textEXKURS: Sukzession

Aus Goudie, A. (2002): Physische Geographie – Eine Einführung, 4. Aufl., Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg ∙ Berlin, S. 418 - 421

Die Habitate der Pflanzen verändern sich mit der Zeit, und mit ihnen verändern sich die Pflanzengesellschaften, denn die Lebensgemeinschaften sind bestrebt, Veränderungen in ihrem Lebensraum, in ihrem Ökosystem durch sich neu ordnende Organismengemeinschaften auszugleichen. Dieser Vorgang wird als Sukzession bezeichnet. In ihrem Verlauf werden bestehende Pflanzengemeinschaften von anderen, an die jeweilig entstandenen Umweltbedingungen besser angepasste Gemeinschaften.

Da bei unterscheidet man die Primärsukzession von der Sekundärsukzession. Als Sekundärsukzession werden Vegetationsentwicklungen auf bereits mit einer Pflanzendecke versehenen Standorten bezeichnet, die jedoch aus natürlichen oder anthropogenen Gründen geschädigt oder beseitigt wurden. Die Primärsukzession beinhaltet dagegen die Erstbesiedlung eines vegetationsfreien Standortes. Dieser kann von einer Schlickebene an der Küste, von einer sich hinter einem Strand bildenden Sanddüne, von einem abschmelzendem und Terrain freigegebenden Gletscher, von einem ausbrechenden Vulkankegel stammen. Mit der Zeit wird der nackte Grund durch Vegetation besiedelt, und diese verändert im Lauf ihrer Entwicklung von Pioniergesellschaften über Kraut- und Strauchgesellschaften hin zu Waldgemeinschaften die abiotischen Standortbedingungen (zum Beispiel Lufttemperatur und Luftfeuchte), sowie die Wuchs- und Konkurrenzbedingungen. Schließlich wird das Ökosystem im reifen Zustand der Sukzession stabil. Es erfolgen nur wenige Veränderungen. Diese Phase bezeichnet man als Klimax. Wo dieses Klimaxstadium ein paar hundert oder sogar tausend Jahre dauert und mit den Umweltbedingungen, vor allem den großklimatischen, im Gleichgewicht zu sein scheint, spricht man von einer klimatischen Klimaxvegetation. Die Klimaxgesellschaft stellt einen dauerhaften Zustand zwischen der Pflanzendecke und der physischen Umwelt dar. Die vom Pionierstadium bis zum Klimaxstadium aufeinander folgenden Pflanzengesellschaften bilden eine Sukzessionsreihe und die einzelnen vorübergehenden Gesellschaften, die zu einem bestimmten Zeitpunkt den Ort einnehmen, formen die Sukzessionsstadien.

Wir wollen ein Beispiel für eine Sukzession genauer betrachten. Ein Gletscher schmilzt ab und legt einen kleinen See frei. Zu Beginn bewohnen nur Wasserpflanzen wie Wasserlilien und Algen und semiaquatische Pflanzen wachsen und sterben, werden ihre Reste am Boden abgelagert, und nach vielen Jahren entwickelt sich eine dicke Schicht aus organischem Material. Die organische Schicht wächst im seichten Wasser in der Nähe des Ufers, wo die Produktivität am höchsten ist, schrittweise bis an die Wasseroberfläche, wo neue Habitate für gewisse Typen von Moosen, Gräsern und Büschen entstehen. Diese Pflanzen wiederum fügen einerseits organisches Material zum Habitat hinzu und helfen andererseits, die Oberfläche zu stabilisieren. In der Zwischenzeit ergänzen Zuflüsse das organische Material mit Sedimenten. In kleinen Schritten greift die Pflanzengesellschaft immer mehr auf die offene Wasserfläche über und fügt immer mehr organisches Material hinzu. Wenn der Teich vollständig bedeckt ist, haben die aquatischen und semiaquatischen Pflanzen keinen Lebensraum mehr; ihr ursprünglicher Lebensraum ist zu stark verändert worden. Schließlich werden die für diese Klimazone charakteristischen Baumarten das Gebiet, das früher einmal ein Teich war, besiedeln. […] Die meisten Sukzessionsprozesse und –abfolgen zeichnen sich durch eine Anzahl von Trends oder fortschreitenden Entwicklungen aus:

Die Sukzessionsrate ist je nachdem, wie günstig die Umweltfaktoren sind, unterschiedlich. Wenn ein Tundrengebiet durch menschlichen Eingriff oder durch natürliche Ursachen seine Vegetationsdecke verliert, braucht es eine beträchtliche Zeit, bis sich wieder eine volle Sukzessionsabfolge einstellt. Demgegenüber können die verschiedenen Sukzessionsstadien in den feuchten Tropen sehr rasch ablaufen.
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Als F.E. Clements im Jahre 1916 zum ersten Mal das Konzept der Sukzession vorstellte, ging er davon aus, dass in jeder regionalen Hauptklimazone nur ein Typ der Klimavegetation erwartet werden könne, selbst wenn die Sukzession aus ganz unterschiedlichen Pionierstandorten (Dünen, Marschen, Teich und so weiter) ihren Anfang genommen habe. Es ist aber verständlich, dass es topographische, edaphische, biotische oder andere Hemmfaktoren geben, welche den Sukzessionsprozess stoppen und Anlass zu einem Subklimax geben, in der die Pflanzen durch nichtklimatische Steuerungen in einer offensichtlich stabilen Lage gehalten werden. Der menschliche Einfluss kann ein solcher Hemmfaktor sein, und wenn seine Auswirkungen dauerhaft sind, kann eine vom Menschen gesteuerte Plagioklimax-Gesellschaft entstehen wie zum Beispiel in vielen Heidelandschaften. Heute weiß man, dass einige Pflanzengesellschaften, die man ursprünglich als klimatische Klimaxtypen betrachtete (zum Beispiel Savannen und Grasland in mittleren Breiten), zum Teil das Ergebnis menschlicher Einflüsse sind, wobei das Feuer eine zentrale Rolle spielte. Generell nimmt man heute an, dass es in jeder Klimazone nicht nur einen Klimaxtyp gibt. (Idee der Monoklimax), sondern dass je nach der relativen Bedeutung der verschiedenen Umweltfaktoren eine ganze Reihe von möglichen stabilen Gesellschaften entstehen können (Idee der Polyklimax).