Beispiele in MV

Als mögliche Anpassungsstrategie an die Risiken des Klimawandels im Küstenraum wird in Kapitel 2.1 der qualifizierte Rückzug genannt. Dies bezeichnet die Rückverlegung der Küstenschutzlinie ins Hinterland, sodass die Entwicklung der natürlichen Dynamik in gefährdeten Küstenniederungen wieder zugelassen wird. Bisherige Schutzmaßnahmen, wie Deiche oder Ufermauern, werden gänzlich oder teilweise zurückgebaut oder aufgegeben, um die Überflutung dieser vormals gesicherten Gebiete zuzulassen. Auf den neu gewonnenen Überflutungsflächen können sich Salzwiesen und Küstenüberflutungsmoore ausbreiten, die für eine effektive Abschwächung der Wellenenergie sorgen und somit die Erosion reduzieren und Sediment zurückhalten. Küstenerosion und die Gefahr von Überflutung durch Hochwasserereignisse werden dementsprechend vermindert. Bei einer regelmäßigen Überflutung mit einhergehender Sedimentation wächst das vormals geschützte Gebiet in der Höhe mit, passt sich so natürlicherweise an den steigenden Meeresspiegel an und bildet einen natürlichen Puffer2.

Schematische Darstellung der Rückverlegung der Küstenschutzlinie in der Aufsicht. ©CAU Kiel/ Maria Malmberg.

Rückverlegung der Deichlinie der Karrendorfer Wiesen

Etwa zehn Kilometer nördlich von Greifswald ragt die Landzunge Karrendorfer Wiesen in den Greifswalder Bodden. Das ursprüngliche Küstenüberflutungsmoor mit Salzweidentorf wurde ab dem 18. Jahrhundert sukzessive durch Gräben und Schöpfwerke entwässert und eingedeicht. Ein rasanter Moorschwund folgte. Infolgedessen sank die Oberfläche des eingedeichten Gebiets teilweise unter Meeresspiegelniveau ab1. Die Küstenschutzlinie der Halbinsel wurde 1993 nach langer landwirtschaftlicher Nutzung zurückverlegt, so dass sich das 3,6 km² große Überflutungsgebiet naturnah weiterentwickeln konnte2. Alte Schöpfwerke, der ehemalige Deich und die Entwässerungsgräben wurden zurückgebaut1. Eine landwirtschaftliche Nutzung des Gebiets als Weidefläche ist unter Auflagen weiterhin möglich. Zum Schutz der angrenzenden Ortschaften wurde im Inland ein neuer Deich gebaut2.

Seit der Umsetzung des Projektes gehören die Karrendorfer Wiesen zum Naturschutzgebiet „Insel Koos, Kooser See und Wampener Riff“ durch dessen Renaturierung ein naturnahes Küstenüberflutungsmoor mit natürlichem Überflutungsgeschehen entstehen konnte. Die Karrendorfer Wiesen sind ein Paradebeispiel der Rückverlegung, die sehr schnell umgesetzt wurde und zum Erhalt eines Küstenüberflutungsmoors beitragen konnte2.

Rückverlegung der Küstenschutzlinie und Renaturierung des Ostzingsts

Die im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gelegene Halbinsel Ostzingst umfasst den Osterwald, ein ursprüngliches Regenmoor, die Sundische Wiese, eine ursprüngliche Salzwiese, sowie das große Weißdünenfeld Hohe Düne bei Pramort. Die primäre Landschaft wurde im 19. Jahrhundert eingedeicht und entwässert. Die ausgedeichten Flächen wurden jahrzehntelang durch Landwirtschaft und Militär genutzt. Die Rückverlegung wurde im Rahmen der Erneuerung des Leitdeichs durchgeführt. Dafür wurde der vormalige Boddendeich abgetragen und der Seedeich an mehreren Stellen geschlitzt. Vormalige Schöpfwerke wurden zurückgebaut. Vormals eingedeichte Flächen (16 km²) wurden anschließend als Ausgleichsmaßnahme für den Bau des neuen Leitdeichs renaturiert. Südlich des neuen Leitdeichs entstehen Küstenüberflutungsmoore mit Salzwiesen, die weiterhin als Weideflächen genutzt werden können. Nördlich des neuen Leitdeichs wird die natürliche Dynamik wiederhergestellt. Eine Ausbreitung von Strandseen, Mooren, Röhrichten und Mischwäldern wird erwartet. Durch häufigere Überflutungsereignisse wird die hydrologische Situation verbessert und neue Lebensräume können sich ausbreiten3.

Das Gebiet innerhalb des Nationalparks eignet sich zwar aufgrund der fehlenden Besiedlung und geringen Infrastruktur für eine Rückverlegung, allerdings handelt es sich um drastische Eingriffe in das Kerngebiet des Nationalparks. Während das Planungsfeststellungsverfahren bereits 1994 eingeleitet wurde, begann die praktische Umsetzung der Rückverlegung erst 2004. Die Renaturierungsmaßnahmen auf dem Ostzingst werden auch im Jahr 2020 noch fortgeführt2.

Karte der Halbinsel Zingst mit alter und neuer Deichlinie. ©StALU VP, verändert.

Literaturhinweise

  1. Michaelis, Dierk (2003): Die Karrendorfer Wiesen. In: Billwitz, Konrad (Hrsg.), 2003: Landschaftsökologische Exkursionen in die Greifswalder Umgebung. Greifswalder Geographische Arbeiten; 2003, 30, DOI: 10.23689/fidgeo-1961 . Hier lesen.
  2. Petersen & Stybel (2021): Rückverlegung von Küstenschutzlinien. GoCoase Factsheet No. 3. Hier lesen.
  3. Staatliches Amt für Umwelt und Natur (StAUN) Stralsund (2009): Sturmflutschutz Renaturierung Ostzingst – Eine Zwischenbilanz. 1. Auflage. Stralsund.