenn sich die Variable X verändert, wie stark wirkt sich dann diese Veränderung der Variablen X direkt auf die Variable Y aus?

Anschließend wurden auf Basis der Variablenbewertung und der dadurch erhaltenen Einflussmatrix anhand einfacher Rechenschritte die so genannten Einflussindizes berechnet. Anhand der errechneten Einflussindizes konnten nun wiederum alle Variablen in folgend aufgelistete vier Schlüsselelemente zusammengefasst werden:

  Zum Lesen

Ergebnis: Ergebnis der vierten Gesprächsrunde sind die Teilergebnisse der vier Arbeitsgruppen und der Gruppe Kaul & Reins (vgl. Fensterlink). Diese wurden im Anschluss an die Gesprächsrunde von der Kaul & Reins GbR dokumentiert und analysiert.

(5) fünfte (große) Gesprächsrunde:
Datum:
17.05.2000
Ort: Haffkrug
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Wirkungsgefüge“
Ziel: Ziel der fünften Gesprächsrunde war
a) die Erarbeitung einer von allen Teilnehmern getragenen Einflussmatrix, d.h. einer gemeinsamen Konsensmatrix und der aus ihr resultierenden Rollenverteilung,
b) die Präsentation eines vorläufigen Wirkungsgefüges und
c) die Diskussion möglicher Teilszenarien, die im Hinblick auf Küstenschutzmaßnahmen untersucht werden sollen.
Vorgehensweise:
a) In der vierten Gesprächsrunde hatten die Teilnehmer vier Einflussmatrizen erarbeitet. Um sich auf eine gemeinsame Matrix zu einigen (= Konsensmatrix) wurden die von der Kaul & Reins GbR überarbeiteten Ergebnisse der vierten Runde diskutiert und in drei Schritten die Einflussmatrix und die damit korrespondierende Rollenverteilung interpretiert:

b) Ziel des zweiten Teils der Gesprächsrunde war die Erfassung der Art und Richtung der Wirkung aller Variablen. Dafür wurden die von der Kaul & Reins GbR vorbereiteten (und zusammen mit den Einladungen zur Gesprächsrunde verschickten) Arbeitsbögen zum Wirkungsgefüge diskutiert und überarbeitet. „Die Wirkung einer Variable auf eine andere wird durch einen Pfeil symbolisiert. Ein durchgezogener Pfeil bedeutet, dass die Wirkung gleichgerichtet ist: d.h. steigt Variable X, dann steigt auch Variable Y. Ein gestrichelter Pfeil hingegen zeigt eine entgegengerichtete Wirkung auf: d.h. steigt Variable X, dann sinkt Variable Y. Anhand dieser Darstellung können die wesentlichen Zusammenhänge innerhalb des Systems verdeutlicht werden“ (KAUL & REINS, 2000, S. 26) (vgl. Fensterlink).
c) Anschließend diskutierten die Teilnehmer im dritten Teil der Veranstaltung mögliche Teilszenarien, die im Hinblick auf Küstenschutzmaßnahmen zu untersuchen seien.
Ergebnis:
a) Ergebnis der fünften Gesprächsrunde ist eine Konsensmatrix (vgl. Tabelle 2). Diese Konsensmatrix zeigt auf, „wie stark jede einzelne Variable die anderen Variablen beeinflusst (Aktivsumme) bzw. wie stark jede einzelne Variablen von den anderen Variablen beeinflusst wird (Passivsumme)“ (KAUL & REINS, 2000, S. 16).

Tab. 2: Konsensmatrix
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 16

Aus den in der Konsensmatrix festgehaltenen Einflussindizes wurde eine Rollenverteilung für die Variablen im System Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz abgeleitet. Diese Rollenverteilung gibt Abbildung 5 wieder.

Abb. 4: Rollenverteilung für die Variablen des Systems Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 17

b) Ein weiteres Ergebnis der fünften Gesprächsrunde ist das in Abbildung 5 dargestellte Wirkungsgefüge. Dieses Wirkungsgefüge erlaubt bereits eine erste Interpretation der Zusammenhänge zwischen den Variablen (vgl. Fensterlink). Des Weiteren enthält das Wirkungsgefüge 141 negative Regelkreise, d.h. Regelkreise, „die zur Selbstregulierung des Systems führen, es also stabilisieren“ und 57 positive Regelkreise, d.h. Regelkreise, „die über einen längeren Zeitraum zum Explodieren oder schrumpfen führen, gleichzeitig aber auch eine Dynamik des Systems garantieren, es also initiieren“ (KAUL & REINS, 2000, S.27) (vgl. Abbildung 6, 7 und 8).

Abb. 5: Wirkungsgefüge des Systems Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 27

Abb. 6: Beispiel für einen positiven Regelkreis
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 28

Abb. 7: Beispiel für einen negativen Regelkreis
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 30

(6) erstes Treffen der kleinen Arbeitsgruppe:
Datum:
24.05.2000
Ort: Kiel (MLR)
Teilnehmer: Teilnehmer der kleinen Arbeitsgruppe
Ziel: In den ersten fünf (großen) Gesprächsrunden wurde ein Systemmodell für die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz entwickelt. Dieses Systemmodell zeigt die maßgeblichen Aspekte in ihren grundlegenden Zusammenhängen auf. In der ersten kleinen Arbeitsgruppe wurden - anknüpfend an die Ergebnisse der großen Gesprächsrunden - in so genannten Teilszenarien besondere Fragestellungen im Hinblick auf den Küstenschutz in der Küstenniederung betrachtet!
Vorgehensweise: „Die Betrachtung besonderer Fragestellungen geschieht mit wenigen, thematisch ausgewählten Variablen und ihren Verknüpfungen in Teilszenarien. Sie bilden die Grundlage für interessante ‘Wenn-Dann-Betrachtungen’ und bieten die Möglichkeit, die Folgen von Veränderungen der betrachteten Variablen zu untersuchen. Darüber hinaus lässt sich überprüfen, ob Maßnahmen die gewünschte Wirkungen erzielen oder ob sie zu unerwünschten Wirkungen bzw. ‘Nebenwirkungen’ führen“ (KAUL & REINS, 2000, S. 32).
Dabei wurden folgend aufgelistete Teilszenarien detaillierter betrachtet:


„Die Entwicklung des Teilszenarios entspricht in seinen Grundzügen der Entwicklung eines Wirkungsgefüges. Die Auswahl der Variablen erfolgte in der Gestalt, dass mit wenigen Kenngrößen bzw. Variablen wesentliche Zusammenhänge im Küstenschutz beschrieben werden. Dabei werden touristische/ wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Aspekte in die Überlegungen mit einbezogen (…) Analog zur Erstellung des Wirkungsgefüges wurden die Wirkungen der Variablen untereinander in einem Wirkungsgefüge = Teilszenario dargestellt. Die Wirkungen einer Variable auf eine andere wird analog zum Wirkungsgefüge ebenfalls durch einen Pfeil symbolisiert“ (KAUL & REINS, 2000, S. 33).
Ergebnis: Ergebnis des ersten Treffen der kleinen Arbeitsgruppe ist die Erstellung des Teilszenarios ‘Nulllösung’ (vgl. Abbildung 9). „Im Laufe der Erstellung des ersten Teilszenarios ‘Nulllösung’ hat sich herausgestellt, dass die dort festgelegten und vernetzten Variablen auch auf die anderen drei Szenarien übertragen werden können, da sie im Kern gleich sind. Differenziert werden muss später nur die Beschreibung und Skalierung der beiden Größen ‘Schutz der Strandsubstanz’ und ‘Schutz vor Überschwemmungen’ “ (KAUL & REINS, 2000, S. 33).

Abb. 8: Teilszenario Küstenschutz - Beispiel Nulllösung
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 34

Durch das Teilszenario wird deutlich, dass die extern definierte Störgröße ‘Hochwasserschutz’ eine direkt negative Wirkung auf mehrere Variablen in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz hat.

(7) sechste (große) Gesprächsrunde:
Datum:
14.06.2000
Ort: Timmendorfer Strand
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Teilszenario“
Ziel: Präsentation und Diskussion des Wirkungsgefüges und des Teilszenarios!
Vorgehensweise: Das von der Kaul & Reins GbR vorbereitete Wirkungsgefüge und die Ergebnisse zum Teilszenario wurden in der großen Gesprächsrunde diskutiert und Änderungen aufgenommen.
Ergebnis: Ergebnis der sechsten Gesprächsrunde sind das überarbeitete Wirkungsgefüge und Teilszenario.

(8) zweites Treffen der kleinen Arbeitsgruppe:
Datum:
7.07.2000
Ort: Timmendorfer Strand
Teilnehmer: Teilnehmer der kleinen Arbeitsgruppe
Ziel: Mit Hilfe einer Simulation die Entwicklung einzelner Variablen des Küstensystems Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz im Zeitablauf aufzeigen!
Der Arbeitsschritt Simulation des Sensitivitätsmodells basiert auf den bereits erwähnten Teilszenarien. Der Arbeitsschritt simuliert nicht das ganze Systemmodell, sondern nur Teile davon. Das heißt er „gibt kein dynamisches Abbild des Systems, sondern zusätzliche Informationen über den Systemzusammenhang“ (KAUL & REINS, 2000, S. 36).

Vorgehensweise: Um die Entwicklung einzelner Variablen über die Zeit aufzuzeigen, muss das komplexe Zusammenwirken mehrerer Variablen in ein mathematisches Modell übertragen werden. Nach KAUL & REINS sollte dieses Modell durch den Benutzter „möglichst einfach zu erstellen sein und dennoch die realen Zusammenhänge widerspiegeln“ (2000, S. 36). Vor der ersten komplexen realitätsnahen Simulation muss der Benutzer folgend aufgelistete vier Schritte als Vorarbeit leisten (vgl. Fensterlink):

  1. die Variablen skalieren und auf den aktuellen Anfangswert einstellen,
  2. eventuell interne Funktionen bestimmen und
  3. die Wirkungspfeile in Form von Tabellenfunktionen ausdrücken und einen Eingangsfaktors für die Zielvariable festlegen.

Nach Abschluss der vier Vorbereitungsschritte war der theoretische Aufbau der Simulation durch den Benutzer beendet. Im Anschluss daran konnten die entsprechenden Daten und Beschreibungen in den Computer eingegeben und die einzelnen Simulationen durchgeführt werden.

Ergebnis: Die Experten der kleinen Arbeitsgruppe leisteten die beschriebenen Vorbereitungsschritte, um die Simulation durchführen zu können (vgl. Linkfenster).

(9) siebte (große) Gesprächsrunde:
Datum:
19.07.2000
Ort: Scharbeutz
Teilnehmer: Teilnehmer der großen Gesprächsrunde
Titel: „Arbeitsergebnisse & Handlungsempfehlungen“
Ziel: Präsentation und Diskussion der Simulationsergebnisse und Formulierung von Handlungsempfehlungen!
Vorgehensweise: In der letzten Gesprächsrunde wurden die Ergebnisse des zweiten Treffens der kleinen Arbeitsgruppe vorgestellt und mit allen Teilnehmern diskutiert. Abschließend wurde auf Basis der diskutierten Simulationsergebnisse und der Ergebnisse aller vorherigen Gesprächsrunden Handlungsempfehlungen für zukünftige Küstenschutzmaßnahmen in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz formuliert.
Ergebnis der siebten und damit letzten großen Gesprächsrunde ist die Diskussion der Simulationsergebnisse und die Ableitung von Handlungsempfehlungen aus diesen und den übrigen Gesprächsrunden-ergebnissen. Die im Rahmen des Sensitivitätsmodells durchgeführten Simulationen simulieren einen Zeitraum von 75 Jahren. „Bei aller Sorgfalt in der Festlegung der Simulationsbedingungen sei noch einmal betont, dass selbst die ausgeklügelte Simulation lediglich eine ‘Wenn-Dann-Prognose’ ist und immer nur als Denkhilfe zum besseren Verständnis des Systemverhalterns dienen kann. Mit der Simulation lässt sich daher nicht die Zukunft voraussagen!“(KAUL & REINS, 2000, S. 41).

Im Folgenden werden die Simulationsergebnisse der vier Teilszenarien kurz wiedergegeben.
Simulation ’Nulllösung’
Bei dem Teilszenario ‘Nulllösung’ werden keine weiteren Küstenschutzmaßnahmen durchgeführt. „Die Simulation des Szenarios ’Nulllösung’ zeigt, dass sich mittel- bis langfristig durch die stetige Zunahme der Hochwassergefahr bzw. deren Häufigkeit, die Güte des Lebensraumes und auch die Attraktive Angebotsstruktur um ca. 50% im Vergleich zur Ausgangssituation verschlechtern. Dieses liegt daran, dass die kontinuierlich steigende Hochwassergefahr ohne Gegenmaßnahmen negativ auf die Sicherheit der Menschen wirkt und tatsächliche Überschwemmungen die vorhandene Angebotsstruktur zerstören. Als direkte Folge davon gehen mit geringer Zeitverzögerung (ca. 15 Jahre) auch die Gästezahlen zurück.
Fazit: Das vorherrschende System ist aufgrund der externen Störgröße ’Hochwassergefahr’ langfristig ohne gegensteuernde Maßnahmen nicht stabil. Die anfangs noch mögliche Steigerung der Gästezahlen ist nicht nachhaltig“ (KAUL & REINS, 2000, S. 42-43) (vgl. Abbildung 10).

Abb. 9: Simulation Nulllösung
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 42

Simulation ’Maximallösung’
Im Teilszenario ’Maximallösung’ wird als Küstenschutzmaßnahme ein Landesschutzdeich gebaut. „Erwartungsgemäß nehmen die attraktive Angebotsstruktur und die Güte des Lebensraumes aufgrund der maximalen Sicherheit vor Überschwemmungen stark zu. Im Gegenzug nimmt jedoch die Attraktivität des Strandbereichs durch diese extreme Hochwasserschutzmaßnahme rapide ab. Dadurch ist auch hier die kurzfristig erzielte Erhöhung der Gästezahlen nicht nachhaltig. Langfristig wird die positive Wirkung wahrscheinlich durch die abnehmende Attraktivität des Strandbereichs sogar überkompensiert, so dass ein Absinken des Gästezahlenniveaus unter die Ausgangssituation möglich erscheint.
Fazit: Das Ziel einer maximalen Sicherheit vor Überschwemmungen könnte langfristig negativ auf den wichtigsten Wirtschaftsfaktor beider Gemeinden – auf die Gäste – wirken“ (KAUL & REINS, 2000, S. 43-44) (vgl. Abbildung 11).

Abb. 10: Simulation Maximallösung
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 43

Simulation ’Schutz vor Überschwemmungen (Hochwasserschutz)’
Für das Teilszenario ’Schutz vor Überschwemmungen (Hochwasserschutz)’ werden nur Maßnahmen zum Hochwasserschutz durchgeführt. „Die einseitige Verbesserung des Hochwasserschutzes durch gezielte Maßnahmen führt ebenfalls zu einer Verbesserung der Angebotstruktur und auch der Güte des Lebensraums. Diese fällt jedoch naturgemäß nicht so stark aus wie bei einem Landesschutzdeich und könnte auf sehr lange Sicht (ca. 50-60 Jahre) auch wieder Rückläufig sein, wenn die Hochwasserhäufigkeit im Zeitablauf tatsächlich stetig zunimmt. Der negative Einfluss auf den Strandbereich ist sehr viel geringer als bei einem Landesschutzdeich, so dass das Niveau der Gästezahlen nach einer Simulation von 75 Jahren sehr viel höher liegt, als in der Ausgangssituation. Der Eingriff in die Natur kann in etwa mit dem Landesschutzdeich gleichgesetzt werden, hängt aber stark von den spezifischen Maßnahmen ab.
Fazit: Es kann relativ langfristig eine hohe Sicherheit vor Überschwemmungen erzielt werden, mit positiven Auswirkungen auf die Güte des Lebensraums und die Angebotsstruktur. Gleichzeitig kann auch langfristig ein hohes Gästezahlenniveau erreicht und gehalten werden“ (KAUL & REINS, 2000, S.44-45) (vgl. Abbildung 12).

Abb. 11: Simulation Schutz vor Überschwemmungen (Hochwasserschutz)
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 44

Simulation ’Schutz der Strandsubstanz (Erosionsschutz)’
Im Teilszenario ’Schutz der Strandsubstanz (Erosionsschutz)’ werden reine Erosionsschutzmaßnahmen durchgeführt. „Die Fokussierung auf reine Erosionsschutzmaßnahmen führt zwar zu einer Verbesserung des Strandbereiches gegenüber der Ausgangssituation, bezüglich der Entwicklung der Güte des Lebensraumes und der Attraktivität der Angebotsstruktur gibt es aber keine Änderungen zu der oben simulierten ’Nulllösung’, so dass auch hier die Entwicklung der Gästezahlen langfristig in den negativen Bereich gehen wird.
Fazit: Eine Maßnahme rein ’kosmetischer’ Natur für den Strandbereich, die jedoch keine sichtbaren Effekte auf die von der Hochwassergefahr ausgehende Bedrohung auf die Angebotsstruktur und die Sicherheit der Menschen hat“ (KAUL & REINS, 2000, S.45) (vgl. Abbildung 13).

Abb. 12: Simulation Schutz der Strandsubstanz (Erosionsschutz)
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 45

Ergebnis der Simulationen
Die vier Simulationen zeigten, dass weder eine Null- noch eine Maximallösung in der Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz eine nachhaltige Lösung darstellen. Bei Lösungen, die nur den Hochwasserschutz oder nur den Erosionsschutz berücksichtigen verlieren entweder der Strandbereich oder die Angebotsstruktur und die Güte des Lebensraumes an Attraktivität. Als Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen resultierte die Annahme, dass ein Maßnahmenmix aus Hochwasser- und Erosionsschutz sinnvoll sein könnte.

Simulation ’Hochwasser- und Erosionsschutz’< Aus diesem Grund wurde als ein weiteres Szenario ein Mix aus Hochwasser- und Erosionsschutz simuliert. „Es zeigte sich deutlich, dass durch einen Maßnahmenmix aus Erosions- und Hochwasserschutz sowohl der Strandbereich und die Angebotsstruktur als auch die Güte des Lebensraums an Attraktivität gewinnen und erst sehr langfristig bei stetig steigender Hochwassergefahr wieder abnehmen. Parallel können auch die Gästezahlen auf einem sehr hohen Niveau gehalten werden. Da durch solch einen Maßnahmenmix die Intaktheit der Natur im Gegensatz zu den anderen Szenarien stärker angegriffen wird, sollten hier flankierende Maßnahmen durchgeführt werden, die eine Intaktheit der Natur gewährleisten.
Fazit: Bezogen auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren stellt dieses Szenario die beste Lösung dar. Da hier jedoch der Eingriff in die Natur durch unterschiedliche Maßnahmen am stärksten ist, sind flankierende Maßnahmen zum Erhalt der Intaktheit der Natur notwendig“ (KAUL & REINS, 2000, S. 46-47) (vgl. Abbildung 14).

Abb. 13: Simulation Mix aus Hochwasser- und Erosionsschutz
Quelle: KAUL & REINS, 2000, S. 46

Im Anschluss an die Präsentation und Diskussion der Simulationsergebnisse stellten die Teilnehmer heraus, dass die Ergebnisse der Simulationen und Gruppendiskussionen „auf jeden Fall als Entscheidungsgrundlage für die’ Küstenschutzexperten’ herangezogen werden sollten, da sie von Teilen der Bevölkerung getragen werden (KAUL & REINS, 2000, S. 47).

Ergebnisse der Untersuchung
Die große Arbeitsgruppe trägt einstimmig die erarbeiteten Ergebnisse, sowie die von der kleinen Arbeitsgruppe vorgestellten Zwischenergebnisse der Teilszenarien zum Küstenschutz.

Ziel der Sensitivitätsanalyse war die Untersuchung der Auswirkungen einer zunehmenden Hochwassergefahr auf das gesamte Überflutungsgebiet Timmendorfer Strand/ Scharbeutz und verschiedene mögliche Formen des Hochwasserschutzes zu untersuchen. Daher werden dem Ziel folgend auch keine konkreten Küstenschutzmaßnahmen vorgeschlagen. Einzige Empfehlung der Arbeitsgruppe ist ein Maßnahmen-Mix aus Hochwasser- und Erosionsschutz, welche konkreten Baumaßnahmen das mit sich bringt, war an der Stelle allerdings noch offen.

 

3.5. 

Bewertung der Sensitivitätsanalyse (SWOT-Analyse) und Schlussfolgerungen

Inwieweit die Sensitivitätsanalyse als innovatives Beteiligungsinstrument überhaupt die Bemühungen um eine aktive Bürgerbeteiligung im Küstenschutz vorangebracht hat, untersuchte HOFSTEDE, 2004 mit Hilfe einer so genannten SWOT-Analyse. Er nahm an der Sensitivitätsanalyse in den Gemeinden Timmendorfer Strand/ Scharbeutz teil.

„In einer SWOT-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren-Analyse) wurde die Sensitivitätsanalyse als Beteiligungsinstrument untersucht (…). Mit diesem Verfahren können ohne großen Aufwand Produkte, Prozeduren, Leistungen, etc. auf ihre Erfolgsaussichten und Effektivität bewertet werden. Die [SWOT] Analyse stellt eine subjektive Einschätzung der/ des Verfasser/ s dar“ (HOFSTEDE, 2004, S. 7). Tabelle 3 gibt die Ergebnisse der durchgeführten SWOT-Analyse wieder.

Tab. 3: SWOT-Analyse der in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz durchgeführten Sensitivitätsanalyse
Quelle: HOFSTEDE, 2004, S. 8

Stärken Schwächen
  • aktive und frühzeitige Beteiligung der Betroffenen
  • systematischer Ansatz
  • Transparenz der Resultate
  • geringe Teilnehmerzahl
  • ermüdende und zeitaufwendige Prozedur
  • Abhängigkeit von Freiwilligen
Chancen Gefahren
  • (An)Erkennung der Probleme
  • (An)Erkennung der Verantwortung
  • Akzeptanz der Lösungen
  • Resultate weichen ab von den Erwartungen des Auftraggebers
  • Interessenverlust während der Sitzungen
  • zu wenig Teilnehmer

Als eine Schwäche ermittelte HOFSTEDE (2004) die geringe Zahl der Teilnehmer im Vergleich zur Zahl der insgesamt Betroffenen. „Als Konsequenz können die Resultate der Arbeitsgruppe nachträglich skeptisch hinterfragt bzw. abgelehnt werden durch Nicht-Beteiligte“ (HOFSTEDE, 2004, S. 7). Allerdings schränkt er ein, dass die Teilnehmer zumeist Interessengruppen vertreten und üblicherweise als aktive Einwohner der Gemeinden als Multiplikatoren fungieren könnten. Als Stärken benennt er u. a. die aktive und frühzeitige Beteiligung der Betroffenen und die Transparenz der Resultate (vgl. Fensterlink zu Vor- und Nachteilen der Bürgerbeteiligung). Als eine Gefahr wird der mögliche Interessenverlust während der Gesprächsrunden bezeichnet- die in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz durchgeführte Sensitivitätsanalyse dauerte rund ein halbes Jahr (vom 27.01.2000 bis zum 19.07.2000). Als Chancen der Sensitivitätsanalyse führt HOFSTEDE (2004, S. 7) „eine Anerkennung der Problemlage und eine Akzeptanz der Eigenverantwortung, wodurch eine engagierte Mitarbeit bei der Lösungsfindung wahrscheinlich wird“ an.

Die Autorin dieses Lern- und Informationsmoduls Anke Vorlauf hat an der in den Gemeinden Timmendorfer Strand und Scharbeutz durchgeführte Sensitivitätsanalyse nicht teilgenommen. Aus der Sicht einer Außenstehenden bewerte ich die Sensitivitätsanalyse insgesamt als einen viel versprechenden Ansatz für eine aktive Bürgerbeteiligung. Ich schließe mich den Ergebnissen der SWOT-Analyse von HOFSTEDE an, gewichte die Stärken und Chancen der Analyse allerdings stärker als die möglichen Schwächen und Gefahren. Besonders im Hinblick auf die Transparenz, Identifikation und Akzeptanz der Planungsschritte und Ergebnisse weist die Sensitivitätsanalyse Vorzüge auf. Als aktives Beteiligungsverfahren kann die Sensitivitätsanalyse als erfolgreich durchgeführt bewertet werden.

Bedauerlicherweise ist es bislang in der Küsteniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz noch zu keiner konkreten Umsetzung von Küstenschutzmaßnahmen gekommen. Dies kann u.a. auf die Dauer und Komplexität der gesetzlich vorgegebenen Verwaltungsschritte zurückgeführt werden. Es muss an dieser Stelle aber vermerkt werden, dass die fehlende Umsetzung der Maßnahmen nicht auf die Analyse zurückzuführen ist. So gesehen erscheint auch zukünftig die Beteiligung der Lokalbevölkerung im Küstenschutz u. a. anhand der Sensitivitätsanalyse begrüßenswert! Da aber zu erwarten ist, dass die Erinnerung der Beteiligten an die Sensitivitätsanalyse mit der Zeit gemindert wird, sollten künftig die Ergebnisse und Empfehlungen einer durchgeführten Sensitivitätsanalyse möglichst zügig umgesetzt werden.

 

3.6. 

Fortführende Literatur

EUROPÄISCHE KOMMISSION (1999a): Eine europäische Strategie für das integrierte Küstenzonenmanagement (IKZM): Allgemeine Prinzipien und politische Optionen. Ein Reflexionspapier. Das Demonstrationsprogramm der EU zum Integrierten Küstenzonenmanagement 1997-1999. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 32 Seiten.

FÜRST, D.; SCHOLLES, F. & H. SINNING (2001): Gesellschaftswissenschaftliche Grundlagen. Planungsmethoden. Kapitel 8 Partizipative Planung.
http://www.laum.uni-hannover.de/ilr/lehre/Ptm/Ptm_Part.htm (Ausdruck vom 10.03.2005).

HOFSTEDE, J. (2004): Timmendorfer Strand und Scharbeutz: zwei Ostseegemeinden schützen sich vor Klimaänderungen. Kiel, 10 Seiten. In: GÖNNERT, G.; GRASSL, H.; KELLETAT, D.; KUNZ, H.; PROBST, B.; VON STORCH, H. & J. SÜNDERMANN (2004): Klimaänderung und Küstenschutz. Unveröffentlichter Tagungsband der Proceeding Tagung vom 29.-30.11.2004, Eigenverlag.

KAUL, J.-A. & C. REINS (2000): Abschlußbericht der Sensitivitätsanalyse zu einem Integrierten Küstenschutzkonzept für die Küstenniederung Timmendorfer Strand/ Scharbeutz. Kiel, 53 Seiten.

REESE, S.; MARKAU H. J. & H. STERR (1999): Wertermittlung hochwassergefährdeter Gebiete in den Gemeinden Scharbeutz und Timmendorfer Strand.
Der Endbericht der Wertermittlung ist nicht veröffentlicht worden, kann aber auf der Webseite des Forschungs- und Technologiezentrum Westküste unter http://www.ftz.uni-kiel.de/ag4/Timdorf/timdorf2.html eingesehen werden (Ausdruck vom 28.01.2005).

 

4. 

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis:

 

 

Webseitenverzeichnis:

 

5. 

Impressum und Kontakt

Web-Seite: http://www.ikzm-d.de
Herausgeber: EUCC- Die Küsten Union Deutschland e.V.
Auftraggeber: Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein, EUCC- Die Küsten Union Deutschland e.V. und CoPraNet
Webmaster: Dr. Steffen Bock
Zusammengestellt von: Diplom-Geographin Anke Vorlauf
Ich möchte an dieser Stelle Herrn Dr. Jacobus Hofstede vom Innenministerium Schleswig-Holstein für die freundliche und informative Unterstützung, die bereitgestellten Materialien und die Durchsicht der Texte danken!
Inhalt: Aufbereitung des erstmals in Schleswig-Holstein eingesetzten innovativen Verfahren: die Sensitivitätsanalyse nach dem "Sensitivitätsmodell Prof. Vester ®" und weitere Informationen rund um die Bürgerbeteiligung im Küstenschutz.
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